Hans Falb (1954-2025)
Hans Falb hat am 26. Dezember zu leben aufgehört. Wir bringen einen ausführlichen Nachruf von Philipp Schmickl, sukzessive angereichert durch Statements und Erinnerungen von Freund:innen und Weggefährt:innen.

Music is the healing force of the universe
Hans Falb war sein Leben lang ein äußerst großzügiger Mensch, der stets versucht hat, seine Vision einer besseren Welt zu verwirklichen. Seine Plattform war sein Gasthaus, die Jazzgalerie Nickelsdorf, und seine Mittel waren Musik und Freundschaft (auch, natürlich, seine Küche und seine Weine). Hans, besser bekannt als Hauna, war kein “einfacher Mensch” – alles, was man gemeinsam unternommen hat, konnte unerwartete Wendungen nehmen, vornehmlich warmherzige Wendungen; und er verstand es, Angelegenheiten so lange hinauszuzögern, bis das Timing überraschend gut war. Die vielen Clubkonzerte und Festivals, die Hans mit seinen Freunden*1 in dieser Art veranstaltet hat, bildeten und prägten – über die Jahre und Jahrzehnte – nicht nur unzählige weitere Geflechte an Freundschaften, die über nationale und geografische Grenzen hinweg aufrecht erhalten wurden, sondern sie ermöglichten auch eine tiefe Freundschaft zur Musik – einer improvisierten Musik, die sich primär, aber nicht nur, auf Jazz beruft – und zu einer Art Konzentration, die – bei völliger Bewegungsfreiheit – sich einstellt, wenn ein Konzert beginnt: ein kollektives Zuhören, das die Spielenden mit dem Publikum vereint.
Zunächst ein paar Zahlen: Die Jazzgalerie – damit sind nun Hans und seine Freunde* gemeint – hat ehrenamtlich 48 drei- bis viertägige Festivals veranstaltet: Die Nickelsdorfer Avant-Jazztage 1978, die Konfrontationen von 1980 bis 2025, Cosmic Tones for Mental Therapy/Hommage à Sun Ra 2012 und The New Gardens of Harlem/Hommage à Joe McPhee 2015. Zwischen 1976 und 2007 fanden an die 500 Clubkonzerte statt, in späteren Jahren folgten vereinzelte Veranstaltungen nach. Von den späten 1970er bis in die 2000er Jahre hat Hans das Programm gemeinsam mit Reinhard Stöger (alias Grölli) bestimmt. Danach übernahm er die ganze Verantwortung, ließ sich aber weiterhin von seinen Freunden* zu diesem oder jenem Konzert bewegen.
Schon bald nach dem zweitägigen, musikalisch noch eher traditionell gestalteten Eröffnungsfest der Jazzgalerie Nickelsdorf im November 1976 wandte sich die Jazzgalerie zunehmend der europäischen und afroamerikanischen Jazz-Avantgarde zu und tat sich innerhalb kurzer Zeit hevor als einer der wichtigsten Orte für, im damaligen Jargon, “progressive” Musik in Europa, vielleicht auch darüber hinaus – alles überwiegend finanziert durch die Einnahmen des Café Restaurant Falb.2
In einem Interview im Jahr 2013 sagte mir Hans: “Nach dem 84er-Festival war ich ein bisschen ausgebrannt und hab mir gedacht: ‘Eigentlich hast du eh schon so viel gemacht.’ Irgendwann wollt‘ ich vielleicht auch mein Leben verändern …” Inspiriert von Clifford Thornton, Julius Hemphill’s Dogon A.D. und dem Chris Marker Film Sans Soleil, ist er ist dann Ende 1984 über Lyon nach Ouagadougou, Burkina Faso, gereist, von wo aus er sich drei, vier Monate in Westafrika durchgeschlagen hat. Seine Erzählungen von diesen Reisen kreisten immer wieder um das Überwinden von Grenzen, manchmal regulär, manchmal klandestin, manchmal mit einem Tag Gefängnis bestraft, bevor er wieder dorthin gebracht wurde, von wo aus er eingereist war. Er erzählte auch gerne davon, wie die Kinder eines Dorfs, in dem er sich aufhielt, seine Zahnpasta gestohlen haben um sich ihre Gesichter damit weiß zu schminken. Oder wie man im Ruwenzori Gebirge erkennen konnte, in welcher Gegend Schnaps gebrannt werde: nämlich dort, wo die Leute am Straßenrand, nicht wie sonst mit den Füßen, sondern mit dem Kopf talwärts schliefen. Nach der Heimkehr im Frühjahr 1985 wurde bald klar – und hier ist das Ende des oben abgebrochenen Zitats – dass er eine Veränderung seines Lebens zwar versucht hatte “… und hab’s aber nicht geschafft. Die Musiker sind froh darüber.”
