{"id":15292,"date":"2026-01-13T17:08:30","date_gmt":"2026-01-13T15:08:30","guid":{"rendered":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/?p=15292"},"modified":"2026-04-03T09:54:57","modified_gmt":"2026-04-03T07:54:57","slug":"musik-liebe-weltoffenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/musik-liebe-weltoffenheit\/","title":{"rendered":"Musikarbeiter und Abenteurer"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hans Falb (1954-2025)<\/h2>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Hans Falb hat am 26. Dezember zu leben aufgeh\u00f6rt. Wir bringen einen ausf\u00fchrlichen Nachruf von Philipp Schmickl, sukzessive angereichert durch Statements und Erinnerungen von Freund:innen und Weggef\u00e4hrt:innen.<\/h6>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_elvira-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15297\" style=\"width:534px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_elvira-683x1024.jpg 683w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_elvira-200x300.jpg 200w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_elvira-768x1151.jpg 768w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_elvira-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_elvira-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_elvira-43x64.jpg 43w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_elvira-360x540.jpg 360w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_elvira-512x768.jpg 512w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_elvira-960x1440.jpg 960w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_elvira.jpg 1418w\" sizes=\"(max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Foto: Elvira Faltermeier<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Music is the healing force of the universe<\/h2>\n\n\n\n<p>Hans Falb war sein Leben lang ein \u00e4u\u00dferst gro\u00dfz\u00fcgiger Mensch, der stets versucht hat, seine Vision einer besseren Welt zu verwirklichen. Seine Plattform war sein Gasthaus, die Jazzgalerie Nickelsdorf, und seine Mittel waren Musik und Freundschaft (auch, nat\u00fcrlich, seine K\u00fcche und seine Weine). Hans, besser bekannt als Hauna, war kein \u201ceinfacher Mensch\u201d \u2013 alles, was man gemeinsam unternommen hat, konnte unerwartete Wendungen nehmen, vornehmlich warmherzige Wendungen; und er verstand es, Angelegenheiten so lange hinauszuz\u00f6gern, bis das Timing \u00fcberraschend gut war. Die vielen Clubkonzerte und Festivals, die Hans mit seinen Freunden*<a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> in dieser Art veranstaltet hat, bildeten und pr\u00e4gten \u2013 \u00fcber die Jahre und Jahrzehnte \u2013 nicht nur unz\u00e4hlige weitere Geflechte an Freundschaften, die \u00fcber nationale und geografische Grenzen hinweg aufrecht erhalten wurden, sondern sie erm\u00f6glichten auch eine tiefe Freundschaft zur Musik \u2013 einer improvisierten Musik, die sich prim\u00e4r, aber nicht nur, auf Jazz beruft \u2013 und zu einer Art Konzentration, die \u2013 bei v\u00f6lliger Bewegungsfreiheit \u2013 sich einstellt, wenn ein Konzert beginnt: ein kollektives Zuh\u00f6ren, das die Spielenden mit dem Publikum vereint.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst ein paar Zahlen: Die Jazzgalerie \u2013 damit sind nun Hans und seine Freunde* gemeint \u2013 hat ehrenamtlich 48 drei- bis viert\u00e4gige Festivals veranstaltet: Die <em>Nickelsdorfer Avant-Jazztage<\/em> 1978, die <em>Konfrontationen<\/em> von 1980 bis 2025, <em>Cosmic Tones for Mental Therapy\/Hommage \u00e0 Sun Ra<\/em> 2012 und <em>The New Gardens of Harlem\/Hommage \u00e0 Joe McPhee<\/em> 2015. Zwischen 1976 und 2007 fanden an die 500 Clubkonzerte statt, in sp\u00e4teren Jahren folgten vereinzelte Veranstaltungen nach. Von den sp\u00e4ten 1970er bis in die 2000er Jahre hat Hans das Programm gemeinsam mit Reinhard St\u00f6ger (alias Gr\u00f6lli) bestimmt. Danach \u00fcbernahm er die ganze Verantwortung, lie\u00df sich aber weiterhin von seinen Freunden* zu diesem oder jenem Konzert bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon bald nach dem zweit\u00e4gigen, musikalisch noch eher traditionell gestalteten Er\u00f6ffnungsfest der Jazzgalerie Nickelsdorf im November 1976 wandte sich die Jazzgalerie zunehmend der europ\u00e4ischen und afroamerikanischen Jazz-Avantgarde zu und tat sich innerhalb kurzer Zeit hevor als einer der wichtigsten Orte f\u00fcr, im damaligen Jargon, \u201cprogressive\u201d Musik in Europa, vielleicht auch dar\u00fcber hinaus \u2013 alles \u00fcberwiegend finanziert durch die Einnahmen des Caf\u00e9 Restaurant Falb.