Bezau Beatz, 6. bis 9. August
Wohl jenen, die pünktlich zu den 19. Bezau Beatz aufschlugen, denn das charmante Festival im Bregenzerwald begann gleich mit einem ersten von vielen Highlights: Signe Emmeluth’s Amoeba bringt die musikalische Philosophie des Quartetts um die namensgebende Saxofonistin (zusammen mit Karl Bjorå, g; Christian Balvig, p; Ole Mofjell, dr) auf den Punkt: Eine Amöbe ist ein Einzeller, der stets seine Gestalt wandelt, ständig einzelne Ausstülpungen ausbildet, genau wie diese stets erfrischende Formation, die einen mitreißenden Soundstrom erzeugt, ohne sich aber unstrukturiert in dauerhaften Powerpassagen zu verlieren und auch immer genügend Raum für individuelle Könnerschaft und Spielfreude lässt. Mit dergleichen Message des Jazzgedankens darf ein Festival am Spätnachmittag gerne beginnen! Eine weitere, gleichfalls karrieremäßig seit einigen Jahren voll durchstartende Saxofonstin wusste indes zu überraschen: Mit ihrem Sextett The Hanged One (Julia Biłat, c; Arne Braun, g; Andres Marino, e; Vinicius Cajado, b; Lukas Akintaya, dr) beweist Camila Nebbia (ts), die ja meist im lautstark-kraftvollen Freejazz- und Impro-Kontext unterwegs ist, dass sie auch Kompositorisches beherrscht: Ihr Projekt versteht sich als Hommage an jene Tarot-Karte, die sie vor ihrem Umzug von Buenos Aires nach Berlin vor zirka sechs jahren gelegt bekam. Dabei gibt es kaum Freak out- und Full blast-Passagen, dafür funkig-rockige Strecken und viel Raum für Soli.

Die Bezau Beatz sind dank der kuratorischen Handschrift des Veranstalters und Drummers Alfred Vogel stets ein bemerkenswert abwechslungsreiches Geschehen (damit sind auch die Bummelei mit dem „Wälderbähnle“ nebst DJ an Bord oder der Seilbahnausflug auf die Bergstation gemeint), bei dem auch elektronische Musik eine Nische findet. Im Keller des Hotel Post interagieren Florian Walter, Karl-F. Degenhardt und Jan Klare, alle mit Synthesizern, als Meat.Karaoke.Quality.Time auf iterative Weise mit einer von ihnen trainierten KI namens πΔ∞m∫ (AI*), welche die gespielten Soundkaskaden live aufnimmt, interpretiert, variiert, ergänzt und sonstwie weiternudelt. Leider ein nur mäßig originelles Geschehen, zum einen, weil nie klar wird, wer gerade was spielt, vor allem aber, weil die Gesamkomposition über belangloses Gewaber und Gedudel, letztlich nur bessere Game-Boy-Signations nicht hinauskommt, das Publikum zog schnell von dannen. Ganz anders bei Narrsteidle von Steffi Narr an der E-Gitarre nebst Electronics und Drumcomputer sowie Oli Steidle an den Drums: Bei den Leipziger Jazztagen bekam Narr unlängst eine Carte Blanche bezüglich der Kooperation mit einem Wunschmuskier und entschied sich zurecht für diesen Duo-Partner: Noisig-krawallig-vorantreibend, ein erfrischendes Klimpern und Knattern.
Mit Abwechslung ist aber nicht nur Musikalisches gemeint: Christian Lillinger ist hier auch mal nicht an den Drums wirbelnd, sondern quasi in seiner Rolle als Musikdozent zu erleben, die er ja auch, namentlich an der an derHochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, ausübt: Zusammen mit dem Soundtüftler und Produzenten Manfred Little Konzett von den Little Big Beat Studios in Liechtenstein präsentiert er im Seminarraum des Hotels sein neues Album, das er dort letztes Jahr mit Elias Stemeseder (p) aufnahm. Er erläutert seine musik- und kunstgeschichtlichen Inspirationsquellen für die Aufnahme, die von Aphex Twin bis Jean Tinguely reichen, gewährt Einblicke in seine Drumming-Philosophie und -Technik, und erklärt zum Beispiel, warum muskulöses Drum-Geknüppel oft weniger intensiv knallt als sorgfältig austariertes, dynamisches Snaredrumming, während „Little“ über die Praxis der Vinyl-Tonträgerproduktion als solcher fachsimpelt. Ein hochinteressanter Ansatz: Ab und zu auch einmal mit anderen Nerds über Musik zu reden und zu fachsimpeln, dafür auch Räume und Zeiten zu öffnen, das könnte man sich öfter auf Festivals vorstellen!
Keine Theorie, sondern knallharte Praxis folgt gleich im Anschluss mit einem der vitalsten Highlights des Festivals: Das Philip Zoubek Trio mit Zoubek (Foto oben: Stefan Hauer) an Klavier und, rechtwinklig daneben, Synthesizer-Miniorgel, David Helm (b) sowie Dominik Mahnig (dr, xylo), die er abwechselnd bespielt. Kraftvolle Dröhnung mit heftigen Absturzkaskaden, zwar teils nach Noten gespielt, trotzdem mit sehr viel Platz für vogelwilde Improstrecken, ein einziges, intensives Set, kein Gerede, let the music do the talking: weird und herrlich abgespaced! Apropos weird: Wenn der Schlagzeuger (und Stick-Jongleur) Edward Perraud (u.a. The Fish, Das Kapital) in seinem Projekt Sauvages Paradis mit Deplphine Joussein (bekannt als Querflötistin des Punk-Jazz-Female-Power-Trios Nout), mit Eve Risser (org, keyb, e) und Arthur Delaleu (g, b, e) zusammen performt, bleibt natürlich kein Stein auf dem anderen. Die vier unterhalten die gesteckt volle Eisenbahnremise derart gekonnt mit ihrer krawalligen Show, dass die Ovationen am Schluss kein Ende nehmen wollen, was neben den circensischen Einlagen Perrauds und der ohnehin gelösten Spätabendstimmung vor allem der expressiven, verausgabenden Spielfreude aller Beteiligten geschuldet ist.

Auf Empfehlung von Camila Nebbia geben ESETV3, das sind Kido Gohn (b, e) und Sofo (keyb) aus Buenos Aires mit „verwirrender Noise-Dance-Musik“ (um das Programmheft zu bemühen) den Late-Night-Act. Das Ganze plätschert freilich lange relativ mau vor sich hin, bis dann Evelyn Gonzalez mit innovativem Flamenco und Stepptanz die beiden richtig triggert und alles noch eine außerordentlich exzessive, lautstarke, schweißtreibende Wendung nimmt. Und weil wir gerade von Schweiß und Hitze reden: Trotz starken Besuchs, teils drangvoller Enge und mitunter heftiger Hitze bei den alles in allem 21 Konzerten waren und sind die Bezau Beatz über die gute Musik hinaus in aller Regel von familiärer Stimmung und tiefenentspanntem Publikum geprägt, eine Folge der Gesamtatmosphärik, für die Alfred Vogel und sein Produktionsassistent Valentin Schuster (gleichfalls Drummer) und das ganze Team verantwortlich zeichnen. Die stets bestens gehosteten Musiker:innen sind hier ohnedies gut gelaunt. Man darf sich jetzt schon auf das nächste Jahr mit seinem runden Geburtstag freuen!