In den 40 Jahren, die zwischen dieser großen Reise und seiner jetzigen liegen, hat Hans Falb mit der Jazzgalerie einen Raum geschaffen, der erfüllt war von Musik und einer umfassenden Liebe zu den Künsten; einen Raum, der belebt war vom Geist der Freundschaft und der geprägt war von Weltoffenheit und einer kosmopolitischen Orientierung hin zum Weltgeschehen. Ich kann mich erinnern, in der Jazzgalerie lagen, neben Musikmagazinen wie Wire, Spex, Skug, Jazzlive, Jazz Podium, freiStil oder der Neuen Zeitschrift für Musik, unterschiedliche Tageszeitungen auf sowie der Falter, die Schweizer WOZ, konkret, Le Monde Diplomatique und Lettre International; es gab einen großen Atlas, der regelmäßig hervorgeholt wurde, und es gab Bücher über Whisky, Wein und Wanderwege. Mit den Clubkonzerten und Festivals holte die Jazzgalerie darüber hinaus, wie Grölli es formuliert hat, “die Welt zu uns nach Hause.” Dieses Zuhause, die Jazzgalerie, die Hans mit seinen vielen Freunden*3 teilte, war ein so unwahrscheinlicher Ort in der österreichischen Peripherie wie der Traum des Fitzcarraldo von einem Opernhaus im peruanischen Regenwald. Vielleicht war “die Welt,” von der Reinhard spricht, diese Musikwelt, deswegen so begeistert von der Jazzgalerie, weil sie von einem Menschen geführt wurde, der viele Dinge so erledigte – hier noch einmal Fitzcarraldo – “wie die Kuh über das Kirchendach springt”. Am Ende des Films verkauft Fitz das Schiff, das er vergebens über den Berg an der Landenge hievte, und drückt den Packen Geld, den er dafür vom kolonialen Großgrundbesitzer erhalten hatte, seinem Kapitän in die Hand, damit er ihm – neben einem Frack, einem roten Samtsessel und “der besten Zigarre der Welt” – das Opernorchester, das in Manaus gastierte, für eine Aufführung auf sein Schiff bringe. Bejubelt vom Ufer, gleitet die Musik über das Wasser, Fitzcarraldo steht stolz im Frack und rauchend am Schiff, am Rand des Orchesters, ähnlich wie Hans “seine” Konzerte sehr oft auf der Bühne gehört hat, rauchend, aber immer ohne Frack.
