{"id":15516,"date":"2026-04-08T20:51:41","date_gmt":"2026-04-08T18:51:41","guid":{"rendered":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/?p=15516"},"modified":"2026-04-08T20:51:42","modified_gmt":"2026-04-08T18:51:42","slug":"volle-droehnung-in-saarbrooklyn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/volle-droehnung-in-saarbrooklyn\/","title":{"rendered":"Volle Dr\u00f6hnung in Saarbrooklyn"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">FreeJazzFestival Saarbr\u00fccken, 25. bis 29. M\u00e4rz<\/h3>\n\n\n\n<p>Um das beim FreeJazzFestival Saarbr\u00fccken unvermeidliche Dauerthema hier gleich zu Beginn abzuhandeln: Keine Frage, eine einzige Frau (die gro\u00dfartige Tenorsaxofonistin Ada Rave) auf 32 Musiker (bei zehn Konzerten, ohne den Workshop und den Fr\u00fchschoppen) ist im Jahr 2026 nat\u00fcrlich nicht nur unzeitgem\u00e4\u00df, sondern ein Unding. Aber nicht wegen irgendwelcher (oft auch von Geldgebern auferlegten) Genderquoten und politischer Korrektheiten, sondern deshalb, weil es ja fast schon eine Kunst ist, angesichts der Vielzahl gro\u00dfartiger Musikerinnen, die l\u00e4ngst auch im Bereich freier Jazz, Impro und sonstiger Avantgarde heutzutage eine erfreuliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit sind, so wenige Frauen auf der B\u00fchne stehen zu haben!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist es freilich nicht so, dass Stefan Winkler, der k\u00fcnstlerische Leiter des Festivals, in irgendeiner Weise chauvinistisch oder antifeministisch veranlagt w\u00e4re, irgendein b\u00f6ser, intentionaler Wille ist ihm da keinesfalls zu attestieren. Es sind vielmehr die Philosophie und der konzeptionelle Ansatz dieses heuer zum elften Mal \u00fcber die B\u00fchnen gegangenen Festivals, die als Erkl\u00e4rung eignen: Wie der Titel schon nahelegt, geht es hier tats\u00e4chlich um Freejazz, also im besonderen um die Art von Musik, die sich in den 70ern und danach selbst so benannte, die W\u00fcrdigung der Altmeister, also der im Sinn einer Kalendarik schon \u00e4lteren, aber hinsichtlich sozialem und psychologischem Alter kreativ jung gebliebenen Garde ist deshalb ein zentrales Anliegen; FreeJazzFestival Saarbr\u00fccken ist, \u00fcbertrieben gesagt, eine Art Refugium, quasi ein safe space der \u00fcberwiegend Altvorderen. Im Mittelpunkt stehen nicht nur, aber in erster Linie alt gediente Fahrensm\u00e4nner, die teils schon im letzten Quartal des letzten Jahrhunderts auf der B\u00fchne r\u00f6hrten und dr\u00f6hnten, mithin zu einer Zeit also, als Frauen, sieht man von Ikonen wie Jo\u00eblle L\u00e9andre, Zeena Parkins oder Ir\u00e8ne Schweizer einmal ab, tats\u00e4chlich noch die gro\u00dfe Ausnahme waren. Long story short: Man kann das trotzdem als unzeitgem\u00e4\u00df empfinden oder aber als Ausdruck einer kuratorischen Dicksch\u00e4dligkeit, die den Zeitumst\u00e4nden kaum Konzessionen gew\u00e4hrt, f\u00fcr die Winkler ja kein Unbekannter ist, aber nicht als absichtlich maskulinistisches Statement.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"769\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/ada-rave-1024x769.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15518\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/ada-rave-1024x769.jpg 1024w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/ada-rave-300x225.jpg 300w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/ada-rave-768x577.jpg 768w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/ada-rave.jpg 1188w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bioluminus. Foto: Stefan Winkler<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Jugendwahn hat in Saarbr\u00fccken (auch vor der B\u00fchne) jedenfalls keine Chance! Da ist es schon ungew\u00f6hnlich, wenn mit <strong>Bioluminus<\/strong> (Ada Rave, ts, ss; Aaron Lumley, b; Onno Govaert, dr) ein in Amsterdam lebendes U50-Trio auf der B\u00fchne abgeht. Die drei liefern z\u00fcnftigen, gehaltvoll-treibenden Freejazz ohne die ganz gro\u00dfen Explosionen; auch das <strong>Christian Marien Quartett<\/strong> (Tobias