artacts ’26, St. Johann/Tirol, 5. bis 8. März
Das Warm-up zu den 26. artacts wird am Donnerstag mit Return to forever betitelt: die Ausstellungseröffnung in der örtlichen Galerie mit Bildern maßgeblicher Festival-Fotograf:innen. Kuratiert von Dawid Laskowski, der übrigens beruflich kürzlich in London vom Cafe Oto in die British Library wechselte, sind großartige Fotos von ihm, von Petra Cvelbar, Žiga Koritnik, Luciano Rosetti, Uli Templin, vom vor Ort nicht anwesenden Peter Ganushkin und vom 2015 verstorbenen Manfred Wimmer zu sehen, wie auch ein namentlich nicht gekennzeichnetes vom langjährigen Hausfotografen Werner Krepper. Julia Biłat steuert im Anschluss an die Statements der anwesenden Kamerakünstler:innen ein äußerst expressives Cello-Solokonzert bei.
Biliana Voutchkova an der Violine (sie performt am Schlussabend auch ein beeindruckendes Solokonzert), Isidora Edwards am Cello und Zosha Warpeha an der Hardanger d’amore, einer fünfseitigen Geige, die ein wenig anders klingt als die klassische, eröffnen die 26er Edition. Für ein Festival dieser Art mag die Besetzung eines Streichtrios etwas fremd klingen, aber genau das macht den Reiz der artacts aus, bringt Neues, mitunter Abenteuerliches. Das Trio sucht immer wieder das Gemeinsame auch nach längeren Phasen des Auseinanderdriftens. Musik erscheint als Prozess, der sich logisch entwickelt, auch wenn er immer wieder gebrochen wird. Plötzlich überrascht eine fast folkloristische Andeutung, als wäre es ein entglittener, flüchtiger Pub-Song. Gegen Ende des Auftritts zwitschern Vögel, was Leichtigkeit vermittelt und gut zu den Frühlingsandeutungen in St. Johann passt.

Zwei subjektiv weit herausragende Geschehnisse werden von Duos bewerkstelligt: einerseits von Revolve mit Ingrid Schmoliner & Martin Brandlmayr, andererseits von Lotte Anker & Lukas König. Schmoliner startet mit ungewöhnlich breit angelegten Akkorden und Tonfolgen, Brandlmayr brilliert mit bekannt smarter, fantasiebegabter Perkussion – und mit vifer Elektronik sowohl für sein Schlagwerk als auch für das Klavier der Kollegin. Daraus resultiert eine akustisch-elektronische Verschränkung, die das artistische Vermögen beider Beteiligter in ungeahnte, bislang unerhörte, schwebende Höhen führt. Präzision und Assoziation feiern hier Vermählung. Raschere Klavierkaskaden und die Bearbeitung der Holzstäbe im Instrumentenkörper steigern den Gänsehaut erzeugende Effekt zusätzlich. Revolutionär! Das schon am Festfreitag vielköpfige Publikum quittiert die Performance mit tosendem Applaus. Bei Anker & König hält sich die kurzfristige Absage des zweiten Perkussionisten Gerald Cleaver angesichts der gebotenen Qualität in engen Grenzen, zumal beide von der ersten bis zur letzten Sekunde die Spannung halten, die man sich als Hochspannung vorstellen darf. Sopransaxofon und amplified Schlagzeugbecken lassen an Schärfe und Soundfuturismus nichts zu wünschen übrig. Sukzessive bemächtigt sich König des restlichen, großen Drumsets, zumeist mit kreisenden bis virtuos treibenden Rhythmen. Anker reagiert darauf am Altsaxofon, dass es eine permanente Freude ist. Assoziationen an Dub-Versionen von John Coltrane stellen sich u.a. ein. Zwei furiose Duos als Feuerwerke der Fantasie und der Versenkung. Gute Güte!
So gesehen, befand sich nach dem zweiten Zauberduo das Trio Into The Wide von Gerhard Laber (perc), Gunter Schneider (g) und Thomas Berghammer (tp) in einer etwas kniffligen Ausgangssituation. Theoretisch halt und aus eher sportlicher Sicht. Praktisch bauen die drei eine so fragile wie magnetische Klang-Konstruktion und haben es gar nicht nötig, mit ihrem Spielwitz hausieren zu gehen. Kleine Gesten, viel Liebe zum Detail, ein meditativer Spielfluss ohne Hierarchien. Feine Perkussion, schlanke Kontragitarre und vielgestaltige Trompete: Mehr braucht es nicht, um ein stilles Highlight zu fabrizieren, mit dem nicht unbedingt zu rechnen war – und in dessen Ausläufern Berghammer Echos des unvergessenen Butch Morris assoziieren lässt. Allerhand.

