Hans Falb (1954-2025)
Hans Falb hat am 26. Dezember zu leben aufgehört. Wir bringen einen ausfĂŒhrlichen Nachruf von Philipp Schmickl, sukzessive angereichert durch Statements und Erinnerungen von Freund:innen und WeggefĂ€hrt:innen.

Music is the healing force of the universe
Hans Falb war sein Leben lang ein Ă€uĂerst groĂzĂŒgiger Mensch, der stets versucht hat, seine Vision einer besseren Welt zu verwirklichen. Seine Plattform war sein Gasthaus, die Jazzgalerie Nickelsdorf, und seine Mittel waren Musik und Freundschaft (auch, natĂŒrlich, seine KĂŒche und seine Weine). Hans, besser bekannt als Hauna, war kein âeinfacher Menschâ â alles, was man gemeinsam unternommen hat, konnte unerwartete Wendungen nehmen, vornehmlich warmherzige Wendungen; und er verstand es, Angelegenheiten so lange hinauszuzögern, bis das Timing ĂŒberraschend gut war. Die vielen Clubkonzerte und Festivals, die Hans mit seinen Freunden*1 in dieser Art veranstaltet hat, bildeten und prĂ€gten â ĂŒber die Jahre und Jahrzehnte â nicht nur unzĂ€hlige weitere Geflechte an Freundschaften, die ĂŒber nationale und geografische Grenzen hinweg aufrecht erhalten wurden, sondern sie ermöglichten auch eine tiefe Freundschaft zur Musik â einer improvisierten Musik, die sich primĂ€r, aber nicht nur, auf Jazz beruft â und zu einer Art Konzentration, die â bei völliger Bewegungsfreiheit â sich einstellt, wenn ein Konzert beginnt: ein kollektives Zuhören, das die Spielenden mit dem Publikum vereint.
ZunĂ€chst ein paar Zahlen: Die Jazzgalerie â damit sind nun Hans und seine Freunde* gemeint â hat ehrenamtlich 48 drei- bis viertĂ€gige Festivals veranstaltet: Die Nickelsdorfer Avant-Jazztage 1978, die Konfrontationen von 1980 bis 2025, Cosmic Tones for Mental Therapy/Hommage Ă Sun Ra 2012 und The New Gardens of Harlem/Hommage Ă Joe McPhee 2015. Zwischen 1976 und 2007 fanden an die 500 Clubkonzerte statt, in spĂ€teren Jahren folgten vereinzelte Veranstaltungen nach. Von den spĂ€ten 1970er bis in die 2000er Jahre hat Hans das Programm gemeinsam mit Reinhard Stöger (alias Grölli) bestimmt. Danach ĂŒbernahm er die ganze Verantwortung, lieĂ sich aber weiterhin von seinen Freunden* zu diesem oder jenem Konzert bewegen.
Schon bald nach dem zweitĂ€gigen, musikalisch noch eher traditionell gestalteten Eröffnungsfest der Jazzgalerie Nickelsdorf im November 1976 wandte sich die Jazzgalerie zunehmend der europĂ€ischen und afroamerikanischen Jazz-Avantgarde zu und tat sich innerhalb kurzer Zeit hevor als einer der wichtigsten Orte fĂŒr, im damaligen Jargon, âprogressiveâ Musik in Europa, vielleicht auch darĂŒber hinaus â alles ĂŒberwiegend finanziert durch die Einnahmen des CafĂ© Restaurant Falb.2
In einem Interview im Jahr 2013 sagte mir Hans: âNach dem 84er-Festival war ich ein bisschen ausgebrannt und hab mir gedacht: âEigentlich hast du eh schon so viel gemacht.â Irgendwann wollt‘ ich vielleicht auch mein Leben verĂ€ndern âŠâ Inspiriert von Clifford Thornton, Julius Hemphillâs Dogon A.D. und dem Chris Marker Film Sans Soleil, ist er ist dann Ende 1984 ĂŒber Lyon nach Ouagadougou, Burkina Faso, gereist, von wo aus er sich drei, vier Monate in Westafrika durchgeschlagen hat. Seine ErzĂ€hlungen von diesen Reisen kreisten immer wieder um das Ăberwinden von Grenzen, manchmal regulĂ€r, manchmal klandestin, manchmal mit einem Tag GefĂ€ngnis bestraft, bevor er wieder dorthin gebracht wurde, von wo aus er eingereist war. Er erzĂ€hlte auch gerne davon, wie die Kinder eines Dorfs, in dem er sich aufhielt, seine Zahnpasta gestohlen haben um sich ihre Gesichter damit weiĂ zu schminken. Oder wie man im Ruwenzori Gebirge erkennen konnte, in welcher Gegend Schnaps gebrannt werde: nĂ€mlich dort, wo die Leute am StraĂenrand, nicht wie sonst mit den FĂŒĂen, sondern mit dem Kopf talwĂ€rts schliefen. Nach der Heimkehr im FrĂŒhjahr 1985 wurde bald klar â und hier ist das Ende des oben abgebrochenen Zitats â dass er eine VerĂ€nderung seines Lebens zwar versucht hatte â⊠und hab’s aber nicht geschafft. Die Musiker sind froh darĂŒber.â