<a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>In einem Interview im Jahr 2013 sagte mir Hans: \u201cNach dem 84er-Festival war ich ein bisschen ausgebrannt und hab mir gedacht: \u2018Eigentlich hast du eh schon so viel gemacht.\u2019 Irgendwann wollt&#8216; ich vielleicht auch mein Leben ver\u00e4ndern \u2026\u201d Inspiriert von Clifford Thornton, Julius Hemphill\u2019s<em> Dogon A.D.<\/em> und dem Chris Marker Film<em> Sans Soleil<\/em>, ist er ist dann Ende 1984 \u00fcber Lyon nach Ouagadougou, Burkina Faso, gereist, von wo aus er sich drei, vier Monate in Westafrika durchgeschlagen hat. Seine Erz\u00e4hlungen von diesen Reisen kreisten immer wieder um das \u00dcberwinden von Grenzen, manchmal regul\u00e4r, manchmal klandestin, manchmal mit einem Tag Gef\u00e4ngnis bestraft, bevor er wieder dorthin gebracht wurde, von wo aus er eingereist war. Er erz\u00e4hlte auch gerne davon, wie die Kinder eines Dorfs, in dem er sich aufhielt, seine Zahnpasta gestohlen haben um sich ihre Gesichter damit wei\u00df zu schminken. Oder wie man im Ruwenzori Gebirge erkennen konnte, in welcher Gegend Schnaps gebrannt werde: n\u00e4mlich dort, wo die Leute am Stra\u00dfenrand, nicht wie sonst mit den F\u00fc\u00dfen, sondern mit dem Kopf talw\u00e4rts schliefen. Nach der Heimkehr im Fr\u00fchjahr 1985 wurde bald klar \u2013 und hier ist das Ende des oben abgebrochenen Zitats \u2013 dass er eine Ver\u00e4nderung seines Lebens zwar versucht hatte \u201c\u2026 und hab&#8217;s aber nicht geschafft. Die Musiker sind froh dar\u00fcber.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>In den 40 Jahren, die zwischen dieser gro\u00dfen Reise und seiner jetzigen liegen, hat Hans Falb mit der Jazzgalerie einen Raum geschaffen, der erf\u00fcllt war von Musik und einer umfassenden Liebe zu den K\u00fcnsten; einen Raum, der belebt war vom Geist der Freundschaft und der gepr\u00e4gt war von Weltoffenheit und einer kosmopolitischen Orientierung hin zum Weltgeschehen. Ich kann mich erinnern, in der Jazzgalerie lagen, neben Musikmagazinen wie <em>Wire<\/em>, <em>Spex<\/em>, <em>Skug<\/em>, <em>Jazzlive<\/em>,<em> Jazz Podium<\/em>,<em> freiStil<\/em> oder der <em>Neuen Zeitschrift f\u00fcr Musik<\/em>, unterschiedliche Tageszeitungen auf sowie der <em>Falter<\/em>, die Schweizer <em>WOZ<\/em>, <em>konkret,<\/em> <em>Le Monde Diplomatique<\/em> und <em>Lettre International<\/em>; es gab einen gro\u00dfen Atlas, der regelm\u00e4\u00dfig hervorgeholt wurde, und es gab B\u00fccher \u00fcber Whisky, Wein und Wanderwege. Mit den Clubkonzerten und Festivals holte die Jazzgalerie dar\u00fcber hinaus, wie Gr\u00f6lli es formuliert hat, \u201cdie Welt zu uns nach Hause.\u201d Dieses Zuhause, die Jazzgalerie, die Hans mit seinen vielen Freunden*<a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a> teilte, war ein so unwahrscheinlicher Ort in der \u00f6sterreichischen Peripherie wie der Traum des Fitzcarraldo von einem Opernhaus im peruanischen Regenwald. Vielleicht war \u201cdie Welt,\u201d von der Reinhard spricht, <em>diese<\/em> Musikwelt, deswegen so begeistert von der Jazzgalerie, weil sie von einem Menschen gef\u00fchrt wurde, der viele Dinge so erledigte \u2013 hier noch einmal Fitzcarraldo \u2013 \u201cwie die Kuh \u00fcber das Kirchendach springt\u201d. Am Ende des Films verkauft Fitz das Schiff, das er vergebens \u00fcber den Berg an der Landenge hievte, und dr\u00fcckt den Packen Geld, den er daf\u00fcr vom kolonialen Gro\u00dfgrundbesitzer erhalten hatte, seinem Kapit\u00e4n in die Hand, damit er ihm \u2013 neben einem Frack, einem roten Samtsessel und \u201cder besten Zigarre der Welt\u201d \u2013 das Opernorchester, das in Manaus gastierte, f\u00fcr eine Auff\u00fchrung auf sein Schiff bringe. Bejubelt vom Ufer, gleitet die Musik \u00fcber das Wasser, Fitzcarraldo steht stolz im Frack und rauchend am Schiff, am Rand des Orchesters, \u00e4hnlich wie Hans \u201cseine\u201d Konzerte sehr oft <em>auf <\/em>der B\u00fchne geh\u00f6rt hat, rauchend, aber immer ohne Frack.