Delius, ts, cl; Jasper Stadhouders, g; Antonio Borghini, b; Christian Marien, dr, g) kann als vergleichsweise juvenil gelten. Die Combo sticht zudem mit dem melodi\u00f6sesten Set des ganzen Festivals heraus: Da stand sogar alles Ernstes ein Notenst\u00e4nder auf der B\u00fchne, im solcherart vorstrukturierten Modern Jazz, der freilich viel Raum f\u00fcr Improvisiertes bot, mischten sich sogar Motive aus Jazzstandards und einige bekannte Rocktunes. Geballte Erfahrung on stage hingegen bei <strong>Frush<\/strong> (Luc Houtkamp, sax; Steve Beresford, p; Martin Blume, dr; Sebi Tramontana, tb). Konzentriertes, feinsinnig-freies Spiel ohne gro\u00dfe Posen oder Freak-outs: einfach nur sehr gute Musik, in der sich Jahrzehnte Impro-Erfahrung verdichten! Gleiches lie\u00dfe sich \u00fcber <strong>LDL<\/strong> mit Urs Leimgruber (ss), Jacques Demierre (p), Thomas Lehn (synth) sagen. Au\u00dfer zweier kurzer High-Energy-Phasen versandet der Gig aber leider \u00fcber weite Strecken in sonoren und vor allem monotonen Sopran-Sax-St\u00f6\u00dfen: viel zu lang, fast schon einschl\u00e4fernd; aber die Freude, Leimgruber trotz gesundheitlicher Probleme in j\u00fcngerer Vergangenheit wieder aktiv zu sehen, \u00fcberstrahlte dergleichen Fadesse.<\/p>\n\n\n\n<p>Heiter und beschwingt ging es nat\u00fcrlich bei <strong>JR3<\/strong> (Olaf Rupp, g; Rudi Mahall, cl; Jan Roder, b) zur Sache, die Akustik unter Deck im ehemaligen Kohlentender, das heute als \u201eTheaterschiff\u201c dient, war f\u00fcr G\u00e4ste, die nicht ganz vorner sitzen konnten, freilich suboptimal. \u00dcberhaupt die Location-Problematik, mit der das FreeJazzFestival Saarbr\u00fccken ja nicht alleine dasteht: Aus finanziellen Gr\u00fcnden fand das Festival heuer Zuflucht an neuem Ort, der Konzertvenue \u201eSektor Heimat\u201c, durchaus urban und charismatisch in einem ehemaligen, riesig dimensionierten Werkstoffdepot direkt an der Saar gelegen und Saarbr\u00fcckens meist zynisch gemeinten Nickname \u201eSaarbrooklyn\u201c hier alle Ehre machend. Es fehlt hier freilich, wie \u00fcberhaupt in vielen mittelgro\u00dfen St\u00e4dten, zusehends an mittelgro\u00dfen Spielst\u00e4tten. F\u00fcr die diesj\u00e4hrige Ausgabe hie\u00df das: drangvolles Haus, aber der Umsatz beim Getr\u00e4nkeverkauf geht nicht mehr an den Veranstalter, sondern an das Gastrounternehmen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/edwards-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15519\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/edwards-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/edwards-300x225.jpg 300w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/edwards-768x576.jpg 768w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/edwards.jpg 1114w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Noble, Edwards, Wilkinson. Foto: Stefan Winkler<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dergleichen Umst\u00e4nde vermochten am letzten Abend der Begeisterung freilich keinen D\u00e4mpfer zu verpassen, zu grandios war das Gebotene: Wenn <strong>Lean Left<\/strong> (Ken Vandermark, sax, cl; Terrie Hessels, g; Andy Moor, g; Paal Nilssen-Love, dr) abgehen, ist das veritabler Punkrock, hard working men, die wirklich alles raushauen, was sie haben, und das dankbare Publikum mit Energie nur so vollpumpen, Ohrenst\u00f6pselgebrauch ist hier anzuraten! Zuvor indes das Highlight des Festivals, ein Konzert, das in Sachen individuelles K\u00f6nnen, Hingabe und Intensit\u00e4t selbst von Lean Left nicht mehr zu toppen war: <strong>John Edwards<\/strong> (b) und <strong>Steve Noble<\/strong> (dr) haben haben ja fr\u00fcher oft mit Peter B\u00f6rtzmann gehottet, an seiner Stelle gab hier <strong>Alan Wilkinson<\/strong> den Sax-Berserker: Eine Epiphanie des Freejazz, der quicklebendige Beweis, dass er lebt und kein bisschen seltsam riecht, sofern nur die richtigen Musiker \u2013 und Musikerinnen! \u2013 auf der B\u00fchne stehen!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>FreeJazzFestival Saarbr\u00fccken, 25. bis 29. 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