Donaufestival Krems, 8. bis 10. Mai
Besser hätte das zweite Wochenende des Donaufestivals, jenes insgesamt sechstägige Event für Performance, Kunst und Musik, und hier weit überwiegend der elektronischen oder elektronisch grundierten Machart, nicht beginnen können als mit einem vitalen Solo-Act von Nina Garcia in der Minoritenkirche: Ein Vergleich mit der Namensvetterin Violeta Garcia drängt sich geradezu auf, aber statt Cello & Electronics entringt sie einer E-Gitarre, teils händisch gehalten, teils auf den Knien liegend, ähnlich virtuos Soundkaskaden, dröhnende Riffs, vibrierende Drones. Draußen ist noch helllichter Tag, aber eine erster Höhepunkt des Wochenendes ist schon gesetzt!
Caroline (Foto oben), ein junges Oktett aus London, steht quer zu allen Genres, wie beim Donaufestival keineswegs unüblich, ja vielmehr typisch für die Handschrift des künstlerischen Leiters Thomas Edlinger: Ist das Prog-Rock? Folk-Rock? Jazz-Core? Krautrock ? Vermutlich alles zugleich und doch etwas ganz anderes: Ein teils mitreißender Soundstrudel, vielseitige, abwechslungsreiche Parts, das wie an allen Tagen sehr zahlreiche Publikum (es gab stets nur Restkarten) zeigt sich hocherfreut! Au contraire: Wie kann einem sowas ins Line-up rutschen?: Maruja aus Manchester performen einen Mix aus Hardrock und Hardcore-Punk, was an sich höchst erfreulich wäre, aber die Show ist zum Fremdschämen: Eine Art Legoland-Henry Rollins macht da auf dicke Hose, mit Animations-Macho-Attitüde, oben ohne, und zu all dem stilecht passend: die Zwangsbeglückung mit einer XXL-Palli-Fahne, mitten auf der Bühne aufgespannt. Vielleicht war das ja auch gar kein Gig, sondern ein Fluxus-Happening, ein Sozialexperiment, um herauszufinden, was sich das Publikum so bieten lässt …

Welch Wohltat hingegen Operant, zumindest für jene, die extreme Lautstärke feiern und ihre Ohrenstöpsel gut reingedreht bekommen: Das in Berlin lebende Duo Luna Vassarotti & August Skipper stehen sich an ihrem großen Equipment-Tisch gegenüber, tanzen, taumeln im Stroboskopgewitter; was mit heftigem Drone-Noise beginnt und State-of-the-Art Electronic Body Music bietet (sehr gut vergleichbar mit den derzeit gleichfalls zu Recht hochgelobten Dame Area aus Barcelona), dauert leider ein bisschen zu lang und versandet gegen Ende hin in banal Technoidem. Dennoch: ein vor Energie platzendes Highlight, eine erfrischende Lärm-Katharsis und ein Weckruf zu später Stunde.
Ein ausgesprochen einlullendes Industrial-Ambient-Set hingegen bieten Daniel Lopatin & Freeka Tet alias Oneothrix Point Never, vor opulenten, freilich auch enervierenden Visuals hinter ihren extragroßen Pulten agierend: Dabei geht es hier nicht um die Geschmacksfrage bezüglich elektronischer Musik der elegischen Gangart, das Leben besteht ja auch nicht nur aus Noise, sondern um das gänzlich falsche Timing: Das Publikum, gegen 22 Uhr stimmungsmäßig gut fortgeschritten, wird hier geradezu sediert, das neue Album Lopatins trägt nicht umsonst den Titel Tranquilizer. Ab und zu klingen fraktale, dissonante Strukturen auf, indes fehlt der Wille, aus dem Gig etwas Außergewöhnliches zu machen, es bleibt bei suggestiven Einhörnern, die durch den reichlich auf die Bühne geblasenen Nebel über den Regenbogen reiten. Dergleichen ließ sich Will Brooks & Mike Mare kurz zuvor sicher nicht attestieren. Dälek liefern volles Volumen, durchdringende Vibes, und doch: Wer MC Dälek seit längerem kennt, vermag sich des Eindrucks eines gewissen Stillstands in der musikalischen Entwicklung nicht zu erwehren: Nichts Neues geht da mehr voran, immer dieselben Rhymes, immer derselbe eindimensionale HipHop-Duktus. Wer ihn etwa letztes Jahr beim Elevate schon mit Lukas König, Audrey Chen und Julien Desprez gesehen und vor allem gehört hat oder auch zusammen mit Mats Gustaffson, fühlte sich in der Kremser Statdhalle dann doch eher unterfordert, um nicht zu sagen: abgeturned.
Erbaulich Neues hingegen bei Radian, diesmal in der Besetzung Martin Brandlmayr (dr), Martin Siewert (g) & Manu Mayr (b), die subtil, elegisch, feingliedrig, selten brachial, die wunderbare Tanz-Performance des Ensembles Liquid Loft begleiten und untermalen: Unter der Leitung von Chris Haring wird in der Choreografie Hold&Resist_a springrite freilich weniger getanzt, vielmehr werden ausdrucksstarke, skulpturale, statische Posen eingenommen und oft bis zur Erschöpfung lange durchgehalten. In der leeren, riesigen Dominikanerkirche korrespondieren Sound und Optik auf das Beeindruckendste zu einer Gesamtkomposition, ein Festivalhighlight!

Wie das mit langjährigen Festivalreihen (Erstausgabe 1988) so ist: Sie brauchen ein Motto, eine Überschrift zum Zweck ihrer Originalität und Unterscheidbarkeit. Mad Hope stand heuer über dem Programm, und zumindest in Vorträgen, in Kunstinstallationen und im Filmprogramm mag dergleichen Begriff und Thema auch aufgegriffen worden sein. In erster Linie kann der Claimer aber auch so verstanden werden, dass zu hoffen bleibt, auch in politisch wie finanziell keinesfalls rosigen Zeiten weiterhin eine Festivallandschaft vorzufinden, die Nischenkultur und Avantgarde ebenso umfasst wie, wenn man das mit Blick auf das Donaufestival so sagen will, zeitgenössische U-Musik mit Niveau. Auch wenn die ganz großen Knaller dieses Jahr eher ausblieben, darf man allemal vorfreudig ins nächste Jahr blicken.