Jazzfestival Saalfelden, 20. bis 23. August
Diskussionen gibt es jedes Jahr in Saalfelden, ob die 56 Konzerte an zahlreichen Spielorten nicht doch zu viel seien, ob die Genregrenzen nicht doch zu weit gedehnt seien, ob man den Techno aus der Gruberhalle wirklich bräuchte, ob der vom Turm der Kirche blasende bretonische Bagpiper mehr als ein Gimmick sei und ob die Kostenfreiheit der Hälfte der Konzerte sich wirklich lohne. Jedenfalls hat der Veranstalter Mario Steidl mit seinem Team viele Menschen bewegt und die Pinzgauer Gemeinde für vier Tage zur Klangstadt gemacht.
Einer der großen Publikumsmagneten ist das Treffen von Lukas Kranzelbinders Shake Stew auf zwei Blaskapellen im Stadtpark. Da mag es die Jazzpolizei gruseln, aber die Leute sind richtig happy, und die Musiker:innen haben bei beiden Formationen eine Riesenfreude. Und immerhin wird Albert Aylers Truth is marching in gemeinsam intoniert. Auf der Hauptbühne im Saalfeldener Congress eröffnet traditionellerweise eine heimische Formation mit einem Kompositionsauftrag das Festival. Das ist schon manchmal schiefgegangen, sei es aus Überforderung oder aus Selbstüberschätzung. Das ist dieses Jahr bei der Tiroler Saxofonistin Yvonne Moriel nicht der Fall. Ihr Sextett ist perfekt besetzt, agiert ausgewogen. Auch zwei Drummer sind nicht zu viel, sogar die Harfe von Miriam Adefris integriert sich. Manu Mayrs Bass treibt an, und Moriels Altsaxofon klingt stets souverän und elegant.
„Before the Bloom“ nennt Marta Sanchez ihr aktuelles Quintett, als Gast gesellt sich noch Trompeter Cuong Vu dazu. Die Stücke der Pianistin brechen kaum mit den Konventionen, bleiben gern im Modus Thema-Soli-Thema, sind allesamt sauber intoniert, machen aber zu wenig aus der Besetzung mit zwei Saxofonen, Trompete, Klavier, Bass und Schlagzeug. Ihr Solo bei den Shortcuts im Nexus kann da mehr überzeugen. Abwechslungsreich, grazil präpariert, changiert ihr Klavier zwischen Zartheit und bockigem Aufbegehren. Aus einem Quartett wird durch einen Krankheitsfall ein Trio: Christopher Dell konnte nicht kommen, so entschlossen sich die Pianistin Tamara Stefanovich, Drummer Christian Lillinger und Jonas Westergaard am Bass zu dritt aufzutreten, ein denkwürdiger Moment der Saalfelden-Historie. Die drei agieren auf Augenhöhe, hören einander zu, bauen einen großen, einstündigen Spannungsbogen, der nie bricht, perfekt ausbalanciert zwischen Dichte und Transparenz.

Norwegen verfügt über ein bekannt großzügiges Fördersystem für spannende Musik. Das Henriette Eilertsen Trio „Moder“ist hübsch anzuhören, ein wenig fragil, bietet aber wenige Höhepunkte, während das Oktett des Schlagzeugers Dag Magnus Narvesen nachhaltig beeindruckt: fünffaches Gebläse, Piano, Bass und Schlagwerk, zum Teil mit Leuten besetzt, die man bei uns kaum kennt. Aus mächtigen Improvisationskollektiven schälen sich Melodien, entwickeln sich ruhige Dialoge zwischen Holz und Blech, und der mächtige Bass von Ingebrigt Håker Flaten zwingt zu manchem Richtungswechsel. Grandios! Gleich darauf, ebenfalls auf der Mainstage, ein weiteres Glanzstück: Darius Jones (as), Otomo Yoshihide (g) [Foto oben: Julian Gruber], Nick Dunston (b) und die beiden Drummer Gerald Cleaver und Yasuhiro Yoshigaki lassen es richtig krachen. Jones zieht satte, gelassene Linien, Otomos Gitarre blitzt und kreischt, die Trommeln vibrieren und mittendrinn Dunstons fetter Bass, der minutenlang vier Noten in der Endlosschleife spielt, unbeirrbar, souverän die Übersicht bewahrend. Mehr braucht es nicht. Ganz am Ende kommt noch das Quartett Yeah No mit Chris Speed, Cuong Vu, Skúli Sverrissonund Jim Black: geschmeidiger Jazz mit vier Allzeitgrößen, brillant musiziert, mal kraftvoll, mal melancholisch und immer an die Klassik, sei sie von Ornette Coleman oder von Tim Berne, erinnernd. In Summe bieten die Saalfeldener immer wieder einen guten Überblick über das Gegenwärtige, auch mit Bezügen zur Vergangenheit und vielleicht auch manchen Ausblick in die Zukunft.
Die besten Festivals sind die, bei denen man gleich nach dem Opener denkt: Das wird nur schwer zu toppen sein! Das Lava Quartet beginnt zaghaft und konzentriert, steigert sich aber in einen Flow, bei dem alles zusammenpasst: der varianten- und effektreiche Gesang Almut Kühnes, das Klavierspiel Jordina Millàs mit zahlreichen Präparationen, Wieland Möllers dosiertes Drumming und nicht zuletzt Gonçalo Almeidas anfangs noch verspieltes, sich final aber in ein Flat-out steigerndes Bassspiel. So geht Jazz, bitte sehr! Auf der kleinen Bühne im Kulturhaus Nexus, wo mit der parallelen Veranstaltungsreihe Shortcuts traditionell die eher experimentelleren und forscheren Gigs anzutreffen sind, wissen auch die „Töchter“ von DaughterDaughter nachhaltig Eindruck zu erwecken. Amalie Dahl, Camila Nebbia (sax), Elisabeth Courdoux (c) und Sun-Mi Hong (dr) spielen Kompositorisches, unterbrochen von Impro-Passagen, wobei die Dialektik aus beidem hier das Besondere ausmacht. Übringes: Am Eröffnungstag waren (jenseits von Stadtpark- und Almkonzerten) von elf Musikern deren neun Frauen! Es gab unerfreulichere Zeiten, da wäre das wohl der Gesamtanteil des ganzen Festivals gewesen.
