{"id":14389,"date":"2025-07-30T15:10:06","date_gmt":"2025-07-30T13:10:06","guid":{"rendered":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/?p=14389"},"modified":"2025-08-23T11:51:49","modified_gmt":"2025-08-23T09:51:49","slug":"my-name-is-david-fucking-thomas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/my-name-is-david-fucking-thomas\/","title":{"rendered":"\u201eMy name is David Fucking Thomas.\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">David Thomas<strong> (1953\u20132025)<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Rock\u2019n\u2019Roller zu forsch und zu forschend, f\u00fcr die Avantgardisten zu\u00adviel Rock\u2019n\u2019Roll und Performance, f\u00fcr die Jazzer zu wenig instrumentelle Rele\u00advanz, f\u00fcr alle zu unberechenbar und zuviel Punk-Attitude, aber bei vielen experimen\u00adtell orientierten Musiker:innen gut angenommen und angekommen: Die Rede ist hier vom Musiker David Thomas, der urspr\u00fcnglich aus Cleveland\/Ohio stammt, sich aber sp\u00e4ter in England niedergelassen hatte, wo er bis zuletzt in Brighthon and Hove lebte. David Thomas ist am 23. April 2025 verstorben, im Kreise seiner Familie, wie es hei\u00dft. Er m\u00f6ge auf sei\u00adne heimatliche Farm in Pennsylvania zur\u00fcck\u00adgebracht werden und im \u00fcbrigen dann dort auf eigenen Wunsch \u201ein die Scheu\u00adne geworfen\u201c werden, verlautbart seine Band Pere Ubu in den sozialen Me\u00addien.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch in Cleveland gr\u00fcndete er 22-j\u00e4hrig die Band Rocket from the Tombs, kurze Zeit sp\u00e4ter seine mittlerweile als legend\u00e4r zu bezeichnende Band Pere Ubu, mit der er bis zuletzt und so lange er konnte auf Tour ging und 2023 noch das Album Trouble on Big Beat Street ver\u00f6ffentlichte, auf dem auch der aus der Impro-Szene bestens bekannte Kla\u00adri\u00adnet\u00adtist und Gitarrist Alex Ward zu h\u00f6\u00adren ist. Wie es hei\u00dft, habe David Thomas bis zuletzt noch an einem Album gearbeitet. Seine Freund:innen planen, das Werk abzuschlie\u00dfen und zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMy name is David Fucking Thomas \u2026 and I\u2019m the lead singer of the best fucking rock and roll band in the world\u201c, soll er einmal von sich gegeben haben. Der Mann hatte gro\u00dfes theatralisches Temperament und ein ausgepr\u00e4gtes aber fragiles Selbstbewusstsein. Rock\u2019n\u2019Roll, Underground, Postpunk, Avant-Garage \u2013 musikalische Zuschreibungen, mittels derer die interessierte Welt versucht hat, das Werk des anarchistischen Freigeists in den Griff zu bekommen, kein leichtes Unterfangen f\u00fcrwahr.<\/p>\n\n\n\n<p>David Thomas, der etwas ungelenke, manchmal wild gestikulierende, mas\u00adsige S\u00e4nger, zumeist mit Hut, immer seltener mit Gitarre, daf\u00fcr \u00f6fter mit kleinem Akkordeon in den H\u00e4nden, sp\u00e4ter sitzend, ausgestattet mit einpr\u00e4gsamer, hoher Stimme, der Mann konnte seine Zuh\u00f6rer:innen elektrisieren, in den Bann ziehen, entz\u00fccken, verzaubern: \u201eSuch a thing could never happen to me or any\u00adone I know. Not I not me at the bottom of the sea\u201c h\u00f6rt man in mit seiner eindringlichen Stimme auf dem Album Mon\u00adster Walks The Winter Lake aus dem Jahr 1985 tr\u00e4llern, \u00fcbrigens ein Meister\u00adwerk, das er als \u201eSolist\u201c ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Hauptband blieb zeitlebens Pe\u00adre Ubu, jene Band, die \u201eGaragenrock mit Dissonanzen, Saxofon, elektronischen Effekten und Thomas\u2019 markanter Stim\u00adme\u201c vereinte, wie es in der Ham\u00adburger Die Zeit treffend beschrieben wurde. 