{"id":14161,"date":"2025-07-22T21:56:43","date_gmt":"2025-07-22T19:56:43","guid":{"rendered":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/?p=14161"},"modified":"2025-08-04T15:11:45","modified_gmt":"2025-08-04T13:11:45","slug":"politisch-motiviert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/politisch-motiviert\/","title":{"rendered":"Politisch motiviert"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Donaufestival Krems (2.\u20135. + 9.\u201311.5.), 9. bis 11. Mai<\/h4>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/donaufestival-1024x681.jpg\" alt=\"Lonnie Holley, Moor Mother. 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Foto: David Visnjic\/Donaufestival<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eJede Zeit hat ihren eigenen Faschis\u00admus.\u201c Dieses Zitat von Primo Levi war heuer ein inoffizielles Motto des Donau\u00adfestivals in Krems, es fand sich auf Stoff\u00adtaschen und kostenlosen Aufklebern ge\u00addruckt. Die Historikerin Marci Shore et\u00adwa spricht diesbez\u00fcglich, zun\u00e4chst mit Blick auf Russland, aber mittlerweile auch auf die USA (\u201ePutinismus\u201c, \u201eTrum\u00adpismus\u201c), von \u201ePostmodernem Faschis\u00admus\u201c und markiert als charakteristischen Unterschied zu den klassischen Faschismen der Vergangenheit heute einen weitgehenden Verzicht auf absolutistische Wahrheitsanspr\u00fcche im ideologischen Sinn: Vielmehr gehe es heute um die Abschaffung eben von Wahrheit selbst. Jedwede Einschr\u00e4nkung eigenen Handelns durch empirische Realit\u00e4ten, durch evidenzbasierte Fakten, sei es einen Seuchenvirus, sei es den Klima\u00adwandel betreffend, wird bek\u00e4mpft und negiert. Anstelle der klassischen faschis\u00adtischen Mobilisierung einer Massen\u00adbe\u00adwegung trete in der postmodernen Vari\u00adante Demobilisierung, Passivierung und Sedierung durch regelrechten Fake-News-Overkill. Das offizielle Festivalclaim Con\u00adfusion is next, Titel einer Sonic Youth-Nummer von 1983, bringt den hier nur angedeuteten zeitdiagnostischen Kon\u00adtext nicht minder passend auf den Punkt: Im Zeitalter der \u201epost truth\u201c, der \u201ealternativen Fakten\u201c und \u201egef\u00fchlten Wahr\u00adheiten\u201c l\u00f6sen sich vernunftbasierte ge\u00adsellschaftliche Diskurse in L\u00fcgen, P\u00f6be\u00adleien, Verschw\u00f6rungsm\u00e4rchen und blanke Hetze in den Kloaken der sozialen Medien auf. \u201eFlood the zone with shit!\u201c, das Motto des Trump-Rasputin Steve Bannon, also die Strategie, die Infor\u00adma\u00adtionszone mit einem dauerhaften Schwall von Desinformation, Skandalen, Zerset\u00adzung, Ger\u00fcchten, Fake News und Dro\u00adhungen zu \u00fcberfluten, ist l\u00e4ngst g\u00e4ngige Praxis aller Populisten und Demagogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was tun? Das Donaufestival Krems versteht sich traditionell ausdr\u00fccklich als gesellschaftspolitisch orientiertes Kultur\u00adevent und keinesfalls nur als Mu\u00adsik\u00adfes\u00adtival, es attestiert sich gesell\u00adschafts\u00adpoli\u00adtische Relevanz und will diese auch at\u00adtestiert bekommen. Das altersge\u00admisch\u00adte, \u00fcberwiegend wahrscheinlich akademisierte Publikum darf als vergleichsweise kulturell wie auch politisch interessiert und informiert gelten. Ent\u00adspre\u00adchend boten Filme, Performances, Kunst\u00adausstellungen und Diskussions\u00adrun\u00adden M\u00f6glichkeiten einer zielgruppenad\u00e4quaten Bewusstseinssch\u00e4rfung. Mit Georg \u201e\u00dcberbau\u201c See\u00dflen und