Serious Series
Exploratorium Berlin, 12. bis 14. Dezember
Wer in Berlin nicht bis zum 31. Juli seinen Förderantrag für nächstjährige Veranstaltungen bei der „Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt“, so heißt das mittlerweile, stellt, geht leer aus, man kennt da keine Gnade. Achim Kaufmann und Frank Gratkowski, die künstlerischen Leiter seit 2019, waren diesbezüglich entweder zu optimistisch oder schlicht unpässlich, jedenfalls war die Fristversäumnis der Grund für den letztjährigen Ausfall der Serious Series, dem eher kleinen, stets feinen Festival für Impro und progressiven Jazz, das seit 2010 immer kurz vor Weihnachten in Berlin stattfindet und bei dem sich im Publikum immer auch viele Berlin-based Musiker und Veranstalter finden, womit das ganze den Charakter einer Weihnachtsfeier der örtlichen, bekanntlich überaus großen Impro-Szene gewinnt.
Nach der Zwangspause waren einige Neuigkeiten zu verzeichnen: Das neue Kuratorenteam sind der Bassist Jan Roder und die Saxofonistin Anna Kaliza. Se stehen, neben besagtem Duo Kaufmann/Gratkowski, in der Nachfolge von Uli Kemppendorff, Kathrin Pechlof und Christian Weidner. Zudem wurde die Location gewechselt: Von den Uferstudios mit dem charismatischen Reparatur- und Wartungsbecken im alten Straßenbahndepot als Spielort im Wedding ging es jetzt in das Exploratorium im Kreuzberger Bergmannkiez, einen Konzertraum mit zwar formidabler Akustik, aber leider ohne Bühne, was bei gut besuchter Veranstaltung die weiter hinten Sitzenden doch um manch visuellen Genuss bringt.
Kommen wir zur Sache: Evan Parker ist ein Verschwörungssschwurbler der heftig-üblen Sorte. Wie die Zeitschrift Wire vor wenigen Jahren berichtete (man google: Wire, Parker, Conspiracy), ließ Parker diesbezüglich nichts aus: Aids als Erfindung der Pharmaindustrie, von Corona ganz zu schweigen, 9/11 natürlich ein Inside-Job usw.usf., die ganze Palette des antiaufklärerischen Contrarianism, inklusive Pro-Brexit, wie sie leider gerade auch in Kreativkreisen gar nicht so selten anzufinden sein soll. Dergleichen hatte zur Folge, dass Parker im Cafe Oto in London erst einmal eine Zeit lang gecancelt wurde, bevor man ihn anlässlich des Peter Brötzmann-Tribute im Februar ’24 wieder einlud, unter der Voraussetzung freilich, sein Schwurbeln im Zaum zu halten und diskursive Gegenargumente zuzulassen. Die Notwendigkeit einer Trennung zwischen Person und Werk, persönlicher Überzeugung und künstlerischem Können, so schwer es mitunter auch fallen mag, wurde auch im Exploratorium evident: Wie der 81-Jährige im Duett mit dem Saxofonisten Peter van Bergen (Foto oben: Brian David Crawford) sein Sopransax zur Klangwaffe machte, war, im Wortsinn, atemberaubend: endlose, variantenreiche Klangkaskaden qua Zirkularatmung, kraftvoll-hochfrequente, erquickende Schallexzesse, die die Luft zum Vibrieren bringen, zu goutieren war hier das ganze Spektrum seines großen musikalischen Könnens, demgegenüber selbst degoutante ideologische Unsäglichkeiten verblassen: Ovationen vom Publikum!

Parker war bekanntlich mit Paul Lovens zusammen der Dritte im Bunde der seit Ende der 60er traditionell jährlich im Advent unternommenen Winterreise des Trios von Alexander Schlippenbach, kreuz und quer durch Mitteleuropa. Zusammen mit Dag Magnus Narvesen (dr) Rudi Mahall (cl) war Schlippenbach zuletzt immer noch auf vorweihnachtlicher Achse, wenngleich in deutlich reduzierterer Form, was die Zahl der Auftritte anbelangt. Bei den Serious Series spielt er im Quartett mit Henrik Walsdorff (sax), Antonio Borghini (b) und Jan Leipnitz (dr) – und findet kein Ende. So vertieft in sein Spiel, so voller Konzentration und Freude, dass er nach jedem Set stets von Neuem ansetzt, was der Rest der Combo, aber auch das Publikum am späten Sonntagabend zunehmend irritiert zur Kenntnis nimmt, nicht wagend, den Altmeister auf die Uhr zu verweisen oder ein Ende einzumahnen. So dehnt sich das weitgehend an Notation orientierte, nur in Ausnahmefällen ins Freak-out mündende Konzert, das man auch in der Kategorie Modern Jazz zuordnen könnte, so man wollte, auf fast zwei Stunden Spielzeit!
Weitere Highlights der insgesamt neun Konzerte: Olaf Rupps Solo mit Akustikgitarre nebst Präparationen, ein höchstgradig hin- und mitreißender, hypnotischer Flow, oder auch und keinesfalls zuletzt das Streichquartett Dara Strings mit Biliana Voutchkova, Joanna Mattrey(v), Isidora Edwards(c) und Vinicius Cajado(b), die eine herrlich lebendige, hingebungsvolle Performance abliefern: Zunächst brauchen die vier noch etwas, um zueinander zu finden, aber danach war das hochkommunikative Miteinander nicht mehr aufzuhalten, vier junge Ausnahmekönner:innen, die man in dieser Konstellation hoffentlich noch oft zu hören bekommen wird. Nachdem Kaluza/Roder die Frist für Förderanträge heuer nicht verpasst haben, stehen die Chancen für eine nächstjährige Serious Series nicht schlecht, als Termin ist dann das erste Adventwochenende avisiert.