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Konfrontationen \u2013 ihre Klang- und Sprachfarbenkombinationenen<a href=\"#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a> \u2013 waren ein au\u00dferordentliches Festival. Die Jazzgalerie, als ein von Hans\u2019 Vorstellung einer guten Welt gepr\u00e4gter Ort, und die Musik, die dort gespielt und improvisiert wurde, er\u00f6ffneten und formten diesen Raum der gedehnten M\u00f6glichkeiten und Anti-Strukturen zu den herrschenden Hierarchien. Hans hat die Festivals, wie er sagte, inszeniert; es sollten sich alle wohlf\u00fchlen, w\u00e4hrend sie \u201cetwas Komplexes ins Herz gesch\u00fcttet bekommen\u201d (Theoral no. 6). Nach und nach hat sich das Festival auch selbst inszeniert. Was heute <em>Diversit\u00e4t<\/em> genannt wird, wurde seit der Gr\u00fcndung des Festivals als <em>Einheit<\/em> betrachtet: Einheit der K\u00fcnste, Einheit des Ortes und Einheit der Menschen. Anti- und postkoloniales Denken umarmte den Klang der Moderne; minimalistische Wien-Berlin-Texturen wurden von Kirchenglocken ein- und ausgel\u00e4utet; und meine pers\u00f6nliche Vorliebe an den Festival-Nachmittagen: der Schnitzelklopfer und der Klavierstimmer spielen durch das Sprachengewirr <em>hindurch<\/em>. Das Sinnliche und das Intellektuelle haben sich in der Jazzgalerie und auf den Festivals immer gegenseitig befl\u00fcgelt wie die Musik die Freundschaft und umgekehrt. Beim Spielen und H\u00f6ren, beim Essen und Trinken, beim Tanzen und K\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna9_elvira-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15299\" style=\"width:568px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna9_elvira-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna9_elvira-300x300.jpg 300w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna9_elvira-150x150.jpg 150w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna9_elvira-768x768.jpg 768w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna9_elvira-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna9_elvira-64x64.jpg 64w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna9_elvira-540x540.jpg 540w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna9_elvira-1440x1440.jpg 1440w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna9_elvira.jpg 1654w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">HF mit Hamid Drake. Foto: Elvira Faltermeier<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Caf\u00e9 Restaurant Falb, meist ge\u00f6ffnet bis sp\u00e4t in die Nacht, war nicht nur ein Tor zur Welt und unterschiedlichen Musikwelten, sondern auch immer ein Zufluchtsort f\u00fcr Freunde und Fremde, f\u00fcr Neuangekommene, f\u00fcr uns Jugendliche und andere, die sich zu Hause (gerade) nicht so verstanden f\u00fchlten. Wenn man nicht nach Hause gehen wollte, konnte man mit Hauna an der Bar sitzen, Musik h\u00f6ren und danach im Lokal \u00fcbernachten. Wer Geld brauchte, konnte dort arbeiten, essen und trinken. Dass die Jazzgalerie besonders den Marginalisierten Zuflucht bot, wurde noch deutlicher als 2015 300.000 gefl\u00fcchtete Menschen in Nickelsdorf \u00fcber die Grenze kamen und einige der Wenigen, die in Nickelsdorf blieben, in der Jazzgalerie den Ort fanden, an dem sie nicht paternalistisch behandelt wurden, sondern als gleichwertige Menschen in K\u00fcche und Service arbeiten konnten. Einer von ihnen, Ali, sagte am Tag vor Hans\u2019 Verabschiedung: \u201cHauna hat ein warmes Herz.