Abdullah Ibrahim (1934–2026)

Anstelle eines herkömmlichen Nachrufs auf Abdullah Ibrahim, vormals Dollar Brand, tauschen Mikael Luciak (L) und Andreas Fellinger (F) ihre gemeinsamen und ihre separaten Erinnerungen an diese bedeutende Persönlichkeit aus.
F: Es muss 1982 gewesen sein, als ich 18-jährig in Hippie-Pluderhose und Jesus-Schlapfen erstmals zum Jazzfest Wiesen ins Burgenland trampte und dort als erstes ein Solokonzert von Dollar Brand sah und hörte und komplett von den Socken war angesichts der Intensität und der Melodiepracht eines Klaviersolos. Schwer beeindruckt vom Wiesen-Konzert kaufte ich mir seine Quartett-Platte Live in Montreux, die ich heute noch gern höre – auch, obwohl selber ledig, The Wedding. Irgendwann später spielte der damals angesagte Harfenist Andreas Vollenweider, bei dessen Musik ich binnen weniger Minuten einschlief und am Ende an der Schulter einer jungen, mir unbekannten Frau wieder aufwachte.
L: Da sind wir wohl zur selben Zeit auf seine Musik gestoßen, weil ich eine Aufzeichnung von eben diesem Konzert in Wiesen, das damals der ORF übertrug, an einem heißen Sommer-Nachmittag im Fernsehen sah. Die virtuosen Klänge und die selbst über unseren kleinen Schwarzweiß-Fernseher spürbare meditative und geradezu spirituelle Stimmung im Publikum haben mich völlig in den Bann gezogen, und rückblickend hat genau damals meine heute noch anhaltende Liebe zum Jazz begonnen.
F: Meine begann schon etwas früher, angestachelt durch die Musikleidenschaft meines leider schon verstorbenen Cousins Hannes, mit der er mich in jungen Jahren regelmäßig geimpft hat. Übrigens war das Jazzfest Wiesen damals immer wieder Schauplatz famoser Konzerte: Miles Davis, Codona, Ella Fitzgerald, Freddie Hubbard, Hannibal Marvin Peterson, um nur ein paar wenige zu nennen.
L: Ich konnte dann dank der Kulturinitiative 08/16, die in den 1980er Jahren Größen des Jazz ins kleine Stadttheater Gmunden brachte, unter anderem Carla Bley, Don Cherry, das Sun Ra Arkestra, das Charlie Haden Liberation Music Orchestra, Joe Henderson, George Adams, Larry Coryell und Michal Urbaniak, Abdullah Ibrahim erstmalig live erleben. Ein unvergessliches Konzert mit Carlos Ward am Saxofon, Essiet Okon Essiet am Kontrabass und Don Mumford am Schlagzeug.
F: Ich erinnere mich dunkel. Auf sämtlichen bereits affichierten Plakaten musste der Namenszug Dollar Brand mit Abdullah Ibrahim überklebt werden, widrigenfalls er nicht auftreten werde. Etwas unverständlich, lag doch sein Eintritt in den Islam bereits viele Jahre zurück und trat er noch lange danach unter seinem alten Namen auf.
L: Ja, genau. Man stelle sich vor, die Veranstalter mussten damals mit dem Auto durch die Gegend fahren, um seiner Forderung Genüge zu tun! Er war auch auf der Bühne damals im Umgang mit seinen Bandmitgliedern sehr unwirsch.
F: Zudem, so wurde es damals kolportiert, reklamierte er für sich das beste Hotel der Stadt. Seine Band (darunter Carlos Ward!) könne gern auch in einer billigeren Absteige untergebracht werden.
L: Aber all das Drumherum tat dem großartigen Konzerterlebnis keinen Abbruch.
Im März 1984 haben wir ihn dann in Vöcklabruck mit seinem kurz davor gegründeten Ensemble Ekaya gehört. Du warst doch auch dort? Und die Eintrittskarte von diesem Konzert habe ich heute noch. Es kostete 130 Schilling!
F: Ich erinnere mich aus einem anderen Grund an dieses Konzert: Im Vorfeld dazu wollte mein Freund Christian Hawle ihn für Plop!, eine linke Vöcklabrucker Schülerzeitung, zum Thema Apartheid in Südafrika interviewen. Abdullah musste etwas falsch verstanden haben, jedenfalls verpasste er Christian eine kräftige Ohrfeige und ließ ihn verdutzt stehen. Das Konzert, so vermute ich, war dann fantastisch.
L: Weißt du noch, im September 1984 haben wir ihn dann beim Jazzfestival in Saalfelden gesehen, das damals noch in der Zeltstadt in der Ramseiden stattfand? Ich war auf der Rückreise mit einem Freund von einem Südtirolausflug, und wir haben dann dort gezeltet. Es waren so viele großartige Konzerte, und diesmal gleich zwei Auftritte von Abdullah Ibrahim. Einmal mit Don Cherry und Carlos Ward und ein zweites Mal mit Ekaya. Der volle orchestrale Soundwar dann etwas ganz anderes als die Konzerte im Quartett oder solo.
F: Daran habe ich, wie an so manches, keinerlei Erinnerung mehr, aber ich glaube dir aufs Wort.
