A Tribute to Hans Falb
Jazzgalerie Nickelsdorf, 24. bis 26. Juli
Die Vorgeschichte zum diesjährigen Festival kann man neutral als problematisch einstufen. Es gab divergierende Meinungen zu den Fragen: Soll mit dem Tod von Hans Falb auch das Festival gestorben sein? Falls nicht, sollen dann noch eine oder mehrere Ausgaben stattfinden? Und soll das Festival im Team oder im Alleingang programmiert werden? Die erste wurde entschieden – mit dem Zusatz, dass es nicht mehr Konfrontationen heißen soll. Die zweite Antwort ist noch unentschieden, und die dritte hört auf den Namen Reinhard „Grölli“ Stöger. Neben schönen Schwarzweiß-Fotos von Karl Wendelin an den Wänden der Jazzgalerie ist die Enthüllung einer Gedenktafel an der Außenwand des Gasthauses hervorzuheben, allerdings mit falschem Datum der ersten Konfrontationen (1978 statt 1980)! Und warum auf der Tafel für Falb auch Stöger namentlich vorkommt, kann er sich selber nicht erklären. Tja.
Wohl aufgrund in memoriam Hauna und dem etwas zerklüfteten Teamspirit zum Trotz (von dem freilich die wenigsten Externen erfahren haben) wird A Tribute to Hans Falb hervorragend besucht, die sommerlichen Bedingungen im Burgenland tragen dazu bei, wenigstens der erste Festivaltag mit drei Trios und einem Duo lässt kaum Wünsche offen: Der Wahlnickelsdorfer Mats Gustafsson tritt mit der vollzähligen Saxofonfamilie plus Flöte an, um mit der Klavierspielerin Jordina Millà und dem Turntablisten dieb13 ein grundsolides Auftaktkonzert zu formulieren. Nach einem etwas spannungsarmen Beginn erhöhen die drei sukzessive die Intensität, die Schärfe und den heftigen Gesamtsound, der für erste emotionale Erregungen sorgt. So kann ein Festival, das etwas auf sich hält, beginnen. Das zweite Trio, Acutance, instrumental bestehend aus Klavier, Viola und Schlagzeug, stemmen Georg Gräwe, Laura Strobl und Mark Sanders. Es wird für meinen Geschmack etwas viel gebratscht, was sich vielleicht der klassischen Ausbildung Strobls verdankt. Aber vor allem Gräwe, der allgemein im Trioformat Verblüffendes zuwege bringt, erklimmt immer wieder pianistische Höhenflüge, die Sanders jederzeit souverän zu kommentieren weiß. Feine Sache.
Xenofox, die Dritten im Bunde von Abend eins, generieren von der ersten bis zur letzten Minute einen Sound, dem man von mir aus stundenlang lauschen möchte. Die E-Gitarre von Olaf Rupp, die in kompletter Improvisation zwischen Pointillismus und glühenden Flächen souverän die Balance hält, und das sowohl prägnante als auch offen gehaltene Schlagzeug von Rudi Fischerlehner spielen sich in einen intelligenten Rausch, der seinesgleichen lange suchen muss. Wobei es sich eigentlich auch hier um ein Trio handelt, zumals eine lautstark auf sich aufmerksam machende Grille Rupp & Fischerlehner perfekt begleitet. So machen sie das in Nickelsdorf: Gänsehaut, Ovationen, Zugabe. Den Abend beschließen Sylvie Courvoisier (p), Ned Rothenberg (as), und Hamid Drake (dr, perc). Was sich streckenweise als ein famoses Klavier-Schlagzeug-Duo einer von mir bislang noch nicht so spielfreudig, virtuos und genial agierenden Courvoisier und dem sowieso immer inspirierenden, so komplex wie mitreißenden Drake darstellt, erweitert der lange Zeit bei uns nicht mehr zu hörende Rothenberg durch seine unverwechselbare, ästhetisch reduzierte Kunstform ideal. Ein Konzert fürs Leben.

Bei den diversen Redebeiträgen namhafter Gäste ragen jene von Joëlle Léandre („actually, I’m a child of Nickelsdorf“) und, wenig überraschend, Hamid Drake heraus. Er betont die Rolle des Festivals als Ort des kommunikativen Austauschs, des Genusses, der Freude und der Entwicklung von Ideen, die auch das Ende eines solchen Festivals überdauern und fortwirken würden – dank der Leidenschaft und auch Widersprüchlichkeit Hans Falbs. Bewegend sind auch die Anekdoten von Franz Hautzinger, der letztlich sein Trompetensolo vorzeitig beendet. In der evangelischen Kirche spielt er Motive von Erik Satie und vor allem Interpretationen von Albert Ayler, einem von Haunas Lieblingsmusikern. Zuvor beeindrucken an selber Stelle bereits Jakob Schneidewind & Agnes Hvizdalek als Duo PNØ aus subtilen bis intensiven elektronischen und stimmlichen Klangflächen.
Auch Sylvie Courvoisier unterbricht am Samstagabend ihr fantastisches Solo-Konzert, um das Festival als „Hans Falbs Baby“ zu feiern. Sie ist heuer zum ersten Mal in Nickelsdorf und genießt sichtlich bewegt die Atmosphäre im Falb’schen Gastgarten. Die Pianistin liefert einen inspirierten Auftritt zwischen Boogie Woogie ohne Boogie, repetitiven Patterns und Loops und nutzt dabei die gesamte Bandbreite des Klaviers: Schnelle Tonfolgen und kräftige Rhythmen wechseln im Minutentakt, dann wiederum setzt sie das präparierte Piano sensibel ein, um ins gefühlvolle Rauschen hinüberzugleiten. Da kann, nein: muss man ihr auch verzeihen, dass sie kein Ende finden will.
