klingt.org-Festival
Theater am Werk, Wien, 31. Jänner
Am letzten Tag im Jänner 2026 jährt sich das klingt.org-Festival zum 26. Mal – und ist damit, wie wir in der Einmoderierung erfahren – exakt halb so alt wie der klingt.org-Häuptling Dieter Kovačič aka dieb13. Solche Zufälle gibt’s halt, wie auch damals das 50. freiStil-Heft genau zum 50er des Herausgebers. Eh wurscht.
Allein die beiden Solokonzerte waren den Besuch der Festivität im Theater am Werk am Wiener Petersplatz wert, passenderweise in den zwei Sälen im Untergeschoss bzw. im Underground:

Geübten freiStil-Leser:innen, und nicht nur ihnen, wird nicht entgangen sein, dass ausnahmslos jedes Konzert von Katharina Klement einen Fixplatz in der Champions League der improvisierten Musik innehat. So auch an diesem Abend, wenn sie offiziell an der Zither operiert, de facto aber im Vorfeld Elektronik-Sounds in den Äther schickt, die weder an Raffinesse noch an Radikalität Wünsche offen lassen. Zartes, Hartes und Rhythmisches wechseln einander fließend ab, bevor sie am Ende des Sets doch noch die Zither in Beschlag nimmt, um daraus außergewöhnliche Klänge zu entwickeln. Vom Dritten Mann zur Ersten Frau, sozusagen. Ein Ereignis für alle akustischen Sinne.
Annhähernd Gleiches gilt für die längst in Berlin lebende Amerikanerin Liz Allbee, die ihr Trompetenspiel über die Jahre um alles Mögliche und manches Unmögliche erweitert hat: um diverse Mundstücke, um elektronische Verfremdungen und um die Stimme, mit der sie Geschichten zumeist nahe am Abgründigen ansiedelt. Spielweisen, Spiegelungen und Zuspielungen bündelt sie zu einem komplexen Konglomerat, das sich aus einfachen, einfach zu erlebenden Bestandteilen summiert, um nicht zu sagen quadriert. Ein Kraftakt, der sich von Selbstgewissheiten so weit wie möglich distanziert. Phä-no-me-nal!

Die Schweiz-Französische Elektronikfreundschaft von Gaudenz Badrutt & eriKm (zweiterer teilweise am vermeintlichen Theremin) treibt unter dem Namen Ball’s Pyramid allerlei bunte Blüten. Der erheblichen Meisterschaft der beiden ist es zu verdanken, dass digitale Fabrikationen einen körperlichen, ja performativen Mehrwert generieren. Heftigkeit und Eleganz, Arbeit und Anmut, Härte und Brillanz sind nur einige von mehreren Attributen, die dieses Duo auszeichnet und ihren Auftritt von den ersten bis zu den letzten Clicks zum Erlebnis macht.
Möström (Foto oben: Lisbeth Kovačič), das sind bekanntlich Elise Mory an den Keys, Tamara Wilhelm an Electronics und Susanna Gartmayer, diesmal nicht nur an der Bassklarinette, sondern, selten genug, phasenweise mit deftigem (Bulbul-)Mundartgesang, bestreiten an diesem Abend nicht nur ein Comeback nach vielen Jahren, sondern nach eigener Verlautbarung auch gleich ihr allerletztes Konzert.Letztmals also die gelungene, weil spannungsreiche Konstellation eines analogen, ausdrucksstark gespielten Holzblasinstruments, gerahmt von noisig-schrägen Elektrosounds. Sehr schade wär’s, wenn’s wirklich bei der Auflösung bliebe!
Unter dem (scharf nach Michael Jackson riechenden) Projekttitel Bi-li-chin fungiert das Duett der Elektro- und Synth-Mastermindin Billy Roisz mit der Taiwanesischen Sheng-Spielerin Li-chin Li. Es handelt sich dabei um eine traditionelle chinesische Mundorgel, die von weitem aussieht wie eine Miniaturvariante von Pieter Brueghels Der Turmbau zu Babel. Jedenfalls erzeugt das einen erfrischend schrillen, teils an hochfrequente Akkordeonklänge erinnernden Sound (die Sheng gilt auch als ältester Urahn der Harmonikainstrumente), der unter die Haut geht und mit Roisz‘ elektroakutisch-noisigem Gewaber und Geknatter bestens korrespondiert!
Wer sich immer schon gewundert hat, weshalb etwa in dem Film Frankensteins Monster jagen Godzillas Sohn weder besagtes Monster noch sein Erschaffer vorkommen, wird beim furiosen Abschlusskonzert aufgeklärt: Vokalvirtuose Christian Reiner führt mit charimsatischer Sprecherstimme durch die Kulturgeschichte der legendären Godzilla-Filme seit 1955, sobald dann auf der Großleinwand ein Worst-of der einschlägigen Kämpfe Godzillas mit Mensch und anderem Getier zu bewundern ist, wechselt er von der Rolle des Vortragenden in die des Soundperformers und begleitet die epischen Szenen mit gehaltvollem Kreischen, Schreien, Murmeln und dadaeskem Gebrabbel. Unterstützt wird er hierbei von Kasho Chualan am Klavier, die sich situativ und intuitiv stets gelungen ins Geschehen einklingt, von Didi Kern, der ohne Drumset, dafür mit diversen Gegenständen und Präparationen, teils im Stehen, teils im Knien, perkussioniert, während Daniel Lercher, Tamara Wilhelm und Philip Leitner an elektronischen Gerätschaften das trashige Spektakel, etwa Godzillas Infight mit einer Riesenmotte, mit noisigem Rauschen, Knattern und Pfeiffen untermalen. Zusammen nennen sie sich Kaiju Kaiju und hätten allemal eine Auszeichnung für die musikalische Würdigung eines traditionellen cineastischen Kulturguts verdient. Allerbeste Unterhaltung, akustisch wie visuell.
Bernd Lederer / Andreas Fellinger