\u201d Ich denke, dass er die Gastfreundschaft, die ich aus den Erz\u00e4hlungen von seinen Reisen in West- und sp\u00e4ter in Zentralafrika kenne, in seinem eigenen Gasthaus in der euop\u00e4ischen Peripherie verwirklicht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ein solcher Ort kaum \u00f6konomische \u00dcberlebenschancen hat, wurde deutlich in den Konkursen und schlie\u00dflich im Verlust des Restaurants. Beim ersten gro\u00dfen Konkurs 2007\/08 war auch das Festival betroffen. Die Einstellung der Konfrontationen wurde aber vom dichten, transkontinentalen musikalisch-freundschaftlichen Geflecht abgefangen, und der Verein Impro 2000 wurde re-organisiert: Lokal und Musik wurden <em>ent<\/em>flochten. In den Jahren nach der Schlie\u00dfung der Jazzgalerie infolge der ersten Corona-Lockdowns im M\u00e4rz 2020 und Hans\u2019 Erreichen des Pensionsalters, blieb das Restaurant weiterhin sein Wohnzimmer, in dem er seine Freunde* empfing und in dem er a\u00df und trank. Es blieb sein B\u00fcro, in dem er telefonierte, hin und wieder eine E-Mail schrieb und die Platten und CDs, die er zugeschickt bekam, h\u00f6ren und wiederh\u00f6ren konnte. Es war der Ort, an dem er seit 1976 mit seinen Freunden*, sp\u00e4ter allein, das Musikprogramm f\u00fcr die Konfrontationen zusammenstellte. Im Juni 2025 musste er raus, es gab neue P\u00e4chter und Pl\u00e4ne f\u00fcr das Lokal. Schon sehr geschw\u00e4cht, zog er in die zwei R\u00e4ume hinter dem Restaurant, die ihm bis dahin als Schlaf- und Archivraum (das Festivalb\u00fcro) gedient hatten. Er weigerte sich, ganz auszuziehen. Er verweigerte auch jegliche medizinische Hilfe. Trotz der versch\u00e4rften Umst\u00e4nde \u2013 er sagte, ja, an solche Ver\u00e4nderungen m\u00fcsse man sich gew\u00f6hnen, nicht aber ohne sich dabei \u00fcber die Beschallung des Hofes zu beschweren \u2013 erz\u00e4hlte er, immer wenn ich ihn besuchte, seine Schwierigkeiten als Abenteuergeschichte. Hans verstand sich nie als Opfer der \u00f6konomischen und gesellschaftspolitischen Ver\u00e4nderungen, sondern immer als Abenteurer. Wie sehr sich auch seine Situtation verschlechterte, er erkannte und lebte darin das Poetische. In Lyon, am 28. November 1984, kurz vor seinem Abflug nach Ouagadougou, notierte er \u2013 die Spiegelungen der Werbereklamen in der Rh\u00f4ne oder Sa\u00f4ne betrachtend, in sein Reisetagebuch: \u201cCARDENAL f\u00e4llt mir ein und wenn ich Zeugnis ablegen m\u00fcsste von meiner Zeit dann dieses: sie war barabarisch und primitiv, doch poetisch.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Wie im Grimm\u2019schen M\u00e4rchen <em>Hans im Gl\u00fcck<\/em> hatte Hans Falb 1976 einen Klumpen Gold bekommen (die Arbeit lag jedoch vor ihm): das Gasthaus bot einen gewissen Reichtum und eine aussichtsreiche Perspektive. Step by step hat er diesen Reichtum mit seiner Perspektive aber weggetauscht; anders als im M\u00e4rchen, wurde der wegtetauschte Reichtum zu Freundschaft und zu Musik \u2013 einer Musik, die ihrerseits auch nicht festzuhalten ist. Hans zitierte gerne Eric Dolphy, dem zugeschrieben wird gesagt zu haben, \u201cWhen you hear music, after it\u2019s over, it\u2019s gone in the air.\u201d Hans Falb im Gl\u00fcck hat allen materiellen Reichtum erfolgreich weggetauscht. Am Ende des M\u00e4rchens der Gebr\u00fcder Grimm hei\u00dft es: \u201cMit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter angekommen war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Philipp Schmickl<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna10_elvira-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15301\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna10_elvira-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna10_elvira-300x200.jpg 300w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna10_elvira-768x512.jpg 768w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna10_elvira-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna10_elvira-64x43.jpg 64w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna10_elvira-540x360.jpg 540w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna10_elvira-1440x960.jpg 1440w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna10_elvira.jpg 1772w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Foto: Elvira Faltermeier<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dank an Elvira Faltermeier, Andrea Mutschlechner, Kira David und Burkhard Stangl.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor hat im Juli 2025 eine Dissertation \u00fcber die Konfrontationen Nickelsdorf abgeschlossen, die 2026 (hoffentlich!) in der Reihe <em>Jazz Research<\/em> des Instituts f\u00fcr Jazz- und Popularmusikforschung der Kunstuni Graz erscheinen soll. Titel: <em>Konfrontationen Nickelsdorf: Cosmopolitan Improvising at a Jazz Festival at the Borders.