Die Konfrontationen – ihre Klang- und Sprachfarbenkombinationenen4 – waren ein außerordentliches Festival. Die Jazzgalerie, als ein von Hans’ Vorstellung einer guten Welt geprägter Ort, und die Musik, die dort gespielt und improvisiert wurde, eröffneten und formten diesen Raum der gedehnten Möglichkeiten und Anti-Strukturen zu den herrschenden Hierarchien. Hans hat die Festivals, wie er sagte, inszeniert; es sollten sich alle wohlfühlen, während sie “etwas Komplexes ins Herz geschüttet bekommen” (Theoral no. 6). Nach und nach hat sich das Festival auch selbst inszeniert. Was heute Diversität genannt wird, wurde seit der Gründung des Festivals als Einheit betrachtet: Einheit der Künste, Einheit des Ortes und Einheit der Menschen. Anti- und postkoloniales Denken umarmte den Klang der Moderne; minimalistische Wien-Berlin-Texturen wurden von Kirchenglocken ein- und ausgeläutet; und meine persönliche Vorliebe an den Festival-Nachmittagen: der Schnitzelklopfer und der Klavierstimmer spielen durch das Sprachengewirr hindurch. Das Sinnliche und das Intellektuelle haben sich in der Jazzgalerie und auf den Festivals immer gegenseitig beflügelt wie die Musik die Freundschaft und umgekehrt. Beim Spielen und Hören, beim Essen und Trinken, beim Tanzen und Küssen.

Das Café Restaurant Falb, meist geöffnet bis spät in die Nacht, war nicht nur ein Tor zur Welt und unterschiedlichen Musikwelten, sondern auch immer ein Zufluchtsort für Freunde und Fremde, für Neuangekommene, für uns Jugendliche und andere, die sich zu Hause (gerade) nicht so verstanden fühlten. Wenn man nicht nach Hause gehen wollte, konnte man mit Hauna an der Bar sitzen, Musik hören und danach im Lokal übernachten. Wer Geld brauchte, konnte dort arbeiten, essen und trinken. Dass die Jazzgalerie besonders den Marginalisierten Zuflucht bot, wurde noch deutlicher als 2015 300.000 geflüchtete Menschen in Nickelsdorf über die Grenze kamen und einige der Wenigen, die in Nickelsdorf blieben, in der Jazzgalerie den Ort fanden, an dem sie nicht paternalistisch behandelt wurden, sondern als gleichwertige Menschen in Küche und Service arbeiten konnten. Einer von ihnen, Ali, sagte am Tag vor Hans’ Verabschiedung: “Hauna hat ein warmes Herz.” Ich denke, dass er die Gastfreundschaft, die ich aus den Erzählungen von seinen Reisen in West- und später in Zentralafrika kenne, in seinem eigenen Gasthaus in der euopäischen Peripherie verwirklicht hat.
Dass ein solcher Ort kaum ökonomische Überlebenschancen hat, wurde deutlich in den Konkursen und schließlich im Verlust des Restaurants. Beim ersten großen Konkurs 2007/08 war auch das Festival betroffen. Die Einstellung der Konfrontationen wurde aber vom dichten, transkontinentalen musikalisch-freundschaftlichen Geflecht abgefangen, und der Verein Impro 2000 wurde re-organisiert: Lokal und Musik wurden entflochten. In den Jahren nach der Schließung der Jazzgalerie infolge der ersten Corona-Lockdowns im März 2020 und Hans’ Erreichen des Pensionsalters, blieb das Restaurant weiterhin sein Wohnzimmer, in dem er seine Freunde* empfing und in dem er aß und trank. Es blieb sein Büro, in dem er telefonierte, hin und wieder eine E-Mail schrieb und die Platten und CDs, die er zugeschickt bekam, hören und wiederhören konnte. Es war der Ort, an dem er seit 1976 mit seinen Freunden*, später allein, das Musikprogramm für die Konfrontationen zusammenstellte. Im Juni 2025 musste er raus, es gab neue Pächter und Pläne für das Lokal. Schon sehr geschwächt, zog er in die zwei Räume hinter dem Restaurant, die ihm bis dahin als Schlaf- und Archivraum (das Festivalbüro) gedient hatten. Er weigerte sich, ganz auszuziehen. Er verweigerte auch jegliche medizinische Hilfe. Trotz der verschärften Umstände – er sagte, ja, an solche Veränderungen müsse man sich gewöhnen, nicht aber ohne sich dabei über die Beschallung des Hofes zu beschweren – erzählte er, immer wenn ich ihn besuchte, seine Schwierigkeiten als Abenteuergeschichte. Hans verstand sich nie als Opfer der ökonomischen und gesellschaftspolitischen Veränderungen, sondern immer als Abenteurer. Wie sehr sich auch seine Situtation verschlechterte, er erkannte und lebte darin das Poetische. In Lyon, am 28. November 1984, kurz vor seinem Abflug nach Ouagadougou, notierte er – die Spiegelungen der Werbereklamen in der Rhône oder Saône betrachtend, in sein Reisetagebuch: “CARDENAL fällt mir ein und wenn ich Zeugnis ablegen müsste von meiner Zeit dann dieses: sie war barabarisch und primitiv, doch poetisch.”
