Ulrichsberger Kaleidophon, 24. bis 26. April
Am Anfang wird ordentlich gezirpt und gezwitschert, es kommunizieren die Platten auf den Tellern von Joke Lanz mit der Stimme von Ute Wassermann. Für die Freunde dieser Sounds stellt das Eröffnungskonzert des 40. Ulrichsberger Kaleidophons keine besondere Überraschung dar. Wenn man, wie die Festivalmacher vom Jazzatelier, seit vielen Jahren außergewöhnliche Klänge in den nordwestlichsten Winkel Oberösterreichs bringt, hat man sich eine treue Fangemeinde erarbeitet, die nur noch wenig verblüffen kann und die dennoch mit offenen Ohren und Seelen das Geschehen verfolgt. Das Jubiläum wollte man offenbar nicht besonders in den Vordergrund stellen, eher ein gediegenes Programm von elf Konzerten, flankiert von der Kunstaustellung Sichtung mit Arbeiten von Markus Hoffmann.
Dass Pianistin Céline Voccia und Kontrabassist Alexander Frangenheim das erste Mal live als Duo miteinander musizieren, kann man sich angesichts der intimen Vertrautheit der beiden fast nicht vorstellen. Sie befinden sich eindeutig auf einer Wellenlänge. Frangenheim nutzt alle Klangmöglichkeiten seines Basses, streicht, zupft und klopft, quietscht im höchsten Flageolett, brummt genüsslich. Voccia präpariert den Flügel zurückhaltend, schlägt mächtige Akkorde, bespielt alle Regionen, auch die innersten, ihres Instruments. Manchmal entfremden sich die beiden, um doch wieder zueinander zu finden, als sei’s eine zärtliche Umarmung. Feine Sache.
Nach dem mäßig spannenden Trio Waschtag um die Schrottperkussionistin Elisabeth Flunger (mit Alexander Babikov, g, e; und Michael Moser, c, e), vieles wirkt ein wenig dem Zufall geschuldet, kann das Bass-Solo von Antti J. Virtaranta, Finne mit Wohnsitz Berlin, vollständig überzeugen. Minimalistische Veränderungen in schier endlosen Wiederholungsschleifen häufen sich zu gewaltigen Klangtürmen, elektronische Nebengeräusche sorgen für ironische Brechungen. Äußerst kurzweilig und heftig beklatscht.
Punk-vibes in the house beim Quartett Crawford/Foster/Malmendier/Škrijelj. Tom Malmendier an den Drums und seine langjährige Duo-Partnerin Emilie Škrijelj (üblicherweise Akkordeon und Turntables, diesmal nur letzteres) werden in diesem äußerst kurzweiligen Projekt von Michael Foster (sax) und Webb Crawford (g) weit mehr als nur ergänzt. Malmendier treibt auf seine typische Weise das Geschehen an, d, Škrijelj arbeitet konzentriert mit ihren Plattenspielern nebst Electronics und streut gezielte Dosen Sound ins Getriebe, gerne auch lautstark, Crawford agiert eher zurückhaltend, während Foster die Aufmerksamkeit auf sich zieht: Ob wildes Freak-out-Sax-Geröhre am Tenor, ob schrille Sopransaxstöße oder auch unorthodox Undefinierbares, erzeugt mit Schläuchen, die er vor das Mundstück steckt: Allein das Zuschauen lohnt, vom vital-expressiven Gesamtwerk der vier zu schweigen! Ein (das?) Highlight des Festivals!

Noch lautstärker, und gleichfalls ein Publikumshighlight (zwei Zugaben!): Das viel zu selten in Europa anzutreffende japanische Satoko Fujii Quartet. Die namensgebende Pianistin musste leider kurzfristig aus privaten Gründen absagen, was den Veranstalter zu äußerst kurzfristigem Troubleshooting zwang. Mit der spontan aus Berlin zugestoßenen Liz Kosack wurde aber adäquater Ersatz gefunden, die charismatische Tastenkünstlerin trat wie üblich ganzgesichtsmaskiert auf. Mit Natsuki Tamura (tp), Hayakawa Takeharu (b), und Tatsuya Yoshida (dr) entfesseln die vier eine heftig-hochvitale Darbietung: ein wildes, starkstromgeladenes Spektakel langgedienter Virtuosen der freien Musik und Avantgarde mit allerseits großer Spielfreude. Gleichfalls voluminös im Sound präsentieren sich Han-earl Park an der rockig-improvisierten E-Gitarre, Richard Barrett (e) und die hörbar einstmals aus dem Metal-Kontext kommende Drummerin Sara Neidorf (Foto oben: Uli Templin). Das strömt wie ein Gebirgsbach, das kratzt und scheppert und schwappt auch mal ins Noisige, schaltet aber auch gern zurück, Impro auf Steroiden, aber ohne sich dabei in posenhaftem High-Energy-Gehabe zu erschöpfen: So muss das sein!
Ein Kontrastprogramm gab es in der Pfarrkirche zu goutieren, wo das Spektrum des Gebotenen in Gefilde der neuen Musik erweitert wurde: Das Vienna Reed Quintet von Petra-Stump Linshalm und Heinz-Peter Linshalm an den Klarinetten, Herri Choi (Oboe), Marcelo Padilla (Fagott) und Alfred Reiter-Wuschko, daneben auch der langjährige Tonmeister des Kaleidophons, am Saxofon inszeniert zeitgenössische Kammermusik mit Raum für Experimentelles und arbeitet auch mit Videoprojektion und raummusikalischer Inszenierung.

Zehn Konzerte (plus ein überraschend lustiger, auch musikalisch gehaltvoller Bluesrock-Frühschoppen zwecks Brückenschlag zu den Ulrichsberger Homies), die in Form und Inhalt sehr viel Abwechslung boten. Das Konzept, nicht überwiegend auf sattsam bekannte Größen der Szene zu setzen, ging auf. Nächstes Jahr dürfte dann auch der Publikumsandrang wieder das gewohnte Maß erreichen, nachdem der der diesmal fehlende Brückentag 1. Mai einige Weitreisende abzuhalten schien.
Christoph Haunschmid / Bernd Lederer