ELLA FITZGERALD & THE TOMMY FLANAGAN TRIO
live at the wiener konzerthaus, 1969 (DoLP)
Edition Ö1
Ella Fitzgerald (voc); Tommy Flanagan (p), Frank de la Rosa (b), Ed Thigpen (dr)

Tief in den Schätzen des ORF-Musikarchivs schürfte die Ö1-Jazzredaktion und förderte dieses Juwel zutage. Großen Dank dafür! Erst unlängst war im staatlichen österreichischen Fernsehen eine beeindruckende Doku der langen, vom Ringen um Selbstbestimmung gegen den (nicht nur) damals in den 50er und 60er Jahren allgegenwärtigen Rassismus in den USA, Karriere von Ella Fitzgerald zu bewundern. Inklusive ihrer ungestümen Lust am Gesang, an der Kommunikation mit dem Publikum und am Scat, den sie in unnachahmlicher Virtuosität und Verspieltheit wesentlich formuliert hatte (auf dieser Platte komplett wahnsinnig in Jobims One Note Samba!), ihrem enormen Spaß mit Louis Armstrong, ihrer Beziehung zu Marilyn Monroe, die sich im rassistischen Amerika für sie stark gemacht hatte, und viele andere Lebensstationen. Ihre eigentlich komplett unfassbare vokale Präsenz widmete Ella 1969, als nicht nur in Woodstock Legendäres stattfand, in Wien Songs von unter anderem Burt Bacharach, Richard Rodgers, Oscar Hammerstein, Duke Ellington, daneben aber auch von Cream(!) in Sunshine of Your Love , den Beatles (Hey Jude) und eben António Carlos Jobim. Kurz gesagt: Wir haben es hier mit einem Höhepunkt der Musikgeschichte zu tun, von wo in der Welt auch immer man sie wahrnimmt. Mit Grandezza reagiert sie etwa darauf, als sie unterwegs den Text zu Mack the Knife, den Song von Mackie Messer in der Dreigroschenoper, vergisst und darüber, ohne irgendeinen Anflug an Peinlichkeit, souverän improvisiert, als wäre das genau so beabsichtigt gewesen. Bertolt Brecht, vielleicht auch Kurt Weill, wäre gewiss zufrieden mit dieser Improvisationsleistung gewesen, die er lobend den Verfremdungseffekt, kurz: VE, genannt hätte. Und die letzten Minuten samt Bandvorstellung gehören zum Witzigsten, das jemals auf Vinyl gebannt wurde! Schon das Konzert des Trios von Tommy Flanagan, damals beim Festival in Hollabrunn, war in seiner ästhetischen Brillanz legendär. Aber nie vergessen werde ich die Gelegenheit, die späte Ella Fitzgerald einmal in meinem Leben, damals in Wiesen im Duo mit dem wundervollen Gitarristen Joe Pass, live erlebt haben zu dürfen. Erinnerungen werden durch diese prächtige Doppel-LP wie aus dem Schlaf gerissen. Und die damalige Gänsehaut macht sich schon wieder bemerkbar.