Visual Sound Outdoor Festival
Parzelle Dortmund, 13. bis 15. August
Vor einem Jahr war an dieser Stelle zu lesen, dass das Visual Sound Outdoor Festival (VSOF) im Kulturzentrum Parzelle in der Dormunder Nordstadt schon bald den Status eines Geheimtipps verlieren und sich als Teil des Kanons der etablierten Festivals für Improvisationsmuisk und Freien Jazz weiterentwickeln dürfte, sofern Angelika Hoffmann ihre kuratorische Handschrift beibehält, die sich durch einen gelungenen Mix aus bekannten Acts und noch Unerhörtem auszeichnet, Full-Blast-Action ebenso umfasst wie Kammermusikalisches und straighten Impro-Jazz. Und siehe da: Zu verzeichnen war dieses Jahr ein deutlicher Publikumszuwachs, worunter sich auch eine Vielzahl bekannter Gesichter aus der einschlägigen Festivallandschaft befanden (und das trotz der organisatorisch leider unvermeidbaren Terminkollision mit Peitz).
Sogar einer Handvoll Österreicher war der Weg nicht zu weit, und niemand von ihnen bereute sein Kommen, ganz im Gegenteil! Nach dem Duo mit der Pianistin Margaux Oswald & Paal Nilssen-Love an Drums und Gongs beispielsweise war von eingefleischten Afficionados gar das Superlativ „magisch“ als Kommentar zu vernehmen: Wie sie leichtfingrig über die Tasten wirbelt und tänzelt, die Arme weit ausgreifend, mal Ostinati, mal wilde Cluster spielend, während sich Nilssen-Love mit gewohnter Brachialik und obligatorischem Schweißbad ein wenig zurückhält, den Dialog sucht, dem Klavierspiel viel Raum lässt, ohne aber sein originäres, synkopisches Drumming hintanzustellen: Das war Impro-Kunst im High-end-Bereich, da fanden sich zwei, die sich in gemeinsamer musikalischer Sprache viel zu sagen hatten.

Oswald war tags drauf gleich noch einmal im Rahmen eines Magic Ensemble zu bewundern, so nennt sich ein Markenkern des VSOF, nämlich neue, bisher nicht zu sehende Konstellationen zwischen Musikerinnen und Musikern, in diesem Fall: Charlotte Keeffe (tp, flh), Rachel Musson (sax), Mark Sanders (dr) und Luke Stewart (b). In einem intensiven, vor Energie platzenden Set stellt sie hier auch ihre Qualitäten als Mitglied einer größeren Unity unter Beweis. Vorsicht, höchste Vorsicht mit solchen Vergleichen, indes: Die Art und Weise, wie Charlotte Keeffe ihre Trompete und ihr Flügelhorn spielt, weckt, auch im Habitus, zumindest Erinnerungen an die unvergessene Jamie Branch, auf die sie auch explizit in einem vorgetragenen Gedicht Bezug nimmt. In ihrem Projekt Right Now – Right Here mit Ashley John Long (b), Ben Handysides (dr), Moss Freed (g) und special guest Barbara Togander (tt, voc) fehlen indes phasenweise etwas Drive und Power, das wirkt eine Spur zu kontemplativ, gegen Ende hin nimmt man zwar noch etwas an Fahrt auf, bleibt aber alles in allem zu brav, zudem wirkt das Geschehen zu sehr auf Keeffe bezogen. Auch das Projekt Maraffa 4 feat. Bart Maris (Edoardo Marraffa, sax; Salvoandrea Lucifora, tb; Aaron Lumley, b; Onno Govaert, dr; Bart Maris, tp) wird von vielen im Publikum beim anschließenden Fachgesimple als großartig erachtet, ein lebendiges Sprudeln und Strömen, Impro aus dem Lehrbuch sozusagen, und doch: Fehlt da nicht irgendwas, ein finales i-Tüpfelchen, irgendeine zündende Idee für einen kreativen Surplus, um sich auch noch in Wochen oder gar Monaten an das Konzert zu erinnern?