In den 40 Jahren, die zwischen dieser groĂen Reise und seiner jetzigen liegen, hat Hans Falb mit der Jazzgalerie einen Raum geschaffen, der erfĂŒllt war von Musik und einer umfassenden Liebe zu den KĂŒnsten; einen Raum, der belebt war vom Geist der Freundschaft und der geprĂ€gt war von Weltoffenheit und einer kosmopolitischen Orientierung hin zum Weltgeschehen. Ich kann mich erinnern, in der Jazzgalerie lagen, neben Musikmagazinen wie Wire, Spex, Skug, Jazzlive, Jazz Podium, freiStil oder der Neuen Zeitschrift fĂŒr Musik, unterschiedliche Tageszeitungen auf sowie der Falter, die Schweizer WOZ, konkret, Le Monde Diplomatique und Lettre International; es gab einen groĂen Atlas, der regelmĂ€Ăig hervorgeholt wurde, und es gab BĂŒcher ĂŒber Whisky, Wein und Wanderwege. Mit den Clubkonzerten und Festivals holte die Jazzgalerie darĂŒber hinaus, wie Grölli es formuliert hat, âdie Welt zu uns nach Hause.â Dieses Zuhause, die Jazzgalerie, die Hans mit seinen vielen Freunden*3 teilte, war ein so unwahrscheinlicher Ort in der österreichischen Peripherie wie der Traum des Fitzcarraldo von einem Opernhaus im peruanischen Regenwald. Vielleicht war âdie Welt,â von der Reinhard spricht, diese Musikwelt, deswegen so begeistert von der Jazzgalerie, weil sie von einem Menschen gefĂŒhrt wurde, der viele Dinge so erledigte â hier noch einmal Fitzcarraldo â âwie die Kuh ĂŒber das Kirchendach springtâ. Am Ende des Films verkauft Fitz das Schiff, das er vergebens ĂŒber den Berg an der Landenge hievte, und drĂŒckt den Packen Geld, den er dafĂŒr vom kolonialen GroĂgrundbesitzer erhalten hatte, seinem KapitĂ€n in die Hand, damit er ihm â neben einem Frack, einem roten Samtsessel und âder besten Zigarre der Weltâ â das Opernorchester, das in Manaus gastierte, fĂŒr eine AuffĂŒhrung auf sein Schiff bringe. Bejubelt vom Ufer, gleitet die Musik ĂŒber das Wasser, Fitzcarraldo steht stolz im Frack und rauchend am Schiff, am Rand des Orchesters, Ă€hnlich wie Hans âseineâ Konzerte sehr oft auf der BĂŒhne gehört hat, rauchend, aber immer ohne Frack.
Die Konfrontationen â ihre Klang- und Sprachfarbenkombinationenen4 â waren ein auĂerordentliches Festival. Die Jazzgalerie, als ein von Hansâ Vorstellung einer guten Welt geprĂ€gter Ort, und die Musik, die dort gespielt und improvisiert wurde, eröffneten und formten diesen Raum der gedehnten Möglichkeiten und Anti-Strukturen zu den herrschenden Hierarchien. Hans hat die Festivals, wie er sagte, inszeniert; es sollten sich alle wohlfĂŒhlen, wĂ€hrend sie âetwas Komplexes ins Herz geschĂŒttet bekommenâ (Theoral no. 6). Nach und nach hat sich das Festival auch selbst inszeniert. Was heute DiversitĂ€t genannt wird, wurde seit der GrĂŒndung des Festivals als Einheit betrachtet: Einheit der KĂŒnste, Einheit des Ortes und Einheit der Menschen. Anti- und postkoloniales Denken umarmte den Klang der Moderne; minimalistische Wien-Berlin-Texturen wurden von Kirchenglocken ein- und ausgelĂ€utet; und meine persönliche Vorliebe an den Festival-Nachmittagen: der Schnitzelklopfer und der Klavierstimmer spielen durch das Sprachengewirr hindurch. Das Sinnliche und das Intellektuelle haben sich in der Jazzgalerie und auf den Festivals immer gegenseitig beflĂŒgelt wie die Musik die Freundschaft und umgekehrt. Beim Spielen und Hören, beim Essen und Trinken, beim Tanzen und KĂŒssen.