Wie im Grimm’schen Märchen Hans im Glück hatte Hans Falb 1976 einen Klumpen Gold bekommen (die Arbeit lag jedoch vor ihm): das Gasthaus bot einen gewissen Reichtum und eine aussichtsreiche Perspektive. Step by step hat er diesen Reichtum mit seiner Perspektive aber weggetauscht; anders als im Märchen, wurde der wegtetauschte Reichtum zu Freundschaft und zu Musik – einer Musik, die ihrerseits auch nicht festzuhalten ist. Hans zitierte gerne Eric Dolphy, dem zugeschrieben wird gesagt zu haben, “When you hear music, after it’s over, it’s gone in the air.” Hans Falb im Glück hat allen materiellen Reichtum erfolgreich weggetauscht. Am Ende des Märchens der Gebrüder Grimm heißt es: “Mit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter angekommen war.“
Philipp Schmickl

Dank an Elvira Faltermeier, Andrea Mutschlechner, Kira David und Burkhard Stangl.
Der Autor hat im Juli 2025 eine Dissertation über die Konfrontationen Nickelsdorf abgeschlossen, die 2026 (hoffentlich!) in der Reihe Jazz Research des Instituts für Jazz- und Popularmusikforschung der Kunstuni Graz erscheinen soll. Titel: Konfrontationen Nickelsdorf: Cosmopolitan Improvising at a Jazz Festival at the Borders.
1 Der Stern steht für die große Vielfalt unter den Menschen, die ein freundschaftliches Verhältnis zu Hans hatten.
2 Das Eröffnungskonzert spielten Fatty George (Klarinette), Al Fats Edwards (Gesang), Rudi Wilfer (Klavier) und Karl Prosenik (Schlagzeug). In den ersten Jahren danach spielten u. a.: Abdullah Ibrahim/Dollar Brand, Alexander von Schlippenbach, Sven-Åke Johansson, Clifford Thornton, Amina Claudine Myers, das World Saxophone Quartet, größere und kleinere Ensembles von Roscoe Mitchell, Joseph Jarman, Muhal Richard Abrams, Anthony Braxton und Don Moye, Peter Brötzmann, Frank Wright, Michele Rosewoman, Maria Böhmberger, Akira Sakata, Sun Ra mit einem elfköpfigen Arkestra, Andrew Cyrille’s “Maono”, Max Roach, Dieter Kaufmann, Dieter Glawischnig/Neighbours, Peter Kowald, H. C. Artmann, & Co. Wie aus einem Brief von Hans Falb an Roscoe Mitchell (gefunden im Jazzgalerie-Archiv) hervorgeht, war für die Konfrontationen 1984 ein viertägiges Portrait der AACM-Komponisten Roscoe Mitchell, Anthony Braxton, Muhal Richard Abramas und Leo Smith geplant. Schlussendlich kamen aber nur Mitchell und Braxton.
3 Zu diesen Freunden* gehörten auch sehr viele österreichische Musikschaffende, für die die Jazzgalerie Impuls und Möglichkeit darstellte, ihre eigenen Musiken und Karrieren größer zu denken und zu gestalten, z.B. Christian Fennesz und Franz Hautzinger, die beide aus der Nickelsdorf-Gegend kommen, Susanna Gartmayer, Christof Kurzmann, Didi Kern u.v.a.m.
