{"id":15107,"date":"2025-11-06T16:43:34","date_gmt":"2025-11-06T14:43:34","guid":{"rendered":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/?p=15107"},"modified":"2025-12-01T19:58:12","modified_gmt":"2025-12-01T17:58:12","slug":"patchwork-als-philosophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/patchwork-als-philosophe\/","title":{"rendered":"Patchwork als Philosophe"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Positive Futures, Innsbruck, 16. bis 25. Oktober<\/h3>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4\u00df Selbstdarstellung versteht sich das Positive Futures Festival als sozialer und kultureller Ort einer \u201eOuternational Music for Radical Empathy\u201c, auch auf Merch-Artikeln wird dergleichen \u201eRadical Empathy&#8220; propagiert, man deklariert sich organisational als \u201egr\u00fcn, sozial und nachhaltig\u201c, als Zweck des austragenden Vereins wird die \u201eF\u00f6rderung des interkulturellen Dialogs und des grenz\u00fcberschreitenden Austauschs\u201c angef\u00fchrt, weshalb man auch einen Beitrag f\u00fcr eine bessere, tolerantere Zukunft zu leisten gedenkt, wie dies explizit als Zielsetzung angef\u00fchrt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dementsprechend d\u00fcrfen auch einschl\u00e4gige Themen, wie Klima, Queerness und Diversity im Programm nicht fehlen, im Line-up finden sich unter den insgesamt 26 Gigs (nebst vielen DJ-Sets) hierzu passend Beitr\u00e4ge musikalisch-performativer wie inhaltlicher Natur. Wer ob all dessen eine Art Love&amp;Peace-Festival mit penetranter P\u00e4dagogisierung und Heerscharen von Awareness-Beauftragten vermutet, sieht sich freilich und erfreulicherweise get\u00e4uscht: Zwar wird in der Tat Wert auf respektvolle und open-minded Gesamtathmosph\u00e4rik gelegt, indes mit leichter Hand und ohne Dogmatismus. In erster Linie bezieht sich Vielfalt hier n\u00e4mlich im Wortsinn auf die auch in der dritten Ausgabe h\u00f6chst bemerkenswerte Verschiedenheit und Vielf\u00e4ltigkeit der konzertanten Beitr\u00e4ge, die sich letztlich nur durch einen gr\u00f6\u00dften gemeinsamen Nenner charakterisieren lassen: meist au\u00dfergew\u00f6hnlich, um nicht zu sagen: schr\u00e4g, in vielen F\u00e4llen die Erwartungen \u00fcbertreffend, fast immer aber selbige unterlaufend. Es geht um noch &#8211; oder auch dauerhaft &#8211; kaum bis nicht bekannte K\u00fcnstler:nnen, die sich unter dem Radar des Massengeschmacks bewegen, aber, zumindest in den meisten F\u00e4llen, \u00fcber Qualit\u00e4ten verf\u00fcgen, an denen es im Mainstream meist mangelt: Charisma und Originalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonders geeignetes Beispiel hierf\u00fcr ist etwa das dadaesk-theatrale Projekt <strong>Muovipussi<\/strong>, in dem nicht die musikalische Qualit\u00e4t des Mixes aus Punk, Techno und Sprechgesang im Vordergrund steht, sondern eine hoch originelle, teils akrobatische, wilde und vor allem witzig-ironische Performance des finnischen Trios von Milla Lahtinen, Niklas Blomberg und Heidi Finnberg. Dem Publikum stehen hier letztlich Tr\u00e4nen vor Lachen und Begeisterung in den Augen! Dem nicht ganz un\u00e4hnlich ist auch die Powershow von <strong>Blanco Teta<\/strong> aus Buenos Aires: Musikalisch ist dieser Noise-Krawall des Quartetts um die charismatische S\u00e4ngerin Josefina Barreix nebst Drums, Cello, E-Bass und jeder Menge Elektronik ganz sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, aber dieser Anspruch wird hier gar nicht erst erhoben, es geht auch hier um gepflegten Krawall, Geschrei und jede Menge Spa\u00df, der ratzfatz auf das begeisterte Publikum \u00fcberspringt: Einfach gut und mit voller Energie zu unterhalten ist ja auch nichts, wof\u00fcr man sich als Band sch\u00e4me m\u00fcsste!