1975 erschien in der originalen Beset\u00adzung (D. Th, Peter Laughner, Tom Her\u00adman, Tony Maimone, Scott Krauss) ihre erste Single 30 Seconds Over Tok\u00adyo, 1978 dann die erste Langspielplatte The Modern Dance. Die Band wurde fortan oft umbesetzt, bisweilen recht prominent (Mayo Thompson, Anton Fier). Wichtige fr\u00fche Begegnungen seiner Zeit in Gro\u00df\u00adbritannien sind zweifellos jene mit Mu\u00adsi\u00adker:innen aus der experimentellen Avant\u00adagarde, wie zum Beispiel Lindsay Coo\u00adper, Chris Cutler und Richard Thompson, mit denen er einige wunderbare Alben aufgenommen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas\u2019 Verh\u00e4ltnis zur Literatur, zu literarischen Texten ist fast offenkundig und ein wichtiges Fundament seiner kre\u00adativen Arbeit. Seine F\u00e4higkeit, literarische Einfl\u00fcsse in seine Songs zu integrieren, verlieh neben einer dringlichen Expressivit\u00e4t, Texten wie Musik eine zu\u00ads\u00e4tzlich entschieden einzigartige Note. 2023 wurde das bislang 19. Pere Ubu Album Trouble on Big Beat Street ver\u00f6ffentlicht, auf dem neben den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen, zu denen neben Bassistin Michele Temple auch Keith Molin\u00e9 und Andy Diagram z\u00e4hlten, mit denen er zwi\u00adschendurch immer wieder als David Tho\u00admas &amp; Two Pale Boys sehr erfolgreich musziert hatte (bei einem Konzert am Welser unlimited-Festival h\u00f6rte man die ber\u00fchmte Stecknadel fallen).<\/p>\n\n\n\n<p>David Thomas hat man bei Konzer\u00adten mitunter als exzentrisch, w\u00fctend und grantelnd erlebt. Aber trotz wiederholter Eskapaden sorgten seine Auftritte regel\u00adm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Begeisterung und wiesen ihn letztendlich als geradlinigen, liebenden und liebensw\u00fcrdigen Menschen aus. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>King Wawo<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"820\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/nachruf_120_david-thomas2-820x1024.jpg\" alt=\"David Thomas \u00a9 Manfred Rahs\" class=\"wp-image-14390\" style=\"width:450px\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/nachruf_120_david-thomas2-820x1024.jpg 820w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/nachruf_120_david-thomas2-240x300.jpg 240w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/nachruf_120_david-thomas2-768x959.jpg 768w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/nachruf_120_david-thomas2.jpg 1028w\" sizes=\"(max-width: 820px) 100vw, 820px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00a9 Manfred Rahs<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als ich Mitte der 80er Jahre in der Stadtwerktatt in Linz als Veranstalter ak\u00adtiv war, verbreitete sich in der Szene ir\u00adgendwann zunehmend massive Be\u00adgeis\u00adte\u00adrung f\u00fcr David Thomas. Der Fame seiner vormaligen Band Pere Ubu war be\u00adein\u00addru\u00ad\u00adckend, der Ruf, der seiner aktuellen Band vorauseilte, mindestens ebenso. Die m\u00fcssen bei uns spielen! \u00dcber irgendeine Agentur in Deutschland kam ich zu einem Kontakt, und es gelang mir, ein Konzert zu organisieren. Gage in deutschen Mark: 2000. F\u00fcr uns damals ein Hochhaus. Der freudigst erwartete Kon\u00adzertabend startete allerdings mit ei\u00adnem \u00e4rgeren Fiasko. David Thomas und sei\u00adne Band (The Pedestrians) kamen n\u00e4mlich nicht. Wir warteten eine Stun\u00adde, zwei Stunden, die kamen einfach nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann tauchten sie irgendwann doch noch auf. David Thomas stieg aus dem Bandbus, komplett ver\u00e4rgert, maximal angefressen. Was war passiert? Die Band und er hatten (als einzige so far) die Stadtwerkstatt in der Friedhofstra\u00dfe 6 beim Stadtfriedhof in Linz, s\u00fcdlich der Donau, gesucht. Wir waren allerdings in der Friedhofstra\u00dfe 6 in Urfahr, am n\u00f6rdlichen Donauufer. Und bis die draufgekommen sind, wo sich unsere fabul\u00f6se Konzerthalle tats\u00e4chlich befindet, waren Stunden vergangen, und es war sehr schwierig und langwierig und m\u00fchsam, die Stimmung des David Thomas und seiner Band so weit zu heben, dass ein Soundcheck und ein Konzert zustande kommen konnten. Dieses Konzert entwickelte sich, nachdem die Musiker ver\u00adk\u00f6stigt und in den Genuss der internati\u00adonal gesch\u00e4tzten Stadtwerkstatt-Gast\u00adfreundschaft gekommen waren, zu ei\u00adner derma\u00dfen fulminanten, verbl\u00fcffenden und mitrei\u00dfenden Vorstellung, sowohl f\u00fcr das zahlreich erschienene Publikum als auch offensichtlich f\u00fcr die Band selbst, dass David Thomas seinen An\u00adkunfts-Rage-Mode verga\u00df und wir ein weiteres Konzert vereinbarten, das dann ein Jahr sp\u00e4ter stattfand. Wieder formidabelst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie mir David Thomas irgendwann sp\u00e4ter erz\u00e4hlte, war das Tourneeleben nicht wirklich seine Lieblings\u00adbesch\u00e4f\u00adti\u00adgung. Er h\u00e4tte es bevorzugt, sich ohne Herumfahren in Ruhe dem Schreiben zu widmen. Aber weil das Showbiz-Geld be\u00adkanntlich auf der Stra\u00dfe liegt und nicht am Schreibtisch, werden die Autobah\u00adnen von den Bands abgefahren, bei bestimm\u00adten Abzweigungen (am besten in wohlhaben\u00adden L\u00e4ndern?) verlassen, Veran\u00adstal\u00adtungs\u00adlocations werden gesucht, ge\u00adfunden, Konzerte gespielt und dann wie\u00adder Auto\u00adbahn. Petromaskuline Kilome\u00adterfresser-Rock\u2019n\u2019Roll-Melancholy! Auch wenn ei\u00adnem die Beschau von Typen auf B\u00fchnen ganz sch\u00f6n auf die Nerven ge\u00adhen kann (geschweige denn selbst einer dieser Typen auf der B\u00fchne zu sein), isses dann aber doch auch wieder lustiger und be\u00adlebender als das meiste an\u00addere, Schreib\u00adtisch inklusive. So traurig, dass du ge\u00adstorben bist, David! So sch\u00f6n, dass du da warst! <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Markus Binder<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Thomas (1953\u20132025) F\u00fcr die Rock\u2019n\u2019Roller zu forsch und zu forschend, f\u00fcr die Avantgardisten zu\u00adviel Rock\u2019n\u2019Roll und Performance, f\u00fcr die Jazzer zu wenig instrumentelle Rele\u00advanz, f\u00fcr alle zu unberechenbar und zuviel Punk-Attitude, aber bei vielen experimen\u00adtell orientierten Musiker:innen gut angenommen und angekommen: Die Rede ist hier vom Musiker David Thomas, der urspr\u00fcnglich aus Cleveland\/Ohio stammt, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":14390,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[70],"tags":[],"class_list":["post-14389","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrufe"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14389"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14389\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14770,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14389\/revisions\/14770"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14390"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}