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Der Stern steht f\u00fcr die gro\u00dfe Vielfalt unter den Menschen, die ein freundschaftliches Verh\u00e4ltnis zu Hans hatten.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\" id=\"sdfootnote2sym\">2<\/a> Das Er\u00f6ffnungskonzert spielten Fatty George (Klarinette), Al Fats Edwards (Gesang), Rudi Wilfer (Klavier) und Karl Prosenik (Schlagzeug). In den ersten Jahren danach spielten u. a.: Abdullah Ibrahim\/Dollar Brand, Alexander von Schlippenbach, Sven-\u00c5ke Johansson, Clifford Thornton, Amina Claudine Myers, das World Saxophone Quartet, gr\u00f6\u00dfere und kleinere Ensembles von Roscoe Mitchell, Joseph Jarman, Muhal Richard Abrams, Anthony Braxton und Don Moye, Peter Br\u00f6tzmann, Frank Wright, Michele Rosewoman, Maria B\u00f6hmberger, Akira Sakata, Sun Ra mit einem elfk\u00f6pfigen Arkestra, Andrew Cyrille\u2019s \u201cMaono\u201d, Max Roach, Dieter Kaufmann, Dieter Glawischnig\/Neighbours, Peter Kowald, H. C. Artmann, &amp; Co. Wie aus einem Brief von Hans Falb an Roscoe Mitchell (gefunden im Jazzgalerie-Archiv) hervorgeht, war f\u00fcr die Konfrontationen 1984 ein viert\u00e4giges Portrait der AACM-Komponisten Roscoe Mitchell, Anthony Braxton, Muhal Richard Abramas und Leo Smith geplant. Schlussendlich kamen aber nur Mitchell und Braxton.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\" id=\"sdfootnote3sym\">3<\/a> Zu diesen Freunden* geh\u00f6rten auch sehr viele \u00f6sterreichische Musikschaffende, f\u00fcr die die Jazzgalerie Impuls und M\u00f6glichkeit darstellte, ihre eigenen Musiken und Karrieren gr\u00f6\u00dfer zu denken und zu gestalten, z.B. Christian Fennesz und Franz Hautzinger, die beide aus der Nickelsdorf-Gegend kommen, Susanna Gartmayer, Christof Kurzmann, Didi Kern u.v.a.m.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\" id=\"sdfootnote4sym\">4<\/a> Zu einem Versuch einer Beschreibung der Konfrontationen siehe den Text <em>\u00dcber Geister und Farben<\/em><em> <\/em>unter: https:\/\/thefuckle.wordpress.com\/2019\/07\/12\/uber-geister-und-farben-vierzig-jahre-konfrontationen\/<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><\/h1>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1005\" height=\"565\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna2_uli.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15361\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna2_uli.jpg 1005w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna2_uli-300x169.jpg 300w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna2_uli-768x432.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1005px) 100vw, 1005px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Foto: Uli Templin \/ tuer7.com<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Widerborst<\/h3>\n\n\n\n<p>Ein Aspekt des verdienstvollen Wirkens von Hans Falb hat einen besonderen Eindruck auf mich gemacht: seine Widerst\u00e4ndigkeit gegen politische, soziale, wirtschaftliche und sonstige Zudringlichkeiten; seine leidenschaftliche Musikarbeit auf Seiten der Subversiven, der undogmatischen Linken, der Widerborstigen &#8211; auch der lachenden Au\u00dfenseiter, wie es im Standardwerk von Patrik Landolt &amp; Ruedi Wyss hei\u00dft. Als vor rund drei\u00dfig Jahren die Musikmanager in Mode kamen, hatte sich Hans sofort explizit davon distanziert und sich unmissverst\u00e4ndlich als Musikarbeiter klassifiziert. Kein Management von oben, sondern eine kontinuierliche, komplett unkorrumpierbare Arbeit von unten: Auch daf\u00fcr ist f\u00fcr mich &#8211; neben der Organisation von soviel unfassbar gro\u00dfartiger Musik &#8211; Hans Falb gestanden, und so habe und behalte ich ihn in Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>felix<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lang lebe Hauna!