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/innsbruck_121-daniel_jarosch-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15109\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/innsbruck_121-daniel_jarosch-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/innsbruck_121-daniel_jarosch-300x200.jpg 300w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/innsbruck_121-daniel_jarosch-768x512.jpg 768w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/innsbruck_121-daniel_jarosch-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/innsbruck_121-daniel_jarosch-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/innsbruck_121-daniel_jarosch-64x43.jpg 64w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/innsbruck_121-daniel_jarosch-540x360.jpg 540w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/innsbruck_121-daniel_jarosch-1440x960.jpg 1440w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Muovipussi. Foto: Daniel Jarosch<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ganz anders der als <strong>Funeral Folk<\/strong> angek\u00fcndigte Auftritt von Maria W Horn &amp; Sara Parkman \u2013 erstere wusste schon tags zuvor solo mit einem sehr kraftvollen, sehr lauten Ambient-Noise zu \u00fcberzeugen: Die drei, in folkloristischen Trachten gekleidet, intonieren d\u00fcstere, in der Tradition sakraler Klageges\u00e4nge Kareliens wurzelnde Ges\u00e4nge und Soundscapes, mit Viola und E-Bass, dazu kommen Gadgets wie Drehleier, Glocken und Zither zum Einsatz, alles ordentlich Synthie-verst\u00e4rkt und -moduliert, versteht sich: Das muss einen nicht tief beeindrucken, darf aber als au\u00dfergew\u00f6hnlich und originell durchaus lobend erw\u00e4hnt werden. In musikalischer Hinsicht an jenem Abend ohnehin nicht zu toppen und wohl ohnedies eines der absoluten Highlights des Festivals: der Auftritt von <strong>Violeta Garc\u00eda<\/strong> am Cello nebst Elektronik. Wohl denen, die hier p\u00fcnktlich am Start waren und nicht erst, wie in Innsbruck \u00fcblich (Konzerte in der p.m.k.!), erst weit sp\u00e4ter eintrudelten: Wenn sie mit ihrem Cello ringt, fast tanzt, erzeugt sie Sounds, die ins Mark gehen, die von melodi\u00f6sen Passagen bis harten Harsh-Noise-Sequenzen das ganze Spektrum abdecken. Bei geschlossenen Augen lassen sich Ayrton Sennas V-10 ebenso assoziieren wie ein startendes Spaceshuttle, und pl\u00f6tzlich schie\u00dfen einem dann wieder kurz Bach-Fugen durch den Kopf. Welch ein akustisches, aber auch optisches Spektakel!<\/p>\n\n\n\n<p>Die im Impro-Kontext auch zu \u00fcberaus expressiven Ausbr\u00fcchen f\u00e4hige Klarinettistin Mona Matbou Riahi \u00fcberrascht im Trio <strong>ARK<\/strong> mit Miriam Adefris an der Harfe und Lukas Kranzelbinder am Kontrabass mit elegisch-kontemplativ-vertr\u00e4umten T\u00f6nen und verdeutlicht hierbei andere Facetten ihres Talents. Das gleichfalls mit Blick auf Migrationshintergr\u00fcnde austriakisch-iranische Trio <strong>Huuum<\/strong> (Omid Darvish, Rojin Sharafi, \u00c1lvaro Collao Le\u00f3n) verwirrt anf\u00e4nglich erst mit folkloristisch-persischen Poptunes und traditionellen Ges\u00e4ngen, bevor die Vocals ins Expressive umschlagen und sich zu elektronischen Beats und freejazzigen Altsaxkaskaden gesellen, wobei letztgenanntes Instrument absichtlich an die Stelle der persischen Surna trat, um hierdurch transkulturelle Erfahrungsr\u00e4ume zu \u00f6ffnen. Selbem Anspruch werden auch <strong>Avalanche Kaito<\/strong> gerecht, wo Drummer Benjamin Chaval und Hardcore-Gitarrist Nico Gitto mit ihrem Heavy-Noise-Rock Kaito Winses teils in der Tradition Burkina Fasos gr\u00fcndende Ges\u00e4nge und Instrumente nicht etwa kontrastieren, sondern emergent zu etwas Neuem und Originellem amalgamieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt festzuhalten: Was der k\u00fcnstlerische Leiter Martin Bleicher da jedes Jahr auf die (insgesamt acht verschiedenen) B\u00fchnen bringt und wo er seine K\u00fcnstler \u00fcberall in Europa aufgabelt, zeugt von hoher musikalischer Neugier, kultureller Mobilit\u00e4t und konzeptioneller Openness, die man in \u00f6sterreichischen Breiten so am ehesten noch in Krems beim Donaufestival oder in Gallneukirchen beim Klangfestival findet &#8211; wenn \u00fcberhaupt!<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Man jammert ja, und oft zurecht, \u00fcber die Provinzialit\u00e4t der \u201eAlpenmetropole\u201c, indes finden sich mit den Klangspuren, dem Osterfestival, den Tagen Alter Musik, dem (auch selbstverschuldet in die Krise geratenen) Heart of Noise, dem neuen Elektrofestival Zunder, dem Zeitimpuls (f\u00fcr neue Musik) und eben dem PFF dann doch einiges \u00fcberaus H\u00f6rens- und Sehenswerte. Andere St\u00e4dte dieser Gr\u00f6\u00dfe, etwa im benachbarten Bayern, erblassen da mitunter vor Neid.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Positive Futures, Innsbruck, 16. bis 25. 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