Keinerlei Dikskussionen hinsichtlich der Güte des Gebotenen konnte es hingegen nach dem Trio Gunda Gottschalk (v), Matthias Muche (tb) und Martin Blume (dr) geben: Das ist einfach nur unaufgeregte, hochkonzentrierte, improvisierte und vitale Kammermusik, die stets in Bewegung bleibt, den roten Faden nicht verliert und die Spannung durchhält, man möchte hier am liebsten stundenlang zuhören und dabei langsam aber sicher mental entrücken! Bei einem weiteren der insgesamt vier Magic Ensemble-Premieren (bei insgesamt 13 Konzerten an drei Tagen) mit Barbara Togander (tt, voc), Edoardo Marraffa (sax) und Olie Brice (b) fliegt zwar nicht die Kuh und steppt nicht der Bär, aber da nimmt eine schräge, letztlich gleichsam mitreißende Menage à trois an Fahrt auf, Togander an den Turntables intoniert expressiv-dadaistische Vokalismen, spielt wilde Soundbricolagen ein, schiebt Highspeed-Buchlesungen dazwischen, und alle drei liefern sich ein gegenseitiges Gefrickel und grätschen sich immer wieder in den Lauf. Eine herrliche Gehirnwäsche, wie geschaffen für einen schwülwarmen Abend im Freigelände der Parzelle.

Apropos expressive Vokalismen: Isabelle Duthoit war dieses Jahr eine Art Artist in Residence, schon an den Tagen zuvor war sie in der Innenstadt unterwegs und gab dort vor Passanten überraschende Interventionen zum besten. On stage brilliert sie zweimal: Zum Festival-Opener performt sie mit Luís Vicente (tp) im Duett: Letzterer mit der bzw. in die Trompete röchelnd und zwitschernd, Duthoit hechelnd, krächzend, jauchzend, wehklagend, kreischend, es ist wahrlich nicht leicht, ihr Soundrepertoire instrumentell noch zu ergänzen und mit ihm in Interaktion zu treten, es gelingt Vicente gleichwohl bestens, neben der Trompete greift er dabei auch auf kleine Gadgets und Glöckchen zurück, sie wiederum packt später noch die Klarinette aus und fängt ihrerseits zu knattern und zu fauchen an: köst-lichst! Aber es kommt sogar noch besser: Ihr Trio mit Steve Heather (dr) und Andy Moor (g) ist veritabler Punkrock, wenn auch ohne Viervierteltakt. Ihr Schreien, nein, Brüllen, ihr sirenenartiges Kreischen gehen durch Mark und Bein, selbst von ihr hört man dergleichen in dieser Selbstveräußerung nicht alle Tage, bei all dem wird sie von Moor kongenial begleitet, der seine Saiten mit Plektrum malträtiert und mit der Bürste beschrammelt, und Heather, der sich ordentlich ins Zeug legt und, wie man ihn kennt und schätzt, mit etlichen Präparationsgadgets sein vitales Drumming bereichert. Die Luft vibriert, ein grandioser Exzess, voller Krawall, Können und überbordender Spielfreude.
Mit einem musikalischen Feuerwerk endet auch das Festival: Auf Wunsch der Band spielt das Luís Vicente Quartet (John Dikeman, ts; Luke StewaKrt, b; Onno Govaert, dr) indoor, um die Atmosphäre im knallvollen Depot zu nutzen, ein lohnender Move: Man fragt sich mitunter, welche Funktion eigentlich die Notenständer dort haben, tatsächlich sind die einzelnen Stücke zwar arrangiert und benamst, aber keiner der vier Jungspunde lässt sich da mit Noten bändigen, man stachelt einander an und schaukelt sich hoch, das es eine sehr große Freude ist, über weiteste Strecken Freakout-Freejazz, aber auch mit Raum für Soli und kürzere, koordinierte Passagen des melodiöseren Miteinanders. Uff! So enden drei Tage bester bis allerbester Musik in einer stets bemerkenswert relaxten Atmosphäre, zu der insbesondere auch der Spirit des hochsympathischen Teams beiträgt. Same time, next year!