4 Zu einem Versuch einer Beschreibung der Konfrontationen siehe den Text Über Geister und Farben unter: https://thefuckle.wordpress.com/2019/07/12/uber-geister-und-farben-vierzig-jahre-konfrontationen/

Ein Widerborst
Ein Aspekt des verdienstvollen Wirkens von Hans Falb hat einen besonderen Eindruck auf mich gemacht: seine Widerständigkeit gegen politische, soziale, wirtschaftliche und sonstige Zudringlichkeiten; seine leidenschaftliche Musikarbeit auf Seiten der Subversiven, der undogmatischen Linken, der Widerborstigen – auch der lachenden Außenseiter, wie es im Standardwerk von Patrik Landolt & Ruedi Wyss heißt. Als vor rund dreißig Jahren die Musikmanager in Mode kamen, hatte sich Hans sofort explizit davon distanziert und sich unmissverständlich als Musikarbeiter klassifiziert. Kein Management von oben, sondern eine kontinuierliche, komplett unkorrumpierbare Arbeit von unten: Auch dafür ist für mich – neben der Organisation von soviel unfassbar großartiger Musik – Hans Falb gestanden, und so habe und behalte ich ihn in Erinnerung.
felix
Lang lebe Hauna!
Szene 1
Ein junger, ambitionierter Musikfan entdeckt zu Beginn der 1980er Jahre den Jazz. Er ist vor allem an den Livesituationen, an Konzertbesuchen interessiert. Entdeckt Festivals, große wie kleine. Und findet seinen Weg nach Nickelsdorf. Viel später wird er von einem ominösen Begriff hören: Boutique Festival, so als ob man von Hotelbesuchen reden würde. Gemeint sind die überschaubaren, nicht an Massenabfertigung interessierten, vom Charakter her stets freundlichen und stressfreien Veranstaltungen, für die der Begriff Event sicher nicht erfunden worden ist. Er steht 1985 zum ersten Mal vor dem Café Falb. Different Times, keine Autobahn umfährt den kleinen Ort Nickelsdorf. Das Verkehrsaufkommen ist groß, viele Autos rollen Richtung Osten und der Vorhang ist noch eisern. Austragungsort eines Festivals für improvisierte Musik mit viel afroamerikanischer Präsenz ist der hübsche Garten von Hans Falb. Nicht zu übersehen ist der Mann, der offenbar imstande ist, hier das Unmögliche zu verwirklichen. Zwar wirkt er etwas distanziert, aber er ist ein liebender, ein verrückter, jemand, der viel von sich hergibt für die Verwirklichung seiner Träume. Er beeindruckt den jungen Jazzfan, er beeinflusst ihn, er löst einiges in ihm aus.
Szene 2
1987 wird ein erstes unlimited-Festival organisiert. Die Nickelsdorfer Konfrontationen dienen als Steilvorlage. Der noch immer recht unerfahrene zukünftige Festivalmacher wendet sich auch an Hans Falb. Mit dem kommt man leicht ins Gespräch, man merkt es gleich, mit dem Mann kann man kooperieren. Er hilft und hilft aus, er ist kompetent, er kennt sich aus. Und so können Kosten und Mühen aufgeteilt werden bei der Organisation zumindest eines Wunschkonzerts. Im konkreten Fall betrifft es das Engagement von Fred Van Hove, Johannes Bauer und Paul Lovens. Wir freuen uns!
Szene 3
Wertschätzung durch gegenseitige Besuche von Freund:innen innovativer Strömungen der improvisierten Musik, über die vielen Jahre, immer wieder. Und immer wieder Begegnungen mit diesem (zumeist) liebenswerten Menschen, der freilich auch nicht ohne ein starkes Team von Unterstützer:innen auskommt. Hans Falb macht sehr viel möglich, er belebt für ein paar Tage einen ganzen Ort mit seinem Ort, seinem Lebensmittelpunkt, dem familieneigenen Weingarten, dem Wirtshaus, der Jazzgalerie – dieses Alles in Einem.