<\/h3>\n\n\n\n<p><strong>Szene 1<\/strong><br>Ein junger, ambitionierter Musikfan entdeckt zu Beginn der 1980er Jahre den Jazz. Er ist vor allem an den Livesituationen, an Konzertbesuchen interessiert. Entdeckt Festivals, gro\u00dfe wie kleine. Und findet seinen Weg nach Nickelsdorf. Viel sp\u00e4ter wird er von einem omin\u00f6sen Begriff h\u00f6ren: Boutique Festival, so als ob man von Hotelbesuchen reden w\u00fcrde. Gemeint sind die \u00fcberschaubaren, nicht an Massenabfertigung interessierten, vom Charakter her stets freundlichen und stressfreien Veranstaltungen, f\u00fcr die der Begriff Event sicher nicht erfunden worden ist. Er steht 1985 zum ersten Mal vor dem Caf\u00e9 Falb. Different Times, keine Autobahn umf\u00e4hrt den kleinen Ort Nickelsdorf. Das Verkehrsaufkommen ist gro\u00df, viele Autos rollen Richtung Osten und der Vorhang ist noch eisern. Austragungsort eines Festivals f\u00fcr improvisierte Musik mit viel afroamerikanischer Pr\u00e4senz ist der h\u00fcbsche Garten von Hans Falb. Nicht zu \u00fcbersehen ist der Mann, der offenbar imstande ist, hier das Unm\u00f6gliche zu verwirklichen. Zwar wirkt er etwas distanziert, aber er ist ein liebender, ein verr\u00fcckter, jemand, der viel von sich hergibt f\u00fcr die Verwirklichung seiner Tr\u00e4ume. Er beeindruckt den jungen Jazzfan, er beeinflusst ihn, er l\u00f6st einiges in ihm aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Szene 2<\/strong><br>1987 wird ein erstes unlimited-Festival organisiert. Die Nickelsdorfer Konfrontationen dienen als Steilvorlage. Der noch immer recht unerfahrene zuk\u00fcnftige Festivalmacher wendet sich auch an Hans Falb. Mit dem kommt man leicht ins Gespr\u00e4ch, man merkt es gleich, mit dem Mann kann man kooperieren. Er hilft und hilft aus, er ist kompetent, er kennt sich aus. Und so k\u00f6nnen Kosten und M\u00fchen aufgeteilt werden bei der Organisation zumindest eines Wunschkonzerts. Im konkreten Fall betrifft es das Engagement von Fred Van Hove, Johannes Bauer und Paul Lovens. Wir freuen uns!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Szene 3<\/strong><br>Wertsch\u00e4tzung durch gegenseitige Besuche von Freund:innen innovativer Str\u00f6mungen der improvisierten Musik, \u00fcber die vielen Jahre, immer wieder. Und immer wieder Begegnungen mit diesem (zumeist) liebenswerten Menschen, der freilich auch nicht ohne ein starkes Team von Unterst\u00fctzer:innen auskommt. Hans Falb macht sehr viel m\u00f6glich, er belebt f\u00fcr ein paar Tage einen ganzen Ort mit seinem Ort, seinem Lebensmittelpunkt, dem familieneigenen Weingarten, dem Wirtshaus, der Jazzgalerie &#8211; dieses Alles in Einem.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Szene 4<\/strong><br>Krisen! Autobahnen, die k\u00f6nnen nur Krisen. Gesch\u00e4ft bleibt aus. Einkommen bleibt aus. Letzten Endes wird nun doch ein Verein gegr\u00fcndet. Aber Hans Falb ist kein Vereinsmeier. Zu eigenwillig, manche meinen stur und st\u00f6rrisch. Schwierige Zeiten werden gemeistert, \u00fcberwunden. Es geht weiter, aber die Stimmung ist nicht mehr die selbe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Szene 5<\/strong><br>Patti Smith spielt ein Open-Air-Konzert im Schl8hof Wels. Diese klasse Frau und Musikerin als sympathischer Rockstar. Abschottung geh\u00f6rt hier zum Gesch\u00e4ft, sogenannte Securities, die Menschen vom Sicherheitsdienst, \u00fcbernehmen das. Das Konzert ist wie zu erwarten ausverkauft und gro\u00dfartig. Musiker:innen ziehen sich in ihren Bereich zur\u00fcck. Ein Blick in den abgesicherten Backstagebereich ergibt jedoch ein \u00fcberraschendes Bild: Hier sitzt Hans Falb, so als w\u00e4re es das Normalste der Welt. Ist es ja auch. Beschr\u00e4nkungen sind schlie\u00dflich da, um ignoriert und \u00fcberwunden zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Szene 6<\/strong><br>Eine langweilige Autofahrt irgendwo in Ober\u00f6sterreich. Im Display erscheint Haunas Nummer aus der Jazzgalerie. Er meldet sich freudig aufgeregt und k\u00fcndigt an, das unlimited besuchen zu wollen. Gleichzeitig bedankt er sich. Aber wof\u00fcr? Er hat gelesen, dass ich ihn in einem Interview als \u201eKeith Richards der improvisierten Musik\u201c bezeichnet habe. Etwas verdutzt nehme ich das zur Kenntnis, nicht aber ohne den Versuch, mich an diesen Sager zu erinnern. Ich scheitere. Sp\u00e4ter wird es sich aufkl\u00e4ren lassen: Es bleibt ein Sager aus einem Text, der in einem der letzten freiStil-Magazine erschienen ist. Lang lebe Hauna!