Hotel Pupik, Scheifling, 7. bis 9. August
Regenschauer sind längst ein Klassiker der Wettergestaltung am Eröffnungsabend im Hotel Pupik. Der Landschaft tut’s gut und der gewohnt sonnigen Stimmung keinen Abbruch. Auffällt, dass seit einiger Zeit eine markante Verjüngung des Pupikteams und damit auch des Publikums sich etabliert hat. Das lässt für die Gegenwart und insbesondere für die Zukunft keine Stagnationsbefürchtungen aufkommen. Vorbildlich.
Unter den Artists in Residence, die hier in Schrattenberg wochenlang Stücke erarbeiten, sind, neben Musiker:innen, wie immer auch internationale bildende Künstler:innen, deren bemerkenswerte Artefakte hier ausgestellt werden. Den musikalischen Auftakt besorgt ein Ensemble, das Synergien beider Kunstformen nutzt: Kasho Chualan (p, synth, perc) & Sebastian Meyer (e), verstärkt um Stefano Furlan an einer im Oberstübchen und am Parterreboden befestigten Saite und um Heimo Wallner (tp), den sozialistischen König von Schrattenberg, bewältigt diese Mischform mit Bravour und installativer Herangehensweise. Bei offener Hintertür mit Blick auf gelegentliche Blitze gibt die solitäre Cellistin Laura Pudelek fast in Finsternis eines ihrer Solokonzerte: expressiv, esperimentell, mit und ohne Stimme. Ein Energiepaket, das seit einiger Zeit für Furore sorgt.
Den Geniestreich von Barockmusik an grob verzerrter E-Gitarre verantwortet Stefano Pilia, wenn er gerade nicht improvisiert bzw. sie überbrückt. Lediglich die Überlänge seines Auftritts schmälert den Genuss etwas, ansonsten aber wurde so ein zeitlich artistischer Weitsprung noch selten gehört. Den Ausklang des ersten Pupikabends, bevor eine Disko noch Tanzbeine forciert haben wird, besorgt das Trio Kinky Muppet von Katrin Plavčak (voc, g), Nicholas Hoffman (voc, g) und Oliver Stotz, diesmal am Schlagzeug. Punkpop mit Entertainment-Qualitäten gleiten so amüsant wie nahtlos in die wieder trocken gewordene Nacht.

Der Samstag wirkt mit fünf Konzerten etwas überfrachtet, glänzt dafür gleich mit einigen Hochlichtern, angefangen vom Duo Susanna Gartmayer & Peter Herbert: Die Bassklarinettistin und der Kontrabassist an seinem uralten Instrument harmonieren über die gesamte Spielzeit, vom Intro im Freien, im Übergang nach drinnen und im Raum in sämtlichen Facetten. Insbesondere die tiefen Lagen in gemäßigtem Tempo hinterlassen einen zauberhaften Eindruck. Das zahlreiche Publikum quittiert’s mit heftigem Applaus. Danach lässt sich auch Gottfried Krienzer, der sich in Soloarbeiten kauders nennt, keineswegs lumpen. Der gelernte Gitarrist (bekannt u.a. von The Striggles) hätte sich auf sein Hauptinstrument beschränken können. Stattdessen baut er eine komplexe Apparatur mit mehrheitlich perkussiven Elementen auf und erweitert sie um elektronische Zuspielen und ein Miniaturkeyboard. Damit geht er aufs Ganze und verleiht seinem Auftritt eine so gewagte wie sympathisch unaufgeregte Note.
Ursprünglich war im Gespräch, das Duo Fugu von Heimo Wallner & Raumschiff Engelmayr zusammen mit Elektro Guzzi unter dem feschen Namen Fuguzzi zu präsentieren. Davon kam man ab und sorgte mit Bernhard Breuer für eine Live-Version seiner neuen Platte Last Note (auf Jochen Summers Rock Is Hell). Songs mit viel Trompete, Gitarre und Stimme, aber auch mit Engelmayr an Keyboards und Klavier und Breuers souveränem Schlagzeugspiel. Nachem Claire Dickinson (voc) und Elias Brown (e) passagenweise vom Konkreten ins Sphärische abdriften, manövriert Breuer in seinem Hauptberufstrio Elektro Guzzi den Abend in so lichte wie brodelnde Höhen. Gemeinsam mit Bernhard Hammer (g, e) und Jakob Schneidewind (b, e) groovt er sich in schwindelerregende Gebiete, die entgegen der auch superen Anfangsjahre nicht mehr so plakativ, sondern komplexer, eigentlich subversiver, dabei immer noch mitreißend daherkommt. Eine Weltklasseband, in der einfach alles stimmt: die Chemie, die Physik, die Musik. Und Toningenieur Ollmann kümmert sich sowie seit Jahren konsequent um den bestmöglichen Sound aller in Pupik agierenden Musici, so auch bei den Guzzis.

Eines der unfassbarsten Orgelkonzerte meines mittellangen Lebens verdanke ich Klaus Lang am Sonntagvormittag an der Vonbank-Orgel in der Kapuzinerkirche Murau. Zum dritten Mal eingeladen, widmet er sich erstmals ausschließlich eigenen Stücken, also ganz ohne Barockmusik, die er so unnachahmlich zu interpretieren weiß. Von der wuchtigen, orchestralen Klangfülle bis zu den Obertönen, den Untertönen und den Zwischentönen erleben wir die Königin der Instrumente outer space. Die Virtuosität, mit nahezu überirdischen Schwebungen zu arbeiten, und das viele berührende Minuten lang, korrespondieren mit Langs enormem Gespür und einer guten Prise Magie. Ein Wahnsinn für die Ohren. Ovationen en masse.
Was auch nicht unterschätzt werden sollte, zumal in Zeiten wie diesen: Wir bewegen uns im Hotel Pupik in einer offenen, konsumbefreiten Zone. Freier Eintritt, ein kleines Kollektiv kocht unentgeltlich für das große, lediglich Flüssignahrung kostet ein bissel Geld. Das Ambiente erweist sich traditionell als sehr behaglich, sehr kommunikativ, sehr familiär. Und nennenswerte Kunst kommt als Mehrwert noch dazu. So schön kann das Leben sein, wenn die richtigen Leute Verantwortung übernehmen und sich dafür ins Zeug legen. Unterhaltung mit Haltung und Soziokultur im allerbesten Sinn, von der sich Dutzende Veranstalter eine bis mindestens fünf Scheiben abschneiden können.