Am Samstagabend steht Mats Gustafsson im Trio Gush auf der Bühne. Gemeinsam mit Sten Sandell (p, voc) und Raymond Strid (dr) wählt er anfangs die ruhigeren Töne und gibt sich sehr entspannt, fast lyrisch. Auch Sandell säuselt vor sich hin, während Strid Becken und Snare beinahe andächtig streicht. Doch dann geht es es plötzlich lautstark zur Sache: Multiphonics, heftige Beats und wilde Kaskaden am Klavier verwandeln die Jazzgalerie in einen wahren Hot Spot. Am Ende gönnen sich die drei sogar einen energetischen Ausflug in Richtung Spiritual Jazz. Hauna hätte applaudiert.
David Murray spielte 1978 eines der ersten Konzerte in der Jazzgalerie. Grund genug, den alten Haudegen nach längerem wieder einzuladen. Zwar reichen Puste und Standfestigkeit längst nicht mehr für eine Marathon, nicht einmal für 100 Meter, aber immerhin noch für gelegentliche Kurzinterventionen in Form vitaler Soli. Überwiegend pausierend, überlässt der den beiden Berserkern Paal Nilssen-Love (dr) und Ingebrigt Håker Flaten (b) die Initiative. Ein nicht wirklich ganz ernst zu nehmender, aber alles in allem doch bestens unterhaltender Gig! Geradezu als Antithese zum etwas bräsigen Murray darf natürlich Tanja Feichtmair gelten, die erstmals im Duett mit Hamid Drake einen Triumph feiert. Während Drakes sattsam bekanntes, eher moderates drumming den Hintergrund bildet, zieht Feichtmair mit ihrem diesmal überwiegend elegischen, von ganz wenig high-energy- oder gar freakout-Passagen durchsetzten melodischen Spiel die Aufmerksamkeit ganz auf sich. Frenetischer Applaus. Ebenfalls schon oft, zuletzt im Vorjahr, auf der Holzbühne zu bewundern war in all den Jahren des Festivals Alexander Schlippenbach (Foto oben: Uli Templin), eine Ikone der freien Improvisation, zumal am Klavier: Sein Quartett The Bridge mit Ingebrigt Håker Flaten (b), Gerry Hemingway (dr) und Rodrigo Amado (ts) war zweifelsfrei eines des Highlights des Festivals: ein durchgehender Energiestrom, kaum Rückzugsbewegungen, Schlippenbach im gewohnt konzentrierten Flow, Hände und Finger langsam, fast behutsam, dabei in Permanenz über die Tastatur tänzelnd, Amado mit bewundernswerter Ausdauer und Luft für lange Passagen hoher Intesität, Håker Flaten wie üblich im regelrechten Spielrausch und dazu ein hochmotivierter Hemingway: minutenlange Ovationen!

Besonders der Auftritt der Kontrabassistin Joëlle Léandre im Duo mit der vorzüglichen Vokalistin Lauren Newton versprüht die typischen Nickelsdorf-Vibes: ein freier, zum Teil Beckett’sche Ausmaße annehmender Dialog, der trotz aller Melancholie zum stillen Lachen animiert – bis zum mitten im Auftritt eingestreuten Bass-Solo “für Hans Falb“. Es begnnt ruhig, wird immer rhythmischer und energetischer – bis Léandre schließlich ihre Stimme einsetzt: emotional schreiend und klagend, das Räuspern mutiert schließlich zum Rauschen und Rasseln, ehe der Geist förmlich entschwindet und nicht nur den Klangkörper verlässt. Es folgt ein Moment der Stille und des Innehaltens, bewegter Applaus.
Mit dem Trio Angelika Niescier (as), Tomeka Reid (c) und Eliza Salem (dr) ist es schließlich drei Vertreterinnen der späteren Generation vorbehalten, das Festival zu beschließen: Es folgt ein dynamisches und dialogisches Miteinander mit filigranen Kompositionen, auf deren Basis frei improvisiert wird. Vor allem die Rhythmusgruppe überzeugt: Reid spielt ihr Cello mal klassisch, dann aggressiv kratzend, mal als walking bass oder als filigranes Soloinstrument. Salem begleitet ihre Ausflüge mühelos und legt so eine perfekte Basis. Nisciers Altsaxofonspiel ist virtuos, mitunter allerdings etwas zu dominant. Manchmal wäre weniger mehr, was auch auf die Ansagen zutrifft, mit denen sie jedes einzelne Stück ankündigt. Eine Konfrontation für ein nach drei Tagen und Nächten müde gewordenes Publikum. Auch das ist Nickelsdorf, und nicht nur deshalb war das Konzert ein durchaus angemessener Abschluss.
In Summe also ein Festival samt berauschenden Konzerten, auch wenn einige wichtige Wegbegleiter Falbs nicht eingeladen wurden. Und alles in gewohnt brillanter Atmosphäre – und mit noch einem Wermutstropfen neben der oben erwähnten Vorgeschichte: Ein Teil des Bühnenbilds von Mathias Pöschl soll, so heißt es, die zuletzt wenigen verbliebenen Zähne Falbs symbolisieren! Wie respektlos ist das denn? Versteht man das ernsthaft als einen Tribut an Hans Falb?
Bernd Lederer / Holger Pauler / Andreas Fellinger