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Wolfgang Wasserbauer<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"692\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_joe_ziga.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15503\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_joe_ziga.jpg 1024w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_joe_ziga-300x203.jpg 300w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_joe_ziga-768x519.jpg 768w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/hauna_joe_ziga-64x43.jpg 64w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">HF mit Joe McPhee. Foto: \u017diga Koritnik<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Am 4. April w\u00e4re Hans &#8218;Hauna&#8216; Falb 72 Jahre alt geworden. Das soll jetzt kein Nachruf werden, eher eine pers\u00f6nliche Erinnerung und Ann\u00e4herung an einen Menschen, mit dem ich eine lange Strecke des Weges gegangen bin.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Hauna und ich<\/h3>\n\n\n\n<p>Das ist eine lange Geschichte. Begonnen hat sie, obwohl ich nicht in Nickelsdorf aufgewachsen bin, vor mehr als 50 Jahren. Als er, nach einem Aufenthalt in der Lungenheilanstalt Hirschenstein, vom Gymnasium Bruck an der Leitha in das von Neusiedl am See gewechselt hat. Ihm ging ein Ruf als wilder Hund voraus, was mir, dem f\u00fcnf Jahre j\u00fcngeren,imponiert hat. Ich kannte auch die ganze Nickelsdorfer Partie, ein umtriebiger Haufen, schon gut, waren sie doch Stammg\u00e4ste in der angesagten Neusiedler Disco Checkpoint. Auch meine zuk\u00fcnftige Frau und Lebensmenschen Hilde habe ich da kennengelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammengebracht haben Hauna und mich aber auch unsere gemeinsame musikalische Neugierde. Bald besuchten wir zusammen Konzerte in Wien und anderswo und tauschten uns \u00fcber unsere Eindr\u00fccke aus. Vielleicht oft kontroversiell, aber immer unserer Leidenschaft nachgehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Eltern hatten ein altes Nickelsdorfer Gasthaus geerbt und boten Hauna an, sie bei der Betriebsgr\u00fcndung zu unterst\u00fctzen, inklusive Abriss und Neubau. Er willigte ein, unter der Voraussetzung, v\u00f6llig verr\u00fcckt!, in den Kellerr\u00e4umen einen Jazzclub, in Nickelsdorf!!, zu betreiben. Und fragte mich, den j\u00fcngeren Schulabbrecher, ob ich Interesse h\u00e4tte, dort mitzuarbeiten. Ich willigte begeistert ein. So begann eine enge gemeinsame Zeit im Geist der Freundschaft und der Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Oktober 1976 war es dann soweit, das Restaurant und die Jazzgalerie im Keller er\u00f6ffneten. Und bereits einige Wochen sp\u00e4ter fand das erste Konzert statt, mit dem legend\u00e4ren Klarinettisten Fatty George und seinem All-Star-Ensemble, ein zweit\u00e4giges Gastspiel. Im Fr\u00fchjahr davor hatten wir ein Treffen mit ihm am Wiener Petersplatz, auf der Baustelle zu seinem wiederauferstehenden Saloon. Fatty war dann auch der Namensgeber der Jazzgalerie, der vom urspr\u00fcnglich geplanten Namen Yasmina, nach einem Album von Archie Shepp aus 1969, abriet, ein Gl\u00fccksfall. Im Sommer 1976 waren wir auch noch gemeinsam mit Freunden in Montreux, wo wir unter anderem das Sun Ra Arkestra und Cecil Taylor h\u00f6rten und begeistert waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hauna war ein Gastwirt, wie man ihn sich nur w\u00fcnschen konnte, das Restaurant war gut besucht, die K\u00fcche war modern, Scampi, Pfeffersteak und der legend\u00e4re Indische Reistopf, die G\u00e4ste kamen von nah und fern, ein Hotspot. Nickelsdorf war damals, vor dem Bau der Autobahn, ein belebter Ort an der Hauptverkehrsstra\u00dfe nach Osten, die letzte Station vor dem Eisernen Vorhang. Reisende machten lieber hier Station als in Ungarn, die Fernfahrer wussten, dass sie beim Hauna auch nach Mitternacht, heute undenkbar, noch Gastfreundschaft genie\u00dfen konnten. Daf\u00fcr brachten sie uns auch immer unseren geliebten Van Nelle-Tabak aus Holland mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gesch\u00e4ft ging gut, und auch die Konzertt\u00e4tigkeit der Jazzgalerie nahm Fahrt auf. Neben traditionellem Jazz