Blaues Rauschen, Ruhrpott, 29. Mai bis 12. Juni
Das Festival Blaues Rauschen schafft es seit vielen Jahren, ein höchst anspruchsvolles und innovatives Programm zusammenzustellen und damit das halbe Ruhrgebiet zu bespielen. Es lebt (auch finanziell) davon, dass es durch mehrere Städte und Orte im Ruhrgebiet wandert und damit einlöst, was Politiker seit Jahrzehnten nicht schaffen: die Metropolregion Ruhr als Ganzes mit ihren verschiedenen Facetten darzustellen. Und das Konzept geht auf: Die Besucherzahlen erreichten ein Rekordhoch, und gleichzeitig wird das Publikum immer jünger.
Und so geht es während der zwei Wochen im Juni künstlerisch auch überaus divers zur: Das Duo Dana Schechter & Monocube lädt im Mülheimer Club Makroskope zu einem energetischen audiovisuellen Trip mit modularen Synthesizern, Bass und Steel-Gitarre ein, während das Trio Innode sich Tags darauf im Duisburger Lokal Harmonie der Ambient-Musik hingibt: Mit Schlagzeug und Drumcomputern erzeugen Bernhard Breuer & Stefan Németh eine warme, musikalische Textur, die mit dem Titel Grain perfekt umschrieben ist.
Die Konzerte, in der Regel drei pro Abend, leben auch davon, dass sie die Halbstundenmarke selten überschreiten. Künstler und Publikum bleiben entsprechend fokussiert. Selten erlebt man eine derart konzentrierte Zuhörerschaft und Aufführungen, die kaum von Nebengeräuschen gestört werden.

Im Bochumer Musikforum Ruhr sind alle Augen und Ohren auf die Orgel gerichtet – ein Musikinstrument, das vor allem in der klassischen und kirchlichen Musik zu Hause ist. Insofern ist der kleine Saal der zum Konzertraum umgebauten Marienkirche das perfekte Ambiente. Den Anfang macht das Duo gamut inc (Marion Wörle & Maciej Śledziecki) mit Black Square. Sie spielen zwei computergesteuerte, winddynamische Orgeln, die 2025 von Tony Decap entwickelt wurden. Die durch ein SmartValve-Luftventil gesteuerten 64 Pfeifen erzeugen berauschende Stereo-Klangfelder, Vierteltonschichtungen und mikrotonale Verschiebungen. Musikalisch erinnert der Auftritt an die Minimal Music von Terry Riley mit wiederkehrenden Patterns, die sich im Laufe des Konzerts sowohl was Modi als auch Tempi angeht, permanent verschieben.
Das Konzert des Organisten Navid Navab knüpft daran an. Für das Projekt Organism: In Turbulence hat Navab eine jahrhundertealte Orgel des Montrealer Instrumentenbauers Casavant in ein experimentelles Klangsystem verwandelt. Navab ist ständig in Bewegung, schiebt sein Mischpult wild über die Bühne, haut in die imaginären Tasten, bläst in die Orgelpfeifen und freut sich sichtbar über die Loops, Drones, Polyrhythmen, spacigen Soundscapes und pulsierenden Patterns, die sich mitunter frei auflösen und die Grundfeste der Kirche erschüttern. So entsteht ein atmosphärisch überaus dichter und gleichzeitig differenzierter Vortrag, der noch lange nachhallt.
Höhepunkt am letzten Abend im Dortmunder Jazzclub Domicil ist der Auftritt des Duos Georg Graewe & Thomas Lehn (Foto oben: Etta Gerdes). Beide leben in Wien und kennen sich, haben aber noch nie miteinander gespielt. Wer an dem Abend dabei ist, möchte das kaum glauben. Die elegant fließenden, immer wiederkehrenden Kaskaden Graewes am Klavier bieten einen wunderbaren Fixpunkt. Sie haben etwas angenehm Vertrautes, selbst dann wenn sie von Geräuschen Lehns auf dem analogen Synthesizer und Minimoog mal schräg kratzend, dann wieder melodisch durchkreuzt und verstärkt werden. Lehn verfügt über die Key Commands und kann die Sounds steuern, seine eigenen und die seines musikalischen Partners. Dennoch gibt es viele freie Momente – und nahezu keine überflüssigen. Das Zusammenspiel zwischen Klavier und analogen Synthesizern ist zu jederzeit fesselnd und herausfordernd für die Musiker und das Publikum, auch weil man die Musiker bei ihrer Arbeit beobachten kann. Während Thomas Lehn stets hektisch aber überaus zielsicher nach neuen musikalischen und technischen Verbindungen sucht, genießt Graewe, die Augen geschlossen, den Sound. Wir hören Signaltöne from outer space, die durch laute Störgeräusche und bedrohliche Feedbacks jäh unterbrochen werden. Sun Ra meets Cecil Taylor meets Braxton meets Stockhausen und viele mehr. Fortsetzung ausdrücklich erwünscht. Was auch für das komplette Festival gilt.
Holger Pauler