Sie hielt zeitlebens (1911–1997) vom Handeln mehr als vom Schreiben darüber bzw. bezeichnete sich für zweiteres als zu faul. Das überließ sie gern ihrem Mann Paul Parin. Dabei müssen die Aktivitäten von GOLDY PARIN–MATTHÈY, motiviert von permanenter Neugierde, zwischen abenteuerlustig und revolutionär klassifiziert werden – und als subversiv, von ihren Erfahrungen mit dem Anarchismus stark geprägt, ob als Politaktivistin, als Ärztin oder als Psychoanalytikerin.
In der Schweiz aufgewachsen, übersiedelt sie mit der Familie bald nach Graz, wo sie die Ortweinschule für künstlerisches Gestalten besucht. Der Reichtum des Vaters löst sich in der Wirtschaftskrise völlig auf. Zudem wird es Goldy in Graz bald zu langweilig und zu reaktionär: „Der Abschied von Österreich fiel mir überhaupt nicht schwer. Ich hatte das Gefühl, in einem Sumpf zu leben. Dieses Graz war grauenhaft rückständig, eine nazistische Kloake. … Das Allerwichtigste damals war die Entdeckung eines Büchleins von François Villon. Er war für mich das ganz Andere, die Rebellion. Mit siebzehn Jahren habe ich die Dialektik der Natur von Engels und die Traumdeutung von Freud gelesen, beide Bücher gleichzeitig, und so haben sich beide Gedankenströme für mich vereinigt – die gehörten zusammen, und beide waren vollkommen subversiv.“
Angesichts des drohenden Faschismus schließt sie sich mit der Kommunistischen Jugend den Internationalen Brigaden in Spanien an, um dort als Ärztin zu arbeiten. Eine prägende Erfahrung für ihr gesamtes weiteres Leben. „Die Anarchisten hatten mitten im Krieg ein sogenanntes befreites Gebiet geschaffen. Sie begannen, ihre Art des Zusammenlebens als libertäre Gesellschaft zu kreieren. Sie waren horizontal organisiert, also gleichberechtigte Individuen. Sie schlossen sich freiwillig zusammen und halfen sich gegenseitig, ohne entfremdetes Geld als Tauschwert zu gebrauchen. … Ich glaube, im anarchistischen Konzept werden die menschlichen kreativen Potentiale am besten ausgeschöpft – jedenfalls mehr als im kommunistischen Modell, an dessen Gerechtigkeit ich früher geglaubt habe. Und obwohl die Realisierung dieser menschenwürdigsten Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens bisher immer gescheitert ist, bleibt sie für mich die beste, erwachsenste Utopie, die ich mir vorstellen kann.“
Nach der Niederlage der republikanischen Kräfte siedelt sie sich in der Schweiz an, fährt aber bald nach Jugoslawien, um dort den antifaschistischen Partisan:innen medizinische Hilfe zu leisten. „Wie in Spanien waren wir auch in Jugoslawien eine freie Gruppe, die etwas aufbaute. Aber dann wurde die Disziplin wieder eingeführt. … Für mich war klar, dass das nicht geht. Mit der Institutionalisierung wird das Lebendige der Sache zerstört.“
Wieder zurück in der Schweiz, eignet sie sich, u.a. zusammen mit ihrem späteren Mann Paul und mit Fritz Morgenthaler, autodidaktisch Kenntnisse der Psychoanalyse an. Sie leben in einer von Freud damals sogenannten „Brüdergemeinde“, die heute wohl in eine Solidargemeinschaft zu übersetzen wäre, und eröffnen eine Praxis, in der sie jede Hierarchie zu den Analysierten von vornherein ablehnen. „Die Beziehung zwischen beiden Partnern muss eine absolut gleichwertige sein, nicht eine von oben. … Wir versuchen gemeinsam mit dem Patienten zu deuten. … Dadurch entsteht eine dialektische Beziehung, und wenn dieser Prozess abgelaufen ist, kann der Analysand mit den neuen Erfahrungen weiterarbeiten. Ich meine, man lebt und entwickelt sich ja immer weiter.“
Auf der Suche nach außereuropäischen Solidargesellschaften reist die stets neugierige Parin-Matthèy zweimal nach Afrika, auch um dort ihre psychoanalytischen Erfahrungen zu erweitern: einmal nach Mali zu den Dogon, einmal an die Elfenbeinküste zu den Agni. Zwei Publikationen, Fürchte deinen Nächsten wie dich selbst und Die Weißen denken zuviel, dokumentieren ihre, wie sie es nannten, ethno-psychoanalytischen Bestrebungen. Beide Bände sind, wie auch sämtliche Publikationen von Paul Parin, im Wiener mandelbaum verlag erschienen.

Das vorliegende Buch versammelt Texte von und über Goldy Parin-Matthèy und Interviews mit ihr. Die ausführlichsten Auskünfte werden dabei aus Gesprächen mit der niederländischen Journalistin und Filmemacherin Petra Lataster-Czisch destilliert, die unter dem Titel Also ich hab noch eine Neugierde, die über meinen Tod hinausgeht erscheinen sollte, aber leider bis dato nie veröffentlicht wurde. Alle Beiträge zusammen ergeben ein plastisches Bild einer der großen, bei uns bislang kaum bekannten linksradikalen Persönlichkeiten unserer Zeit. In einem Gespräch formuliert sie die Psychoanalyse einmal als „Fortsetzung der Guerilla mit anderen Mitteln“. Und als wäre zwischen damals und heute keine Zeit verstrichen, beginnt sie 1991 zu ihrem 80er ein Gedicht an Freund:innen so: „Wenn Utopien entgleiten, erkalten / werden die Geier die Völker verwalten / …“. Höchste Zeit wird es, den Geiern ihre Macht über die Völker wieder zu entreißen!
Johannes Reichmayr, Michael Reichmayr (Hg.), Goldy Parin-Matthèy, Spanienkämpferin, Anarchistin, Psychoanalytikerin. Leben und Werk, mandelbaum verlag, 348 Seiten, 28 Euro