Klangfestival Gallneukirchen, 10. bis 12. Juli
Mit ihrem Pudertanz zur Eröffnung der Europäischen Kulturhauptstadt Bad Ischl hat die Choreografin Doris Uhlich vor zwei Jahren reichlich, nun ja, Staub aufgewirbelt. Körperlichkeit in seiner elementaren, nackten Form ist eines ihrer zentralen Sujets, man konnte dies beispielsweise auch beim Donaufestival in Krems 2017 in Gestalt von etwa dreißig unbekleideten Performern eindrücklich erleben. Im (leeren) Becken des alten Hallenbads in Gallneukirchen sind es round about vierzig Mitwirkende, zudem ein vierköpfiges Team aus Proben- und Produktionsleitung, die zu den housigen Sounds von DJ Boris Kopeinig mit einer zunächst eher witzig-unterhaltsamen, gegen Ende hin beeindruckend-aussagestarken Aufführung unter dem Titel Badehabitat das diesjährige Klangfestival Gallneukirchen eröffneten: Pantomimische Schwimmbewegungen und sonstige Bademoves einzelner fließen zu einem Ensemble unterschiedlichster, sehr spärlich bekleideter Menschen zusammen, die im Kollektiv wellenartige Gesamtkörper bilden, dann aber gleich wieder der Dialektik aus Individualität und Gemeinschaft Raum geben. Die Inklusion auch beschädigter, verletzlicher Körper hinterlässt hierbei den stärksten, nachwirkenden Eindruck, ohne dabei auch nur im geringsten exhibitionistisch oder voyeuristisch zu wirken. Zuletzt werden die zahlreichen Zuschauer am Beckenrand (der erste Festivaltag war ausverkauft!) ins Becken hinein eingeladen, woraufhin alles in gemeinsames Tanzen mündet.
Damit war der Tenor des Klangfestivals getroffen, denn neben der guten, überwiegend elektronisch grundierten, indes genreübergreifenden Musik, den ungewöhnlchen Locations (früher etwa am Bauernhof, in der alten Feuerwehrwache und jetzt eben zum dritten Mal im Hallenbad) ist es die ausgeprochen unkommerzielle, familiäre und tiefenentspannte Atmosphäre, die „Gålli“ jedesmal so besonders macht. Die kurzfristige Schließung eines für die Unterbringung der Künstler wichtigen Hotels vor Ort hat leider ein Jahr Zwangspause bedingt, was die von vielen anderen Veranstaltern gleichsam beklagte Problematik stark gestiegener Kosten für Unterkunft und Mobilität bei gleichzeitig geringeren Zuschüssen verdeutlicht. Mit viel ehrenamtlichem Engagement und Idealismus konnte es heuer weitergehen.
Der Gustostückerl gab es sodann einige: Sylvia Bruckner (p), Martin Siewert (g, e) und Lukas König (dr) sind Ausnahmekönner der improvisierten Musik und verstehen im kleineren Nebenraum des „Kinderbeckens“ (wo meist die experimentelleren Gigs zu goutieren sind) auch bestens zu unterhalten. Das Set treibt spannungsvoll vor sich hin, mit Bruckner über weite Strecken unterhalb der Tastatur knieend, zupfend und klopfend, aber irgendwie, womöglich der schwülen Hitze geschuldet(?), fehlt das letztlich Originelle, das zündende Moment, das den Unterschied macht zwischen „nur“ gelungen und in Erinnerung bleibend.
Tags darauf soliert Sylvia Bruckner auf der Orgel der Evangelischen Kirche eine komplexe, strukturreiche Improvisation, die gegen Ende hin noch kurz lebhaft bis wild wird. Das Knarzen und Ächzen der Holzbänke durch verspätetes Publikum vermag das Hörerlebnis kaum zu trüben, fügt es sich doch mitunter passend in die Klangkaskaden ein. Ein danach folgendes Konzert für Elektronik und vier Elektrorasenmäher wäre sogar eines Sven Åke Johansson würdig gewesen (wer erinnert sich nicht an seine Kompositionen für Traktoren oder Feuerlöscher!), beim Elektro-Gig von Murmler aka Martin Loecker drehen sich die Schneiden der seitkant gestellten Mäher zwar, zu hören ist aber allerweitestgehend davon gar nichts, es bleibt bei Ambientsounds und gelegentlichem Gesang. Schade.

Ein ganz andere Sounderfahrung bieten Manu Mitterhuber und Bernhard Breuer mit ihrem Projekt Grounded: Tête-à-tête hinter ihren Set-ups sitzend, produzieren die beiden letztlich coolen, dröhnend-fließenden, mit Energie vollgepumpten Noise, der aber gerade noch unter der Gehörstöpselschwelle bleibt. Apropos: Billy Roisz & dieb13 sind nicht nur privat ein Paar, sondern auch nicht selten miteinander on stage, stets verbunden mit besten Erinnerungen an komplexe Elektronik und visuals seitens Roisz und niemals fadem Turntablism seitens dieb13. In Gålli freilich, und dieses Urteil wurde von anderen Afficionados lautstarker Elektronik geteilt, sind die beiden so noisig wie selten zu hören: Was sie da abliefern, darf man über lange Phasen hinweg durchaus als Harsh-Noise labeln, wenngleich ebenfalls unter noch sozialverträglichen Dezibelbedingungen. Gleichwohl: High Energy im stockdunklen, hitzigen Nebenraum, das war zum frühen Abend genau das Richtige!
Und noch ein Beispiel für eine überaus lautstarke, aber weit über bloße Schallerschütterung hinausweisende Performance: Hinter Flöjter stecken Mats Gustafsson und Delphine Joussein, beide, wie der Titel nahelegt, an Flöten plus jeder Menge Elektronik-Gadgets. Joussein kennt und schätzt man ja längst als eine von drei Frauen des Impro-Punk-Powerprojekts Nout. Als diese sich, etwa letztes Jahr beim music unlimited in Wels oder auch schon bei den Augsburger Brecht-Tagen, den hard working man Gustafsson hinzuluden, wurde das von manchen als Fehlgriff erachtet, schien er doch wegen seiner Saxofon-Dominanz das Trio aus Drums, Harfe und Querflöte soundmäßig und nicht zuletzt auch habituell mitunter zu overrulen, und das, obwohl die drei selber stets reichlichst Vollgas geben und wahrlich keine Kinder von Traurigkeit sind. In Gålli indes, ganz ohne jedes Sax, bildet er mit Joussein ein Duett auf Augenhöhe, beide fordern, supporten und pushen sich, wobei Joussein mit ihrer Vitalität und Aufgewecktheit Gustafsson performativ sogar noch überstrahlt: ein Festivalhighlight, mit Ovationen und Zugabe!
Aber das Klangfestival ist natürlich nicht nur Noise und Elektronische Musik: Ob schräge, gänzlich unkonventionelle Rockbands, wie die post- und prog-rockigen Austin TV aus Mexiko (Foto oben: Philippe Gerlach) und die charismatisch-krawalligen Deerhoof aus den USA oder Projekte von Studierenden der Kunstuni (Postdigital Ensemble), ob DJs zur late night oder der zünftige Frühschoppen mit Willi Landl (voc) und Michael Hornek (p), die von Kreisler-Klassikern bis zu abgefahrenen Medleys das kostenlose Frühstück versüßen: Gallneukirchen setzt jedes mal wieder Maßstäbe in Sachen Alternativkultur!