{"id":14648,"date":"2025-08-15T12:47:57","date_gmt":"2025-08-15T10:47:57","guid":{"rendered":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/?p=14648"},"modified":"2025-08-23T11:47:56","modified_gmt":"2025-08-23T09:47:56","slug":"mit-alles-und-scharf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/mit-alles-und-scharf\/","title":{"rendered":"Mit alles und scharf"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Konfrontationen Nickelsdorf, 25. bis 27. Juli<\/h3>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\"><\/h6>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Man muss nicht unbedingt im Hotel Paprika in der ungarischen Nachbarschaft von Nickelsdorf \u00fcbernachtet haben, um die Sch\u00e4rfe der diesj\u00e4hrigen Konfrontationen und die Lust daran und darauf gesp\u00fcrt zu haben. Aber es hilft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das beginnt schon am Er\u00f6ffnungstag mit dem auffallend leger und gleichzeitig pointiert musizierenden Quartett von Christian Marien, in dem der Trommler mit Tobias Delius am Sax, Antonio Borghini am Bass und Jasper Stadhouders an der prickelnd gezupften Akustikgitarre regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Akzente sorgt. Der lustbetonte Auftakt setzt sich fort mit dem ersten Auftritt seit zehn Jahren von <strong>Trapist<\/strong>. Von der ersten Minute an zieht eine\/n die Trapistmusik sofort wieder magisch in ihren Bann. Die Martins Siewert (g, e) und Brandlmayr (perc) operieren mit dem lange Zeit vermissten Joe Williamson am Kontrabass am offenen Herzen. So unterscheidet sich das Trio personell nur an einer Position von Radian. Dennoch kultivierte der Schweigeorden immer schon eine ganz unverwechselbare Klangstruktur. Eine, die in ihrer Dramaturgie gelegentlich an jene von The Necks erinnert, sich aber wieder unvorhersehbar ver\u00e4stelt und verzweigt. Zucker f\u00fcr die Ohren. Kaum weniger zu faszinieren wei\u00df das <strong>Trio Bouge<\/strong> von Isabelle Duthoit (voc, cl), Andy Moor (g) und Steve Heather (dr). Damit hat Duthoit den Bandnamen aus der legend\u00e4ren Formation mit Johannes Bauer und Luc Ex beibelassen. Beweglichkeit und Intensit\u00e4t waren die urspr\u00fcnglichen Qualit\u00e4tskriterien, und sie sind es nach wie vor. Duthoit wieder \u00f6fter als zuletzt an der Klarinette, Moor mit seiner unvergleichlichen Mixtur aus H\u00e4rte- und Schwebezust\u00e4nden und Heather immer mit Freude an der Rhythmussache. Schon wieder ein Hochlicht also. Daran \u00e4ndert auch das Freitagsfinale nix: <strong>[Ahmed] <\/strong>beschlie\u00dfen den Freitagabend mit einem fulminanten Set, das man durchaus erwarten konnte. Enorme Lautst\u00e4rke und dichte Patterns erzeugen eine Dynamik, der man sich trotz vorger\u00fcckter Stunde kaum entziehen kann. In der Mitte des Konzerts fragt man sich, wer zuerst den Geist aufgibt: das Drumset oder die Kniegelenke von Schlagzeuger Antonin Gerbal. Die beruhigende Antwort: Beide halten durch bis zum furiosen Finale. Pat Thomas, der am Sonntag seinen 65. Geburtstag feiern sollte und in Hans Falb einen minimal \u00e4lteren Doppelg\u00e4nger findet, kann auf dieser Basis seine komplette Kreativit\u00e4t entfalten. Joel Grip (b) steht dem in nichts nach, und selbst Seymour Wright (as) spielt \u00fcberraschend variabel.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/live_nido25-1024x682.jpg\" alt=\"Martin Siewert. 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Foto: Uli Templin \/ tuer7.com<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Pat Thomas&#8216; Wucht wirkt auch am n\u00e4chsten Abend noch nach, sodass kurzerhand der Klavierstimmer angefordert werden muss, um das Spielger\u00e4t zum Auftritt von <strong>Alexander Schlippenbach<\/strong> wieder in Form zu bringen. Die Musiker, f\u00fcnf an der Zahl, danken es mit einem Konzert, das nicht nur die Grenzen der freien Improvisation auslotet, sondern auch kammermusikalische Elemente einstreut. Hierf\u00fcr stehen vor allem <strong>Ernesto<\/strong> (v) und <strong>Guilherme Rodrigues<\/strong> (c), wobei diese auch die wilden Momente h\u00f6rbar genie\u00dfen. Diese entstehen immer dann, wenn <strong>Nuno Torres<\/strong> (as) und <strong>Willi Kellers<\/strong> (dr) das Kommando \u00fcbernehmen. Dann wird es klassisch, im freien Sinne, aber eben auch etwas erwartbar. <strong>Christian Fennesz<\/strong> (g, e) und der seit Ewigkeiten hierzulande nicht mehr erlebte <strong>L\u00ea Quan Ninh<\/strong> (perc) bestreiten ein Duo, das mindestens genauso gut als zwei Solokonzerte funktioniert h\u00e4tte. Ninhs gro\u00dfe Meisterschaft reduziert er auf eine gro\u00dfe Basstrommel, der er mit unterschiedlichen, meist metallischen Materialien zu Leibe r\u00fcckt. Fennesz macht, was er immer macht: elektronisch verfeinerte Akkorde mit heftiger Neigung zu Harmonien. Und er nimmt fast permanent R\u00fccksicht auf die akustisch leisere Perkussion des Franzosen. Sehr sauber. So sauber wie die <strong>Superluft<\/strong>, die Christian Reiners Spontantexte, das Gebl\u00e4se von Almut Schlichting am Baritonsax und Susanna Gartmayer samt zweitem Schlagzeugauftritt von Christian Marien verspr\u00fchen. Einfach gehaltenes St\u00fcckwerk konterkariert Reiner mit so komplexen wie unterhaltsamen Spoken Words. Ein Vergn\u00fcgen f\u00fcr die ganze Familie. Lokalmatatador <strong>Franz Hautzinger<\/strong> hat zwei seiner aktuellen Buddies zu sich geladen, den multiplen Drummer <strong>Lukas K\u00f6nig<\/strong> und den immer etwas aufgezwirbelten Kontra- und E-Bassisten <strong>Vinicius Cajado<\/strong>. In den besten, wenn auch seltenen Momenten erinnert das an die Dynamik der Bands des unvergessenen Trompeters Toshinori Kondo. Tonale und dramaturgische L\u00e4ngen schm\u00e4lern den anf\u00e4nglichen Eindruck mit Fortdauer von Hautzingers Trompetenverzerrungen erheblich. Jo mei. <strong>Flight Mode <\/strong>beenden den Abend, wie er begonnen hat: mit einem Set, das nicht nur die Free Jazz-Polizei zufrieden stimmt. Harri Sj\u00f6str\u00f6m (ss), Elisabeth Harnik (p), John Edwards (b) und Tony Buck (dr) wissen, dass ein funktionierendes Kollektiv nicht viel falsch machen kann, vor allem dann nicht, wenn man die individuelle Freiheit nicht vernachl\u00e4ssigt. Die sch\u00f6nsten und intensivsten Momente entstehen folgerichtig, wenn sich Harnik und Edwards im Dialog befinden und nicht nur den Weg nach vorne suchen, sondern auch ruhigere Noten und Patterns einstreuen. Dann hei\u00dft es: sich zur\u00fccklehnen und entspannt den Kl\u00e4ngen lauschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Quartett von <strong>Peter van Bergen <\/strong>(sax, e), Ike van Bergen (p, keyb), Wilbert de Joode (b) und Frank Rosaly (dr) er\u00f6ffnet den kurzen Sonntagabend mit einem Konzert, in dem, durchaus \u00fcberraschend, Elemente aus Hardbop, modalem Jazz und Spiritual Jazz dominieren. Letzteres vor allem dann, wenn van Bergen tief Luft holt und tief in sein Tenor- bzw. Sopransaxofon bl\u00e4st und dabei von seiner Rhythmusgruppe luftig und leicht begleitet wird. Sp\u00e4testens jetzt ist klar, wer hier Pate steht. Sie machen zwar keine <em>Giant Steps<\/em>, aber manchmal braucht es sie auch nicht, um zufrieden zu sein. <strong>Dry Thrust<\/strong> mit Martin Siewert (g, e), Didi Kern (dr) und vor allem Geotg Graewe an der Orgel sind der sp\u00e4te und energetische H\u00f6hepunkt des Festivals. Es geht sofort voll zur Sache. Eine Stunde High Voltage ohne Pause, vorw\u00e4rts und nicht vergessen. Graewe kauert hinter seinem Instrument wie Keith Emerson oder John Lord zu ihren besten Zeiten, er haut in die Tasten, dreht an den Reglern, windet sich und bl\u00e4st zur n\u00e4chsten Attacke. Siewert und Kern schaffen es mit erschreckender Sicherheit, stets die richtigen Antworten darauf zu finden: Prog-Rock, Krautrock, psychedelische Sounds, Metal und was wei\u00df ich, mir fehlen die Worte. Das Ganze geschieht selbstverst\u00e4ndlich auf einem musikalisch extrem hohen Niveau, sodass keine W\u00fcnsche offen bleiben, au\u00dfer, dass die drei das ganze Ding alsbald wiederholen sollten. Ein extrem w\u00fcrdiger Abschluss eines wunderbaren Festivals, das sich auch von, f\u00fcr Nickelsdorfer Verh\u00e4ltnisse, nahezu eisigen Temperaturen und heftigen Regenmassen nicht beeindrucken l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Die schon traditionelle, fast ein Jahrzehnt lang alte Frage, ob es noch n\u00e4chste Konfrontationen geben wird, er\u00fcbrigt sich angesichts der vielen Qualit\u00e4ten des diesj\u00e4hrigen Festivals wie von selbst. So geht improvisierte Musik in ihren beinahe unz\u00e4hligen Facetten. Nur weiter so!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Holger Pauler \/ Andreas Fellinger<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konfrontationen Nickelsdorf, 25. bis 27. 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