{"id":15425,"date":"2026-02-22T13:25:01","date_gmt":"2026-02-22T11:25:01","guid":{"rendered":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/?p=15425"},"modified":"2026-02-22T21:45:30","modified_gmt":"2026-02-22T19:45:30","slug":"der-subversive-charakter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/der-subversive-charakter\/","title":{"rendered":"Der subversive Charakter"},"content":{"rendered":"\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Sie hielt zeitlebens (1911\u20131997) vom Handeln mehr als vom Schreiben dar\u00fcber bzw. bezeichnete sich f\u00fcr zweiteres als zu faul. Das \u00fcberlie\u00df sie gern ihrem Mann Paul Parin. Dabei m\u00fcssen die Aktivit\u00e4ten von <strong>GOLDY PARIN&#8211;MATTH\u00c8Y<\/strong>, motiviert von permanenter Neugierde, zwischen abenteuerlustig und revolution\u00e4r klassifiziert werden \u2013 und als subversiv, von ihren Erfahrungen mit dem Anarchismus stark gepr\u00e4gt, ob als Politaktivistin, als \u00c4rztin oder als Psychoanalytikerin.<\/h6>\n\n\n\n<p>In der Schweiz aufgewachsen, \u00fcbersiedelt sie mit der Familie bald nach Graz, wo sie die Ortweinschule f\u00fcr k\u00fcnstlerisches Gestalten besucht. Der Reichtum des Vaters l\u00f6st sich in der Wirtschaftskrise v\u00f6llig auf. Zudem wird es Goldy in Graz bald zu langweilig und zu reaktion\u00e4r: &#8222;Der Abschied von \u00d6sterreich fiel mir \u00fcberhaupt nicht schwer. Ich hatte das Gef\u00fchl, in einem Sumpf zu leben. Dieses Graz war grauenhaft r\u00fcckst\u00e4ndig, eine nazistische Kloake. &#8230; Das Allerwichtigste damals war die Entdeckung eines B\u00fcchleins von Fran\u00e7ois Villon. Er war f\u00fcr mich das ganz Andere, die Rebellion. Mit siebzehn Jahren habe ich die <em>Dialektik der Natur<\/em> von Engels und die <em>Traumdeutung<\/em> von Freud gelesen, beide B\u00fccher gleichzeitig, und so haben sich beide Gedankenstr\u00f6me f\u00fcr mich vereinigt \u2013 die geh\u00f6rten zusammen, und beide waren vollkommen subversiv.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts des drohenden Faschismus schlie\u00dft sie sich mit der Kommunistischen Jugend den Internationalen Brigaden in Spanien an, um dort als \u00c4rztin zu arbeiten. Eine pr\u00e4gende Erfahrung f\u00fcr ihr gesamtes weiteres Leben. &#8222;Die Anarchisten hatten mitten im Krieg ein sogenanntes befreites Gebiet geschaffen. Sie begannen, ihre Art des Zusammenlebens als libert\u00e4re Gesellschaft zu kreieren. Sie waren horizontal organisiert, also gleichberechtigte Individuen. Sie schlossen sich freiwillig zusammen und halfen sich gegenseitig, ohne entfremdetes Geld als Tauschwert zu gebrauchen. &#8230; Ich glaube, im anarchistischen Konzept werden die menschlichen kreativen Potentiale am besten ausgesch\u00f6pft \u2013 jedenfalls mehr als im kommunistischen Modell, an dessen Gerechtigkeit ich fr\u00fcher geglaubt habe. Und obwohl die Realisierung dieser menschenw\u00fcrdigsten Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens bisher immer gescheitert ist, bleibt sie f\u00fcr mich die beste, erwachsenste Utopie, die ich mir vorstellen kann.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Niederlage der republikanischen Kr\u00e4fte siedelt sie sich in der Schweiz an, f\u00e4hrt aber bald nach Jugoslawien, um dort den antifaschistischen Partisan:innen medizinische Hilfe zu leisten. &#8222;Wie in Spanien waren wir auch in Jugoslawien eine freie Gruppe, die etwas aufbaute. Aber dann wurde die Disziplin wieder eingef\u00fchrt. &#8230; F\u00fcr mich war klar, dass das nicht geht. Mit der Institutionalisierung wird das Lebendige der Sache zerst\u00f6rt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder zur\u00fcck in der Schweiz, eignet sie sich, u.a. zusammen