Dietmar Dath (leider kurzfristig erkrankt) fanden sich etwa zwei der versiertesten Kultur\u00adkriti\u00adker des deutschsprachigen Diskurs\u00adraums geladen, um sich gerade auch Fragen eines m\u00f6glichen Neuanlaufs aufkl\u00e4rerischer Theoriebildung zu widmen. Wie auch bei anverwandten Events, die Mu\u00adsik und Kunst mit Gesellschafts\u00adana\u00adlyse verbinden, also etwa das Elevate in Graz oder die Ars Electronica in Linz, bleibt freilich stets die Frage nach der Subs\u00adtanz und Nachhaltigkeit solch eh\u00adrenwer\u00adter Bem\u00fchungen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Krems jeden\u00adfalls schien die gegen\u00adw\u00e4rtige Theorie\u00adlosigkeit mit H\u00e4nden zu greifen, sobald sich politische Deklama\u00adtionen auf und vor der B\u00fchne in wohlfeilen (und unterkomplexen) \u201eFree Pales\u00adtine!\u201c-State\u00adments in Wort und Fahnen\u00adsymbolik er\u00adsch\u00f6pften (und einmal auch zu aggressiven Unmuts\u00e4u\u00dferungen im Publikum f\u00fchrten). Politische Aussagen on stage waren meist nur eigene Betrof\u00adfenheits\u00adbekundungen angesichts der aktuellen Weltl\u00e4ufte (und das mitunter enervierend) oder auch eher szenetypischer Ausdruck identit\u00e4tspolitischen Zeit\u00ad\u00adgeists, denn Ausdruck theorieges\u00e4ttigter Ge\u00adgennarrative zur gegenw\u00e4rtigen \u201eRezes\u00adsion der Demokratie\u201c (Larry Dia\u00admond).<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders indes die politische Aus\u00adsagekraft der brasilianischen Perfor\u00admance\u00adaktivisten der <strong>Original Bomber Crew<\/strong>, die mit ihren Ausdrucksmitteln, einer Mischung aus hektischer Bewe\u00adgung (etwa auf Skateboards), Posen und Tanz in d\u00fcster abgedunkelter Halle symbolisch und spektakul\u00e4r Stra\u00dfenk\u00e4mpfe und Demonstrationen in Favelas nach\u00adinszenieren. Auch die erfrischend vielseitige, immer wieder mit neuen Projek\u00adten und Kollaborationen \u00fcberraschende <strong>Moor Mother<\/strong> aka Camae Ayewa bot mit <strong>Lon\u00adnie Holley<\/strong> einen politisch relevanten, gesangslastigen Streifzug durch die Black History mit Anlehnungen an Blues, Soul, Gospel und Jazz, vorgetragen mit tiefem, gef\u00fchlvoll-vibrierendem Pathos. Kein heiterer, sondern ein nachdenklicher Ab\u00adschluss des Festivals, den politisch und sozial d\u00fcsteren Zeiten entsprechend.<\/p>\n\n\n\n<p>Bez\u00fcglich dem politischen Anspruch eines Kulturfestivals wie Krems, das trotz allem doch \u00fcberwiegend ein Musik\u00adfestival ist, stellt sich ohnehin die grund\u00ads\u00e4tzliche Frage: Ist nicht schon allein die Neugierde auf teils Unerh\u00f6rtes, ist die intellektuelle Bereitschaft und der zugeh\u00f6rige soziokulturelle Habitus, Musiken weit jenseits kulturindustrieller Massen\u00adware zu goutieren, sich mit Leuten zu vergesellschaften, die teils \u00e4hnliche mi\u00adnorit\u00e4re Geschm\u00e4cker und Orientie\u00adrun\u00adgen leben, nicht bereits politisch genug? Ist, um ein sch\u00f6nes Beispiel zu nennen, ein konstruktiv-zerr\u00fcttendes, jedweder Mainstreamverwertung unzug\u00e4ngliches Industrial-Noise-Inferno wie jenes von <strong>Yellow Swans<\/strong> auf seine Art nicht auch ein politisches Statement? No bullshitting, keine Betroffenheitsbekundungen, nur pure, jede K\u00f6rperzelle durchdringende Soundenergie, die das Duo Pete Swanson und Gabriel Mindel Saloman da erzeugen: Let the music do the talking! Wer dachte, danach kann in Sa\u00adchen Energie gar nichts mehr kommen, sah sich get\u00e4uscht: <strong>HHY &amp; The Macum\u00adbas<\/strong> erzeugten mit ihrem monotonen, aber originellen und mitrei\u00dfenden Sound, einer Art technoidem \u201eIndustrial Dub\u201c, beste Stimmung, was auch in der coolen, trotz ihrer Vitalit\u00e4t von posenhaftem Understatement getragenen Show dieses Septetts gr\u00fcndete.