{"id":81,"date":"2025-07-11T16:51:04","date_gmt":"2025-07-11T14:51:04","guid":{"rendered":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/?p=81"},"modified":"2025-08-02T18:28:25","modified_gmt":"2025-08-02T16:28:25","slug":"schaerfen-und-unschaerfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/schaerfen-und-unschaerfen\/","title":{"rendered":"Sch\u00e4rfen und Unsch\u00e4rfen"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ulrichsberger Kaleidophon, 25. bis 27. April<\/h4>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"446\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120a-1024x446.jpg\" alt=\"Bishop\/M\u00fcller\/Muche.\" class=\"wp-image-82\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120a-1024x446.jpg 1024w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120a-300x131.jpg 300w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120a-768x334.jpg 768w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120a-1536x669.jpg 1536w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120a.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bishop\/M\u00fcller\/Muche. Foto: Uli Templin \/ tuer7.com<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch die 39. Ausgabe des Festivals im Oberen M\u00fchlviertel ist von einem heterogenen Musikmix bei hervorragendem Besuch in ausgesucht freundlicher Atmosph\u00e4re gepr\u00e4gt. Und klimatisch konnte man sich erfreulicherweise vom Nachnamen des (Neo-)Intendanten distanzieren. Einen \u00e4u\u00dferst gelungenen Auf\u00adtakt kredenzt das Trio <strong>O\u016fat<\/strong> des (nicht nur) Klaviervirtuosen Simon Sieger im gleichrangigen Zusammenspiel mit dem auch humorbegabten Kontrabassisten Joel Grip und den umsichtigen Tromm\u00adler Michael Griener. Ein variables Kon\u00adzert auf Augenh\u00f6he, weniger hierarchisch als das gleich besetzte Trio von Alexander Hawkins.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei stilbildende Trios von Blech\u00adbl\u00e4\u00adsern markieren die Mitte der Abende eins und zwei: zun\u00e4chst <strong>Microtub<\/strong> mit Robin Hayward, Martin Taxt und Peder Simonsen, von denen bald eine neue CD unter dem sch\u00f6nen Titel <em>Thin Peaks<\/em> auf Thanatosis erscheinen wird. Wie der Bandname schon verr\u00e4t, geht es \u2013 wie in eigentlich allen Arbeiten von Hayward \u2013 um die geringstm\u00f6glichen Abst\u00e4nde zwischen den Noten, um die Mikrot\u00f6ne, im vorliegenden Fall zus\u00e4tzlich versch\u00e4rft durch das Instrument des Trios, die Vier\u00adteltontuba. Die Sch\u00e4rfen und Unsch\u00e4r\u00adfen stehen sowohl im Zentrum des Konzerts als auch in einer wissenschaftlichen Ar\u00adbeit von Robin Hayward. Dass eine Drei\u00adviertelstunde minimalster tonaler Ver\u00e4n\u00adderung nicht langweilt, ist auf die Kunst der drei zur\u00fcckzuf\u00fchren. F\u00fcr meinen Ge\u00adschmack war das Konzert etwas zu lei\u00adse, allerdings blieb, sagt Hayward, f\u00fcr eine risikolose Mikrofonierung keine Zeit mehr. Um ganze Welten expressiver gehen <strong>Jeb Bishop, Matthias M\u00fcller &amp; Matthias Muche<\/strong> an drei Posaunen zu Werke. Die Deutsch-Amerikanische Freundschaft aus Improsicht zeigt sich in unterschiedlichsten Temperamente extrem beweglich und interaktionssicher \u2013 sowohl in zarten, subtilen Passagen als auch turbulenten, fast \u00fcberschw\u00e4nglichen. H\u00e4ufig h\u00e4lt ein Posaunist das Thema, \u00fcber das die beiden anderen improvisieren, dann soliert wieder einer \u00fcber eine zweifache Spielfigur und in seltenen Crescendi blasen sich alle drei die Seele aufs Haarstr\u00e4ubendste aus dem Leib. Da fliegt beinahe das Blech weg. Ein vielgestaltiger, feinsinniger H\u00f6\u00adhepunkt des Festivals.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Samstagnachmittag er\u00f6ffnet das <strong>Ensemble Phace<\/strong> mit drei St\u00fccken aus dem Zeitgen\u00f6ssischen. Besonders be\u00adeindruckt der <em>Kadosh<\/em> f\u00fcr verst\u00e4rkte Vio\u00adline von Sarah Nemtsov, gespielt von Ivana Pristasova-Zaugg. Kraftvolle, fast aggressive Kl\u00e4nge wechseln mit h\u00f6chstem Flageolett an der H\u00f6rbarkeits\u00adgren\u00adze, gebrochen durch knisternde Irritationen. Der brillante Sound, wie immer beim Kaleidophon von Alfred Reiter, verst\u00e4rkt das intensive H\u00f6rerlebnis. Darauf folgt eine Klanginstallation aus Peter Ablin\u00adgers monumentalem H\u00f6rzyklus <em>weiss\/weisslich.