Das CafĂ© Restaurant Falb, meist geöffnet bis spĂ€t in die Nacht, war nicht nur ein Tor zur Welt und unterschiedlichen Musikwelten, sondern auch immer ein Zufluchtsort fĂŒr Freunde und Fremde, fĂŒr Neuangekommene, fĂŒr uns Jugendliche und andere, die sich zu Hause (gerade) nicht so verstanden fĂŒhlten. Wenn man nicht nach Hause gehen wollte, konnte man mit Hauna an der Bar sitzen, Musik hören und danach im Lokal ĂŒbernachten. Wer Geld brauchte, konnte dort arbeiten, essen und trinken. Dass die Jazzgalerie besonders den Marginalisierten Zuflucht bot, wurde noch deutlicher als 2015 300.000 geflĂŒchtete Menschen in Nickelsdorf ĂŒber die Grenze kamen und einige der Wenigen, die in Nickelsdorf blieben, in der Jazzgalerie den Ort fanden, an dem sie nicht paternalistisch behandelt wurden, sondern als gleichwertige Menschen in KĂŒche und Service arbeiten konnten. Einer von ihnen, Ali, sagte am Tag vor Hansâ Verabschiedung: âHauna hat ein warmes Herz.â Ich denke, dass er die Gastfreundschaft, die ich aus den ErzĂ€hlungen von seinen Reisen in West- und spĂ€ter in Zentralafrika kenne, in seinem eigenen Gasthaus in der euopĂ€ischen Peripherie verwirklicht hat.
Dass ein solcher Ort kaum ökonomische Ăberlebenschancen hat, wurde deutlich in den Konkursen und schlieĂlich im Verlust des Restaurants. Beim ersten groĂen Konkurs 2007/08 war auch das Festival betroffen. Die Einstellung der Konfrontationen wurde aber vom dichten, transkontinentalen musikalisch-freundschaftlichen Geflecht abgefangen, und der Verein Impro 2000 wurde re-organisiert: Lokal und Musik wurden entflochten. In den Jahren nach der SchlieĂung der Jazzgalerie infolge der ersten Corona-Lockdowns im MĂ€rz 2020 und Hansâ Erreichen des Pensionsalters, blieb das Restaurant weiterhin sein Wohnzimmer, in dem er seine Freunde* empfing und in dem er aĂ und trank. Es blieb sein BĂŒro, in dem er telefonierte, hin und wieder eine E-Mail schrieb und die Platten und CDs, die er zugeschickt bekam, hören und wiederhören konnte. Es war der Ort, an dem er seit 1976 mit seinen Freunden*, spĂ€ter allein, das Musikprogramm fĂŒr die Konfrontationen zusammenstellte. Im Juni 2025 musste er raus, es gab neue PĂ€chter und PlĂ€ne fĂŒr das Lokal. Schon sehr geschwĂ€cht, zog er in die zwei RĂ€ume hinter dem Restaurant, die ihm bis dahin als Schlaf- und Archivraum (das FestivalbĂŒro) gedient hatten. Er weigerte sich, ganz auszuziehen. Er verweigerte auch jegliche medizinische Hilfe. Trotz der verschĂ€rften UmstĂ€nde â er sagte, ja, an solche VerĂ€nderungen mĂŒsse man sich gewöhnen, nicht aber ohne sich dabei ĂŒber die Beschallung des Hofes zu beschweren â erzĂ€hlte er, immer wenn ich ihn besuchte, seine Schwierigkeiten als Abenteuergeschichte. Hans verstand sich nie als Opfer der ökonomischen und gesellschaftspolitischen VerĂ€nderungen, sondern immer als Abenteurer. Wie sehr sich auch seine Situtation verschlechterte, er erkannte und lebte darin das Poetische. In Lyon, am 28. November 1984, kurz vor seinem Abflug nach Ouagadougou, notierte er â die Spiegelungen der Werbereklamen in der RhĂŽne oder SaĂŽne betrachtend, in sein Reisetagebuch: âCARDENAL fĂ€llt mir ein und wenn ich Zeugnis ablegen mĂŒsste von meiner Zeit dann dieses: sie war barabarisch und primitiv, doch poetisch.â