Sehr gediegenen Impro-Jazz mit etlichen Richtungswechseln kredenzen Ada Rave (sax), Ziv Taubenfeld (bcl), Wilbert de Joode (b) und Aleksandar Škorić (dr) – bis zum plötzlichen Kreislaufkollaps von de Joode! Für viele im Publikum unverständlich, spielen die anderen drei noch gut zwanzig Minuten weiter, als wäre nix passiert. Nur gut, dass sich der Kontrabassist nach einem gründlichen Gesundheits-Check wieder wohlauf befand. Frischen Wind in die Klangarchitektur von John Coltrane bringt das junge französische Quartett Ola Tunji, benannt nach Babatunde Olatunji, dem nigerianischen Perkussionisten und Freund Coltranes. Ornella Noulet (sax, fl), Loïc Lengagne (p, keyb), Anthony Jouravsky (b) und Egon Wolfson (dr) streben keine 1:1-Kopien des Großmeisters an, sondern eignen sich denkbare Konsequenzen und Weiterentwicklungen an: mit jugendlicher Energie, viel Herzblut und einer Portion Pathos. Erfrischend.
Manchmal steht Georg Gräwe vor seinem Sonic Fiction Orchestra, dirigiert mit strenger Hand, gibt eine klare Richtung vor. Am Ende des ersten Stücks grätscht Gitarrist Martin Siewert hinein mit klirrenden Akkorden. Dann lässt der Chef auch immer wieder die Zügel schleifen, gibt den Kräften freien Lauf, er muss ja auch manchmal ein feines Klaviersolo spielen. Das Orchester verfügt über eine spannende Besetzung weit entfernt von einer klassischen Bigband. Drei Geigen, ein Fagott, eine Harfe, eine Klarinette vereinen sich mit Bass, Schlagzeug, Klavier und Gitarre zu einer bemerkenswert facettenreichen Klangcollage, von Gräwe erdacht, von einem exzellenten Ensemble, darunter Melissa Coleman, Maria Gstättner, Maura Knierim und Frank Gratkowski, erstklassig umgesetzt.
Man soll ja keine Klischees auspacken, wenn sich die Jungen – Camila Nebbia (ts) und Julia Biłat (c) – und die Alten – Hans Peter Hiby (as) und Paul Hession (dr) – in sportlichen Wettstreit begeben. Es ist eher ein Miteinander, das die vier abliefern, auch wenn sie manches Mal an die in den 50ern so beliebten Saxofonbattles erinnern. Hiby, der große Brötzmann-Verehrer, und Nebbia, eine von den groß auftrumpfenden Jungen, kommunizieren ohne Scheu und auf Augenhöhe. Biłat bearbeitet ihr Cello mit vollem körperlichem Einsatz, und Hession gibt am Schlagwerk manchmal auch zu lautstark den Ton an. Das Quartett S:E um die Pianistin Anna Sophia Defant häuft Klänge übereinander, löst die Haufen wieder auf und letztlich führt eine zarte Klavierlinie aus dem Tohuwabohu. Jakob Gnigler steuert eine schlichte melancholische Melodie am Tenorsaxofon bei, Kenji Herberts Gitarre bringt knackig gläserne Soundaspekte ein. Neue Kooperationen werden gesucht, neue Klanggebirge kreiert. Michael Prowazniks Schlagzeug hält das Gebilde zusammen, versorgt die Band mit Energie und Erdung. Manches ist schroff, anderes skizzenhaft hingeworfen, spannend ist das allemal.
Für weitere Höhepunkte sorgen zwei nachmittägliche Solokonzerte, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: In der Kälte der Pfarrkirche erwärmt Zosha Warpeha die Gemüter mit ihrer Hardanger d’amore. Folkloristische Motive werden von der in Brooklyn lebenden Künstlerin in sphärische und meditative Klanglandschaften überschritten, ganz ohne dabei in seichte Ambientsounds abzurutschen, dafür ist diese Musik zu komplex, zu anregend. Auch ihre raummusikalische Inszenierung beeindruckt, indem sie durch die Bankreihen schreitet und sich mitunter dabei langsam um die eigene Achse dreht. Nur noch in Superlativen beschreibbar ist das Konzert, welches Camila Nebbia tags drauf in der Landwirtschaftsschule in der Weitau zum allerbesten gibt: Man durfte die in Berlin lebende und in Buenos Aires geborene Tenorsaxofonistin in den letzten Jahren schon öfters sehen und feiern, aber dieser Solo-Gig war dann doch noch einmal outstanding: Eine gute Stunde lang quetscht sie unmöglichste Klänge aus ihrem Instrument, spielt sie zumeist mit höchster Energie, extrem variantenreich, niemals redundant: Beim Zuschauen dieses Hochleistungssports bleiben einem Atem und Spucke weg, beim Zuhören rauschen Assoziationslawinen durchs Hirn, dass es eine wahre Freude ist.

Erwartungsgemäß liefert Earscratcher, die Chicago-Band der Pianistin Elisabeth Harnik, im finalen artacts-Jahrgang Weltklasse pur. Dave Rempis (as), Fred Lonberg-Holm (c) und Tim Daisy (dr) gehen zusammen mit Harnik volles Tempo voraus, energisch, kraftstrotzend, dicht, mitunter auch feinsinnig, behutsam und dabei ebenso intensiv wie im Muskelpaket. Ein höchst genüsslicher Ohrenkratzer! Und ein perfekt gelungener Ausklang eines Festivals, das so nebenbei auch noch eine Soundcab genannte Hütte am Marktplatz für minimale Solokonzerte, ein Konzert von Gerhard Laber für die Jüngsten (lauschen & plauschen) und einen Kinder-Workshop von Jakob Gnigler samt Auftritt im Repertoire hat.
Ein Vierteljahrhundert artacts ist somit lustvoll und erfolgreich absolviert. Es mögen noch viele Ausgaben in der Qualität der 26. folgen!
Christoph Haunschmid / Bernd Lederer / Andreas Fellinger