<\/em> Aus bunten Wettex-T\u00fcchern tropft Wasser auf unterschiedlich gestimmte Glasr\u00f6hren. Je nach Feuchtigkeit ver\u00e4ndern sich Rhythmus und Melodien. Das hat auch etwas von einer physikalischen Versuchsanordnung und erh\u00e4lt dadurch auch eine zweite, durchaus humoristische Ebene. Der wenige Tage vor dem Kaleidophon verstorbene Ablinger war den Ulrichsbergern \u00fcber viele Jahre eng verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tiho\u017eitje\/Stilleben<\/strong> hei\u00dft ein slowenisches Ensemble von Samo Kutin, To\u00adma\u017e Grom, Irena Z. Toma\u017ein und Matija Schellander, bestehend aus mechanisch erweiterter Drehleier, Kontrabass, Stim\u00adme und Elektronik. F\u00fcr die erkrankte To\u00adma\u017ein ist relativ kurzfristig Katharina Kle\u00adment eingesprungen. Aber als w\u00e4re sie von Anfang an dabei, macht sie verbl\u00fcffenderweise alles richtig. Das ist fast schon ein Alleinstellungsmerkmal Kle\u00adments. Fredi Reiter bew\u00e4ltigt die komplizierte Elektronik-Anbindung mit viel Geduld und Bravour. Eine M\u00fche, die sich lohnt. Es brummt, es schnurrt, es s\u00e4gt, es verdichtet sich, es d\u00fcnnt aus, es scheidet die Geister. Dieses Stilleben kultiviert eine Musik ohne Anfang und ohne Ende, also ganz im Sinn etwa ei\u00adnes Anthony Braxton. Ein Idealfall f\u00fcr die Zeit au\u00dfer Kraft setzende Klang\u00adkunst. Superb.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des zweiten Abends kommt noch das <strong>Trio Now!<\/strong>, Tanja Feichtmair, Altsaxofon, Uli Winter, Cello, und Fredi Pr\u00f6ll, Schlagzeug. Local Heroes mit ei\u00adnem enormen Sympathiebonus. In der zweiten Spielh\u00e4lfte werden die drei noch durch den Posaunisten Christofer Var\u00adner verst\u00e4rkt. Das gibt feine Reibungen zwischen den Bl\u00e4sern als zus\u00e4tzlichen Reiz, ein gegenseitiges Anstacheln, auch einiges an Witz. Die immer wieder beeindruckenden Ulrichsberger musizieren nun schon ein gutes Vierteljahrhundert miteinander, entwickeln sich best\u00e4ndig weiter, bleiben nie stehen. Chapeau.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120b-1024x1024.jpg\" alt=\"Ein Drittel Microtub\" class=\"wp-image-83\" style=\"width:auto;height:800px\" srcset=\"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120b-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120b-300x300.jpg 300w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120b-150x150.jpg 150w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120b-768x768.jpg 768w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120b-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/kaleido_120b.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ein Drittel Microtub. Foto: Uli Templin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine klassische Jazzbesetzung mit kluger Dramaturgie kennzeichnet das <strong>Twirls Quartett<\/strong> von Alexander Beier\u00adbach (sax), Nicolas Schulze (p), Meinrad Kneer (b) und Yorgos Dimitriades (dr). Fein synchronisierte Crescendi streben langsam aber unaufhaltsam auf H\u00f6he\u00adpunkte zu, gewinnen so an Spannung und Dramatik. Soli und Begleitung verschmelzen, gleichrangig stehen die vier Instrumente nebeneinander, kommunizieren, ohne in Konkurrenz zu treten. Nicht selbstdarstellerische Pr\u00e4sentation der Egos steht im Vordergrund, sondern der dichte, anregende Gesamtklang. Die vier kommen zur G\u00e4nze ohne Verfrem\u00addung aus, eine feine, rein akustische Ab\u00adwechslung. Manchmal ganz leise, fast tempolos schweben die Kl\u00e4nge im Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht, dass das jetzt jemanden gro\u00df \u00fcberrascht h\u00e4tte: Das <strong>Alexander Haw\u00adkins Trio<\/strong>, mit Neil Charles am Bass und Steven Davis an den Drums, war eines der Top-Highlights dieses an Schman\u00adkerln ohnehin reich best\u00fcckten Festi\u00advals, wie auch r\u00fcckblickende Fachsimpeleien mit einschl\u00e4gigen Nerds best\u00e4tigten.