waren es bald vermehrt Auftritte von Musikern der freien Szene und bald auch von internationalen G\u00e4sten. Im Detail nachzulesen in der 20 Jahre-Jubil\u00e4umsbrosch\u00fcre, gestaltet von Angela Edlinger, und in der Dissertation von Philipp Schmickl, &#8222;Cosmopolitan Improvising at a Jazz Festival at the Borders&#8220;, die in Buchform erscheinen soll. Haunas und meine musikalische Entwicklung schritten rasch voran, f\u00fcr manche im unmittelbaren Umfeld vielleicht zu rasch. Daf\u00fcr fand unser Programm immer breiteren Zuspruch, die Szene und das Angebot in Wien waren noch d\u00fcnn. Mit viel Enthusiasmus machten wir auf uns aufmerksam. Ich machte die Bar, servierte, legte Platten auf, schrieb die Texte zum Programm, mit Helfern kopierten wir sie mit Wachsmatrizen und b\u00fcndelten sie f\u00fcr den Postversand. Und auch Plakate mit k\u00fcnstlerischem Anspruch sollten nicht fehlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald stellte sich dann die Frage nach einem Festival. Das in Wiesen, das bereits 1976 erstmals stattfand, war uns ein Beispiel und ermutigte uns. Nachdem die Idee, den Kleylehof als Veranstaltungsort zu w\u00e4hlen, sich gl\u00fccklicherweise als nicht realisierbar erwies, begannen wir dort, wo es heute noch ist, in einem \u00fcberschaubaren Rahmen mit all seinen Vor- und Nachteilen. Es war ein Vorhaben, das nur Dank der Hilfe unz\u00e4hliger Freunde und Mitstreiter verwirklicht werden konnte. Hauna konnte begeistern und mitrei\u00dfen, sein Gasthaus war stets ein offener Ort, im metaphorischen wie im buchst\u00e4blichen Sinn. Ein Ort, in dem immer alle willkommen waren, ein Lebensraum und Wohnzimmer f\u00fcr viele von uns. Der Rest ist Jazzgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hauna war ein warmherziger Mensch, immer nach Neuem suchend und begeisterungsf\u00e4hig; einer, der vieles erm\u00f6glicht hat. Nat\u00fcrlich war er auch ein Querkopf und stur, hat sich nicht gescheut anzuecken und hat dabei manchmal auch Grenzen \u00fcberschritten. Leider hat er zuletzt zuwenig auf sich selbst und seine Gesundheit geachtet. Er hat Gro\u00dfes geleistet und wird unvergessen bleiben. Ich verdanke ihm vieles. Sp\u00e4testens jetzt ist er in der ewigen Hall of Fame gelistet. Wir vermissen ihn sehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Reinhard &#8222;Gr\u00f6lli&#8220; St\u00f6ger<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"699\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/HF-Groelli-1024x699.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15509\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/HF-Groelli-1024x699.jpg 1024w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/HF-Groelli-300x205.jpg 300w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/HF-Groelli-768x524.jpg 768w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/HF-Groelli-1536x1048.jpg 1536w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/HF-Groelli-64x43.jpg 64w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/HF-Groelli.jpg 1929w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Foto: privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Falb (1954-2025) Hans Falb hat am 26. 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Music is the healing force of the universe Hans Falb war sein Leben lang ein \u00e4u\u00dferst gro\u00dfz\u00fcgiger Mensch, der stets versucht hat, seine Vision einer [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":15310,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[70,58],"tags":[],"class_list":["post-15292","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrufe","category-veranstalter_innen"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15292","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15292"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15292\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15510,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15292\/revisions\/15510"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15310"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15292"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15292"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}