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer will, dass ihm oder ihr auf Festi\u00advals alles gef\u00e4llt, muss auf inhaltlich-thematisch enggef\u00fchrte Genrever\u00adanstal\u00adtun\u00adgen gehen, ein Programm wie in Krems ist absichtlich zu divers, um jeden Ge\u00adschmack treffen zu k\u00f6nnen oder auch nur zu wollen: So kommt es beispielsweise, dass die von vielen umjubelte Haley Fohr alias <strong>Circuit Des Yeux<\/strong> mit ihrem leidenden Emo-Gothic-Style andere eher fadisiert, der in der Tat beeindruckenden Stimme zum Trotz. Weitere Impressionen und Beleg der Vielseitig\u00adkeit des Gebotenen: Das neunk\u00f6pfige <strong>Shovel Dance Collective<\/strong> bietet English-Scottish-Irish-Folk-Tunes in Rebel-Song-Tradition dar, gleichfalls das Quartett <strong>Lankum<\/strong> aus Dublin, beide inszenieren aber kein tanzw\u00fctiges Folkspektakel \u00e0 la Pogues, sondern \u00fcberwiegend traditionelle, nicht selten balladeske Songs. <strong>O.<\/strong>, das sind Joe Henwood und Tash Keary, erinnern als Duo an White Stripes und White Miles, wobei die Drummerin aber nicht von E-Gitarre, sondern vom Bari\u00adton\u00adsax begleitet wird. Imposant, leider aber mit zu viel Dr\u00f6hnen und \u00fcbersteuertem Sax und insbesondere zu viel Ge\u00adrede zwischendurch. Bei <strong>Use Knife<\/strong> stellt sich die Frage: Ist das Weltmusik, dieser Mix aus westlich-technoiden und arabischen Sounds und Instrumenten?; das Duo <strong>Demdike Stare<\/strong> l\u00e4sst danach zur Kontrastierung technoides Noise-Ge\u00adwitter herabprasseln. Von vielen freudig erwartet und mit Vorschusslorbeeren bedacht: <strong>Spiritualized<\/strong>: ein wilder, lauter Gig, der an Melvins gemahnt und passagenweise auch an die Swans an\u00adlehnt, aber kaum beginnen die zehn(!) auf der B\u00fchne das Publikum in einem M\u00e6lstrom des Noiserock zu verschlingen, kommt verl\u00e4sslich gleich die n\u00e4chs\u00adte Ballade ums Eck und sediert die Oh\u00adren fast schon mit Soft-Rock. Den meisten hat\u2018s trotzdem gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Festivals sind, mit Michel Foucault sprechend, \u201eheterotope R\u00e4ume\u201c, das sind konkrete, gelebte Dystopien oder, wie hier eben, Utopien, freilich zeitlich und r\u00e4umlich klar begrenzt und definiert. Jede heile Welt des Festivals, von (h\u00e4ufig) Gleichgesinnten und von erbaulicher Kunst und Kultur umgeben, hat ihr Ende, danach geht es wieder in den Alltag zu\u00adr\u00fcck. Vielleicht dann aber doch immerhin mit ein paar neuen Ideen und Inspi\u00adrationen, nicht zuletzt auch mit Endor\u00adphinen im Blut, die eine Zeit lang nachwirken. Diesen Anspruch erf\u00fcllt ein Event \u00e0 la Donaufestival allemal \u2013 und das gar nicht zu knapp.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Bernd Lederer<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donaufestival Krems (2.\u20135. + 9.\u201311.5.), 9. bis 11. Mai \u201eJede Zeit hat ihren eigenen Faschis\u00admus.\u201c Dieses Zitat von Primo Levi war heuer ein inoffizielles Motto des Donau\u00adfestivals in Krems, es fand sich auf Stoff\u00adtaschen und kostenlosen Aufklebern ge\u00addruckt. 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