L: Ich bin dann Mitte der 1980er Jahre für ein paar Jahre in die San Francisco Bay Area gezogen. Zu dieser Zeit spielte eröfters im legendären Yoshi’s Jazz Club in Oakland, manchmal gab er Konzerte an mehreren Tagen hintereinander. Nach einem dieser Konzertabende, bei dem ich in Begleitung meiner späteren Frau und ihrer noch sehr jungen Tochter war, kam ich mit ihm ins Gespräch. Ich erzählte ihm, dass ich von meiner Mutter gehört hatte, dass er kürzlich mit ihr und einer ihrer Freundinnen nach einem Konzert, das er in Bad Ischl gab, ausging und ließ ihn wissen, wie sehr wir alle seine Musik liebten. Schließlich brachten wir ihn in unserem alten Toyota zu seinem Hotel und sprachen über Südafrika, das er sehr zu vermissen schien, und über den Film Abdullah Ibrahim: A Brother With Perfect Timing, den wir kurz zuvor in einem Kino in Berkeley gesehen hatten.
Vor lauter Nervosität, den großen Abdullah Ibrahim chauffieren zu dürfen, hatte ich auf der Fahrt übersehen, dass die Lüftung meiner Autoheizung auf Vollstärke lief, und es war mir etwas peinlich, als er mich fragte, ob ich sie nicht etwas zurückdrehen könne. Der für den nächsten Tag geplante gemeinsame Strandausflug fand dann leider nicht statt, da er sich nach mehreren Konzertabenden dafür zu erschöpft fühlte. Bald danach, bei meiner Hochzeit 1989, spielten wir dann, gleich nach Wagners Brautchor aus dem Lohengrin, The Wedding, wie du schon sagtest: eine der schönsten lyrischen Melodien von Abdullah Ibrahim. Ab Mitte der 90er Jahre, als ich wieder in Österreich zurück war, besuchte ich alle paar Jahre seine Konzerte, und gelegentlich wechselten wir ein paar Worte. Die kurzen Begegnungen waren immer herzlich.

Einmal im Wiener Reigen, 1996, war er nahe dran, die Bühne zu verlassen, als übereifrige Fotografen nicht davon ablassen wollten, sein Spiel mit Blitzen zu stören. Ich erinnere mich noch an Konzerte im Schloss Esterhazy in Eisenstadt 2001, wo unsere jüngste Tochter mit dabei war, in der Szene Wien 2003, wo er im Trio spielte, und einmal mehr imYoshi’s 2004, als ich wieder einmal auf Kalifornienbesuch war. Einmal, 2009, sah ich ihn im Wiener Konzerthaus und zweimal im Porgy & Bess, 2010 und 2017, wo er noch einmal mit Ekaya spielte. Dieses letzte Konzert und ein Solo-Auftritt im Prinzregententheater in München 2015 waren für mich von viel Wehmut begleitet, vermutete ich doch, dass der mittlerweile über 80-Jährige nicht mehr lange auf der Bühne stehen werde.
F: Abdullah Ibrahim hatte ja seine letzten Jahre, nachdem er lange Zeit in New York und seit Nelson Mandela – bei dessen Amtseinführung er auch spielte – wieder in Südafrika verbracht hatte, im Chiemgau gelebt, wo er schlussendlich Mitte Juni 92-jährig starb.
L: Ja, traurig. Ein letzter Versuch von mir, ihn inseiner damaligen Heimat in Oberbayern zu sehen, scheiterte, da das Konzert schon ausverkauft war. Überraschend für mich war, dass er bis zu seinem letzten Konzert im April 2026 bei den Theaterhaus Jazztagen in Stuttgart immer noch aufgetreten und getourt ist.
F: Genau. Besonders beeindrucken mich auch seine späten Solo-Platten, vor allem Senzo und The Song Is My Story, aufgenommen zu seinem 80er bei Fazioli in Sacile/Italien, der auch eine wunderbare DVD beiliegt, die seine immense Musikalität und seine Weisheit dokumentiert – und seine Freundlichkeit und Gelassenheit, die eigentlich schon nach dem Ende der Apartheid sein Wesen bestimmt hatten.
L: Ja, auch Solotude wäre hier zu nennen oder Abdullah Ibrahim 3. Ich habe immer seine große Bandbreite bewundert. Vom Bebop und Cape Jazz mit den Jazz Epistles in den frühen 1960er Jahren, der Avantgarde in den 1970ern – ich sage nur African Space Program oder erinnere an die verschiedenen Kollaborationen mit Don Cherry – über die Verschmelzung unterschiedlichster Stile auf seinen Alben der 1980er Jahre, immer untersetzt mit den traditionellen Rhythmen der südafrikanischen Townships und spirituellen Elementen.
F: Nicht zu vergessen: African Marketplace!
L: Ja, er gehörte zu den ganz Großen des Jazz. Ein paar Töne am Klavier, und du weißt sofort, dass er es ist. Unverkennbar. Für seine unnachahmliche Weise, Klavier zu spielen, seine Gabe, andere mit seiner Musik und menschlichen Art zu berühren, und seinen anhaltenden Kampf für Gerechtigkeit, symbolisiert in seiner Anti-Apartheid-Hymne Mannenberg, wird er in die Musikgeschichte eingehen. Mir persönlich wird er dank der vielen wunderbaren Konzerte, die ich über Jahrzehnte live miterleben durfte, und dank seiner zahlreichen Platten auf immer ein musikalischer Wegbegleiter bleiben.
F: Viele Erinnerungen und Gedanken hängen ihm und seiner Musik nach, also lebt er für uns weiter.