mit ihrem sp\u00e4teren Mann Paul und mit Fritz Morgenthaler, autodidaktisch Kenntnisse der Psychoanalyse an. Sie leben in einer von Freud damals sogenannten &#8222;Br\u00fcdergemeinde&#8220;, die heute wohl in eine Solidargemeinschaft zu \u00fcbersetzen w\u00e4re, und er\u00f6ffnen eine Praxis, in der sie jede Hierarchie zu den Analysierten von vornherein ablehnen. &#8222;Die Beziehung zwischen beiden Partnern muss eine absolut gleichwertige sein, nicht eine von oben. &#8230; Wir versuchen gemeinsam mit dem Patienten zu deuten. &#8230; Dadurch entsteht eine dialektische Beziehung, und wenn dieser Prozess abgelaufen ist, kann der Analysand mit den neuen Erfahrungen weiterarbeiten. Ich meine, man lebt und entwickelt sich ja immer weiter.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach au\u00dfereurop\u00e4ischen Solidargesellschaften reist die stets neugierige Parin-Matth\u00e8y zweimal nach Afrika, auch um dort ihre psychoanalytischen Erfahrungen zu erweitern: einmal nach Mali zu den Dogon, einmal an die Elfenbeink\u00fcste zu den Agni. Zwei Publikationen, <em>F\u00fcrchte deinen N\u00e4chsten wie dich selbst<\/em> und <em>Die Wei\u00dfen denken zuviel<\/em>, dokumentieren ihre, wie sie es nannten, ethno-psychoanalytischen Bestrebungen. Beide B\u00e4nde sind, wie auch s\u00e4mtliche Publikationen von Paul Parin, im Wiener mandelbaum verlag erschienen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/buch_122_goldy-640x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15427\" style=\"aspect-ratio:0.6250066705800736;width:286px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/buch_122_goldy-640x1024.jpg 640w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/buch_122_goldy-188x300.jpg 188w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/buch_122_goldy-768x1229.jpg 768w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/buch_122_goldy-960x1536.jpg 960w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/buch_122_goldy-1280x2048.jpg 1280w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/buch_122_goldy-scaled.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Das vorliegende Buch versammelt Texte von und \u00fcber Goldy Parin-Matth\u00e8y und Interviews mit ihr. Die ausf\u00fchrlichsten Ausk\u00fcnfte werden dabei aus Gespr\u00e4chen mit der niederl\u00e4ndischen Journalistin und Filmemacherin Petra Lataster-Czisch destilliert, die unter dem Titel <em>Also ich hab noch eine Neugierde, die \u00fcber meinen Tod hinausgeht<\/em> erscheinen sollte, aber leider bis dato nie ver\u00f6ffentlicht wurde. Alle Beitr\u00e4ge zusammen ergeben ein plastisches Bild einer der gro\u00dfen, bei uns bislang kaum bekannten linksradikalen Pers\u00f6nlichkeiten unserer Zeit. In einem Gespr\u00e4ch formuliert sie die Psychoanalyse einmal als &#8222;Fortsetzung der Guerilla mit anderen Mitteln&#8220;. Und als w\u00e4re zwischen damals und heute keine Zeit verstrichen, beginnt sie 1991 zu ihrem 80er ein Gedicht an Freund:innen so: &#8222;Wenn Utopien entgleiten, erkalten \/ werden die Geier die V\u00f6lker verwalten \/ &#8230;&#8220;. H\u00f6chste Zeit wird es, den Geiern ihre Macht \u00fcber die V\u00f6lker wieder zu entrei\u00dfen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Johannes Reichmayr, Michael Reichmayr (Hg.), Goldy Parin-Matth\u00e8y, Spanienk\u00e4mpferin, Anarchistin, Psychoanalytikerin. Leben und Werk, mandelbaum verlag, 348 Seiten, 28 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie hielt zeitlebens (1911\u20131997) vom Handeln mehr als vom Schreiben dar\u00fcber bzw. bezeichnete sich f\u00fcr zweiteres als zu faul. Das \u00fcberlie\u00df sie gern ihrem Mann Paul Parin. 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