&nbsp;Wenn Hawkins in expressiven Passa\u00adgen mit den Fingern \u00fcber die Tastatur wirbelt, wird einem fast schwindlig, und auf Fotos zeigen sich seine H\u00e4nde mitunter nur noch verschwommen. Wie \u00fcblich changiert der Gig zwischen solchen Freak-out-Passagen, die an Cecil Taylor gemahnen, und strukturierten, komponierten Phasen, Notenbl\u00e4tter liegen parat. Dass sich das Londoner Trio bereits 2012 zusammentat und folglich intuitiv miteinander kommuniziert und harmoniert, war jederzeit h\u00f6r- und sp\u00fcrbar: Bei aller Brillianz der Hawkins\u2019schen Hand- und Kopfarbeit sind Charles und Davis keinesfalls untergeordnetes Bei\u00adwerk im Sinne einer Jazz-Standard\u00adbe\u00adsetzung, sondern stets in der Lage, Ge\u00adgengewichte zu schaffen und eigene Dynamiken zu entfalten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie von Geisterhand bewegt, be\u00adginnt das Klavier von selbst zu spielen, w\u00e4hrend <strong>Katharina Klement<\/strong> um das ge\u00adliebte Instrument wandert. Das ist schon eine der Kernaussagen ihrer er\u00adstaunlichen Performance beim 2025er Kaleidophon. Das Klavier erscheint als dicht verkabeltes High-Tech-Ger\u00e4t, das vielf\u00e4ltigste Kl\u00e4nge produziert. Die Pia\u00adnistin erforscht Klangoptionen des In\u00adnen\u00adklaviers und des Rahmens, klopft, zupft und manipuliert. Ein im Innenraum schwebendes Blatt Papier erm\u00f6glicht Feinsinn und Z\u00e4rtlichkeit. Klement zieht Schn\u00fcre durch die Saiten, als m\u00f6chte sie das Ger\u00e4t vergr\u00f6\u00dfern, noch bedeutender machen. Und irgendwann blinkt das Klavier wie ein Weihnachtsbaum, man h\u00f6rt einen Wasserfall durch den Fl\u00fcgel rauschen, und von irgendwoher kommen kaum verst\u00e4ndliche verbale Botschaften. Gro\u00dfe Begeisterung f\u00fcr eine sehr stimmige Klanginstallation.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom finalen Auftritt von <strong>Yes Deer<\/strong> (Signe Emmeluth, Karl Bjor\u00e5, Anders Vestergaard) h\u00e4tte man sich angesichts ihrer brandaktuellen CD <em>everything that schines, everything that hurts<\/em> (siehe freiStil #119) etwas mehr erwarten d\u00fcrfen als Jazz-affines Dauerpowerplay. Mehr Noiserock- und Metalpassagen, weniger Gedudel und Gefrickel. Wenigs\u00adtens Vestergaard zeigt sich von Kalei\u00addo\u00adphon-Usancen bzw. dem Respekt davor unbeeindruckt und drischt drauf los wie ein Berserker. Herrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Das zweite Festivaljahr in der Intendanz von Julius Winter war weit weniger auf Sicherheit bedacht als sein erstes, vielgestaltiger, schlauer program\u00admiert, auch riskanter. Bis auf die nervt\u00f6tend esoterische Moderation geht das Kaleidophon neu straight-ahead in die richtige Richtung. Kompliment. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Christoph Haunschmid \/ Bernd Lederer \/ Andreas Fellinger<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrichsberger Kaleidophon, 25. bis 27. April Auch die 39. Ausgabe des Festivals im Oberen M\u00fchlviertel ist von einem heterogenen Musikmix bei hervorragendem Besuch in ausgesucht freundlicher Atmosph\u00e4re gepr\u00e4gt. Und klimatisch konnte man sich erfreulicherweise vom Nachnamen des (Neo-)Intendanten distanzieren. Einen \u00e4u\u00dferst gelungenen Auf\u00adtakt kredenzt das Trio O\u016fat des (nicht nur) Klaviervirtuosen Simon Sieger im gleichrangigen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":82,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-81","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzerte"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=81"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14486,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81\/revisions\/14486"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/82"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=81"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=81"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/freistil.klingt.org\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=81"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}