Für den zünftigsten Krawall im Nexus sorgen, wie kaum anders zu erwarten, Sauvages Paradis mit dem Entertainer und Spaßmacher Edward Perraud (dr, e, g), der blendend gelaunten Eve Risser (keyb, fl, voc), Arthur Delaleu (g, e) und dem Energiebündel Delphine Joussein an der Querflöte nebst jeder Menge electronic devices. Da finden sich balladeske Elemente, reichlich noisige Einschübe, Dissonantes & Schräges in allen Klangfarben, und doch: What a difference the daytime makes! In Bezau zwei Wochen zuvor sorgten die vier für Ovationen, da war es freilich nicht Nachmittag, sondern der letzte Gig am Abend, und ein paar Kaltgetränke mehr oder weniger intus machen da einen bemerkenswerten atmosphärischen Unterschied bei ansonsten ähnlicher Performance, speziell natürlich bei Musiken, die auf Spektakel und Unterhaltung fokussieren. Delphine Joussein hatte erfreulicherweise gleich drei Gigs zu absolvieren: Im genannten Quartett, im Duo und solo. Das höchst rasante Female-Power-Jazz-Punk-Trio Nout ist zwar ihr zufolge nun doch noch nicht Geschichte, liegt aber bis auf weiteres auf Eis, um sich jeweils eigenen Projekten widmen zu können. In der urban anmutenden Landwirtschaftsmaschinenhalle duelliert sie sich unter dem Titel Trunk zusammen mit Aymeric Avice (tp, dr): Das ist dann mehr Noise und Punk als Jazz, urlaut und intensiv: Hurra! Den Höhepunkt in Sachen musikalische Könnerschaft bietet aber ihr Soloauftritt in den lauschigen Räumen des Schlossmuseums mit dem Programmnamen Calamity: Was sie mit ihrer Querflöte und gut einem Dutzend Pedalen an Sounds erzeugt, bereichert mit Gesang und Gedichten ihres verstorbenen Bruders, ist tatsächlich spektakulär: Noiseflächen, aber auch vergleichweise melodische Passagen geben sich die Hand.

Täuscht es, oder macht sich hier eine kuratorische Handschrift bemerkbar, die stärker als bisher schon die eher elegischen, konzentrierten, mitunter gar etwas fadisierenden, jedenfalls „braven“ Konzerte auf die Mainstage bringt, wohingegen sich das Laute und Expressive eher auf den Nebenbühnen des Nexus und der Gruberhalle findet? So etwa Wobble8 mit der heftig röhrenden Sofia Salvo (sax), Sebastian Pfeifer (synth), dem quicklebendigen Valentin Schuster (dr) und Dan Peter Sundland am Bass, der den ganzen Tumult immer wieder mit schrägen, originellen Gesangseinlagen würzt. Gar noch engergiegeladener sind die fünf veritablen Space- und Noiserocker von der Hippie-Hochburg Vancouver Island namens Earthball, die mit einer dröhnenden Melange aus Kautrock und Postpunk mit ihrer charismatischen, nachgerade Kim Gordon-Assoziationen weckenden Sängerin und Bassistin Isabel Ford ein Zwischending aus Sonic Youth und Swans darstellen und beim (nicht aufgrund der Lautsärke schon geflüchteten) Publikum Begeisterungsstürme hervorrufen.
Das vielleicht außergewöhnlichste Set, für manche gar eines der allerbesten Konzerte, sicher aber der ungewöhnlichste Gig, bereits in aller Herrgottsfrüh um elf Uhr im Nexus, war eine Premiere, die wohl von Kurator Mario Steidl angedacht wurde, zumindest konnten sich die drei beteiligten Musiker nicht an anderes erinnern: Der hochcharismatische Rob Mazurek an Trompete und Kornett nebst Lukas König (dr) sowie Erwan Keravec (dudelsack). Mazurek verstört und beeindruckt über lange Strecken mit einer ausgedehnten Art Morgengymnastik, mit langatmigen Klagelauten und monotonen Gesängen, während König mit dem ganzen Repertoire seiner Methoden beeindruckt und Keravec das Ganze mit dem unnachahmlichen, transzendierenden Flow unterfüttert. Abends auf der Mainstage wirkt Mazurek dann weit berechenbarer und aufgeräumter im Chicago Underground Duo mit Chad Taylor (dr, mbira, kalimba), der mit seiner Präzision, seinem Taktgefühl und auch seiner physischen Ausdauer immer wieder hoch beeindruckt, dabei ohne jede Allüren oder Selbstinszenierungen auskommt. Er lässt alleine Taten sprechen, kommt ganz ohne Präparationen aus, vermeidet zu viele Tempiwechsel oder Strukturbrüche, während Mazurek vitale Trompetenstöße raushaut. Als im letzten Drittel noch Darius Jones (sax) und Gerald Cleaver (dr) als special guests dazustoßen, ergibt das High-End-Modern-Improjazz, wie er im Buche steht