António Lobo Antunes (1942–2026)
Portugal und seine Geschichte des Kolonialismus waren von Beginn an zentrale Themen in der Literatur von António Lobo Antunes. Auch aus eigener Erfahrung, immerhin musste er mehr als zwei Jahre lang als Arzt im damals portugiesisch okkupierten Angola arbeiten. Untrennbar damit verbunden sind seine Erinnerungen an das Land unter dem Salazar-Faschismus, der den Schriftsteller, damals Kommunist, ins Gefängnis sperrte.
Die kurze Zeit der Befreiung vom Faschismus, 1974, Nelkenrevolution genannt, diente ihm ebenso als Stoff für ausgiebige Reflexionen wie sein Brotberuf als Nervenarzt und als Psychiater in Lissabon (zu lesen unter anderem in Einblick in die Hölle). Die Hassliebe zu seinem Land und seinen Leuten (vielsagend in Portugals strahlende Größe) zieht sich als roter Faden durch sein umfangreiches Werk. Der Vielschreiber von Romanen (deren erster, Elefantengedächtnis, erst spät in deutscher Übersetzung erschien) entwickelte im Lauf der Jahre, ausgehend von stringenter Prosa, wie etwa in Die natürliche Ordnung der Dinge oder im umfangreichen Fado Alexandrino, eine mitunter Schwindel erregende Vielstimmigkeit – eine mit keinem anderen Schriftsteller verwechselbare Polyphonie mit häufig wiederkehrenden Loops und Zeitsprüngen.
So nebenbei verfasste Antunes im Zwei-Wochen-Rhythmus charmante Miniaturen für die portugiesische Tageszeitung Publico (nachzulesen im Buch der Chroniken 1–3). Anfang März dieses Jahres ist António Lobo Antunes 83-jährig verstorben. Ein guter Meter Hausbibliothek hält die Erinnerung an diesen famosen Weltliteraten wach. Seine Sprachkunst lässt an Virtuosität, Wahrhaftigkeit, Leidenschaft, Magie und Fantasie keine Wünsche offen. Weil jedes Wort zählt.

freiSpruch aus freiStil #8:
… Und wie immer, wenn er nicht schlafen konnte, hatten die Verrückten aus seiner Kindheit, die zärtlichen, demütigen, aufgebrachten, mit den Armen wedelnden Verrückten seiner Kindheit, begonnen, einer nach dem anderen in einer elenden und zugleich prächtigen Prozession von Clowns aus der Dunkelheit herunterzusteigen, schräg angestrahlt durch den diagonalen Scheinwerfer der Erinnerung, zur alten Musik eines Dachbodengrammophons, das einen rheumatischen Walzer über die vom stumpfen Schmutz des Staubes bedeckten Holzpferde hiweggreinte … (aus: Einblick in die Hölle)