Wie im Grimmâschen MĂ€rchen Hans im GlĂŒck hatte Hans Falb 1976 einen Klumpen Gold bekommen (die Arbeit lag jedoch vor ihm): das Gasthaus bot einen gewissen Reichtum und eine aussichtsreiche Perspektive. Step by step hat er diesen Reichtum mit seiner Perspektive aber weggetauscht; anders als im MĂ€rchen, wurde der wegtetauschte Reichtum zu Freundschaft und zu Musik â einer Musik, die ihrerseits auch nicht festzuhalten ist. Hans zitierte gerne Eric Dolphy, dem zugeschrieben wird gesagt zu haben, âWhen you hear music, after itâs over, itâs gone in the air.â Hans Falb im GlĂŒck hat allen materiellen Reichtum erfolgreich weggetauscht. Am Ende des MĂ€rchens der GebrĂŒder Grimm heiĂt es: âMit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter angekommen war.â
Philipp Schmickl

Dank an Elvira Faltermeier, Andrea Mutschlechner, Kira David und Burkhard Stangl.
Der Autor hat im Juli 2025 eine Dissertation ĂŒber die Konfrontationen Nickelsdorf abgeschlossen, die 2026 (hoffentlich!) in der Reihe Jazz Research des Instituts fĂŒr Jazz- und Popularmusikforschung der Kunstuni Graz erscheinen soll. Titel: Konfrontationen Nickelsdorf: Cosmopolitan Improvising at a Jazz Festival at the Borders.
1 Der Stern steht fĂŒr die groĂe Vielfalt unter den Menschen, die ein freundschaftliches VerhĂ€ltnis zu Hans hatten.
2 Das Eröffnungskonzert spielten Fatty George (Klarinette), Al Fats Edwards (Gesang), Rudi Wilfer (Klavier) und Karl Prosenik (Schlagzeug). In den ersten Jahren danach spielten u. a.: Abdullah Ibrahim/Dollar Brand, Alexander von Schlippenbach, Sven-Ă ke Johansson, Clifford Thornton, Amina Claudine Myers, das World Saxophone Quartet, gröĂere und kleinere Ensembles von Roscoe Mitchell, Joseph Jarman, Muhal Richard Abrams, Anthony Braxton und Don Moye, Peter Brötzmann, Frank Wright, Michele Rosewoman, Maria Böhmberger, Akira Sakata, Sun Ra mit einem elfköpfigen Arkestra, Andrew Cyrilleâs âMaonoâ, Max Roach, Dieter Kaufmann, Dieter Glawischnig/Neighbours, Peter Kowald, H. C. Artmann, & Co. Wie aus einem Brief von Hans Falb an Roscoe Mitchell (gefunden im Jazzgalerie-Archiv) hervorgeht, war fĂŒr die Konfrontationen 1984 ein viertĂ€giges Portrait der AACM-Komponisten Roscoe Mitchell, Anthony Braxton, Muhal Richard Abramas und Leo Smith geplant. Schlussendlich kamen aber nur Mitchell und Braxton.
3 Zu diesen Freunden* gehörten auch sehr viele österreichische Musikschaffende, fĂŒr die die Jazzgalerie Impuls und Möglichkeit darstellte, ihre eigenen Musiken und Karrieren gröĂer zu denken und zu gestalten, z.B. Christian Fennesz und Franz Hautzinger, die beide aus der Nickelsdorf-Gegend kommen, Susanna Gartmayer, Christof Kurzmann, Didi Kern u.v.a.m.
4 Zu einem Versuch einer Beschreibung der Konfrontationen siehe den Text Ăber Geister und Farben unter: https://thefuckle.wordpress.com/2019/07/12/uber-geister-und-farben-vierzig-jahre-konfrontationen/