3 Tage Jazz Saalfelden, 23. bis 25. Jänner
Der letztlich ja doch ganz üppige Reigen österreichischer Jazzfestivals startet seit 2016, mit der heuer neunten Ausgabe, in Saalfelden im Kulturzentrum Nexus in Gestalt der 3 Tage Jazz. Der Name ist eine Hommage an die allererste Ausgabe des Internationalen Jazzfestivals im Jahr 1978, die damals unter gleichem Titel und im selben Schriftdesign angekündigt war. Die Winterausgabe (acht Konzerte an drei Tagen) ist die kleine Schwester des längst renommierten Hauptevents im August und hat mittlerweile auch eine andere Zielgruppe auf dem Schirm: weniger die eingefleischten Jazznerds und Afficionados im engeren Sinne, geschweige denn Freunde der härteren Impro-Gangart, sondern mehr Leute aus der Region und überhaupt auch solche, die nicht Tag und Nacht Jazz hören. Die Grenzen zum Poppigen oder auch Weltmusikalischen werden da gern und bewusst fließend überschritten, aber das muss ja nichts Schlechtes sein, sofern die Qualität stimmt. Etwa beim Sélène Saint-Aimé String Trio, das im letzten Jahr schon bei Glatt & Verkehrt in Krems zu goutieren war. Saint-Aimé am Kontrabass schöpft aus dem kulturellen Fundus ihrer kreolischen Wurzeln und singt Lieder mit Bezügen zu den Antillen, der Elfenbeinküste und Frankreich, alles jenseits folkloristischer Klischees. Ein beeindruckend lyrisch-harmonisches Konzert, zumal sie von Lina Belaid am Cello und Maelle Desbrosses an der Viola kongenial begleitet wird. Wohltuend, gerade in nicht nur jahreszeitlich bedingt eiskalten Zeiten!
Imposant auch die Perkussionistin Anissa Nehari vom Trio MŸA mit Léo Jassef an Piano und Synthie sowie Robinson Khoury an Posaune, Synthie und Gesang: Meist mit der einen Hand die Drums mit einem Stick bearbeitend, während die andere Hand die zwischen die Beine geklemmte Handtrommel bespielt. Sie setzt der über Strecken eher poppig-verspielten Melange aus Jazz und libanesisch-arabischen Sounds dann doch noch ein i-Tüpfelchen auf. Nicht minder erbaulich: die charismatische und vor allem hochtalentierte polnische Pianistin Joanna Duda (Foto oben: Michael Geißler), die zusammen mit dem Bassisten Jort Terwijn und Michael Bryndal an den Drums eine erfrischende, kurzweilige Session aus Komponiertem und Improvisiertem bestreitet und von lebhaft und laut bis konzentriert-elegisch ein breites Spektrum an Tunes auffächert. Dass charismatische Erscheinung alleine zu wenig ist, zeigt freilich das Quartett ADHD aus Island: Die vier Originale wirken wie aus einem Aki Kaurismäki-Film entsprungen, ihr jazzrockiger Sound erschöpft sich aber oft im Banalen, speziell wenn Oskar Gudjonsson sein Tenorsax in einem verschwurbelt-schwülstig-hallenden Sound trötet, der an Filmmusiken einschlägiger Filmgenres der 70er erinnert. Aber anyway: Das Publikum zeigt sich begeistert, Zugabe wird gefordert und gegeben!

Zum dritten mal fand der Opener des Winterfestivals in der Stadtpfarrkirche statt. Als der diensthabende Pfarrer erstmals angefragt wurde, ob er seine Kirche als Klangraum zur Verfügung stellen würde, war dessen Antwort in dessen eigenen Worten: „Wenn es würdevoll ist!“ Diesbezüglich mussten sich Vincent Courtois am Cello und Colin Vallon am Fender Rhodes nichts nachsagen lassen: Ein einnehmend konzentriert-komplexes Spiel, eher Klassik oder neue Musik als Jazz, variantenreich am Cello und mit teils psychedelisch anmutenden Tastatur-Klangspiralen. (Bleibt freilich die jährliche Frage, wieso bei klirrendem Frost ein Konzert in der Eistruhe der Kirche stattzufinden hat, Akustik hin oder her. Immerhin gab es Taschenwärmer als Geschenk und vor der Tür gratis Glühwein!)
Der Lautpoet Christian Reiner ist gern gesehener Gast in Saalfelden, unvergessen sind seine Performances in einer Waldlichtung oder in der Buchdruckerei im Rahmen des Sommerfestivals. Für die Winterausgabe holt er sich Inspiration bei einem Streifzug durch die sonntägliche Spielstätte, dem Leoganger Bergbau- und Gotikmuseum. Seine spontanen, zwischen Dada, Lettrismus und rhythmischer Spoken-Word-Performance changierenden Wort- und Klangströme fallen hier überraschend düster aus, erst ein peinliches, lautes Telefonklingeln im Publikum ermuntert ihn zu seiner großen Stärke: der spontanen Reaktion auf situative Trigger. Begleitet wurde er von Sofia Labropoulou an der präparierten Kanun, einer nordafrikanisch-nahöstlichen Kastenzither, mit der sie die Performance fast meditativ und passgenau begleitet. Summa summarum: Manch erwärmendes im tiefsten Winter, man freut sich dennoch auf das Jazzfestival im August.