Szene 4
Krisen! Autobahnen, die können nur Krisen. Geschäft bleibt aus. Einkommen bleibt aus. Letzten Endes wird nun doch ein Verein gegründet. Aber Hans Falb ist kein Vereinsmeier. Zu eigenwillig, manche meinen stur und störrisch. Schwierige Zeiten werden gemeistert, überwunden. Es geht weiter, aber die Stimmung ist nicht mehr die selbe.
Szene 5
Patti Smith spielt ein Open-Air-Konzert im Schl8hof Wels. Diese klasse Frau und Musikerin als sympathischer Rockstar. Abschottung gehört hier zum Geschäft, sogenannte Securities, die Menschen vom Sicherheitsdienst, übernehmen das. Das Konzert ist wie zu erwarten ausverkauft und großartig. Musiker:innen ziehen sich in ihren Bereich zurück. Ein Blick in den abgesicherten Backstagebereich ergibt jedoch ein überraschendes Bild: Hier sitzt Hans Falb, so als wäre es das Normalste der Welt. Ist es ja auch. Beschränkungen sind schließlich da, um ignoriert und überwunden zu werden.
Szene 6
Eine langweilige Autofahrt irgendwo in Oberösterreich. Im Display erscheint Haunas Nummer aus der Jazzgalerie. Er meldet sich freudig aufgeregt und kündigt an, das unlimited besuchen zu wollen. Gleichzeitig bedankt er sich. Aber wofür? Er hat gelesen, dass ich ihn in einem Interview als „Keith Richards der improvisierten Musik“ bezeichnet habe. Etwas verdutzt nehme ich das zur Kenntnis, nicht aber ohne den Versuch, mich an diesen Sager zu erinnern. Ich scheitere. Später wird es sich aufklären lassen: Es bleibt ein Sager aus einem Text, der in einem der letzten freiStil-Magazine erschienen ist. Lang lebe Hauna!
Wolfgang Wasserbauer

Am 4. April wäre Hans ‚Hauna‘ Falb 72 Jahre alt geworden. Das soll jetzt kein Nachruf werden, eher eine persönliche Erinnerung und Annäherung an einen Menschen, mit dem ich eine lange Strecke des Weges gegangen bin.
Der Hauna und ich
Das ist eine lange Geschichte. Begonnen hat sie, obwohl ich nicht in Nickelsdorf aufgewachsen bin, vor mehr als 50 Jahren. Als er, nach einem Aufenthalt in der Lungenheilanstalt Hirschenstein, vom Gymnasium Bruck an der Leitha in das von Neusiedl am See gewechselt hat. Ihm ging ein Ruf als wilder Hund voraus, was mir, dem fünf Jahre jüngeren,imponiert hat. Ich kannte auch die ganze Nickelsdorfer Partie, ein umtriebiger Haufen, schon gut, waren sie doch Stammgäste in der angesagten Neusiedler Disco Checkpoint. Auch meine zukünftige Frau und Lebensmenschen Hilde habe ich da kennengelernt.
Zusammengebracht haben Hauna und mich aber auch unsere gemeinsame musikalische Neugierde. Bald besuchten wir zusammen Konzerte in Wien und anderswo und tauschten uns über unsere Eindrücke aus. Vielleicht oft kontroversiell, aber immer unserer Leidenschaft nachgehend.
Seine Eltern hatten ein altes Nickelsdorfer Gasthaus geerbt und boten Hauna an, sie bei der Betriebsgründung zu unterstützen, inklusive Abriss und Neubau. Er willigte ein, unter der Voraussetzung, völlig verrückt!, in den Kellerräumen einen Jazzclub, in Nickelsdorf!!, zu betreiben. Und fragte mich, den jüngeren Schulabbrecher, ob ich Interesse hätte, dort mitzuarbeiten. Ich willigte begeistert ein. So begann eine enge gemeinsame Zeit im Geist der Freundschaft und der Musik.
Im Oktober 1976 war es dann soweit, das Restaurant und die Jazzgalerie im Keller eröffneten. Und bereits einige Wochen später fand das erste Konzert statt, mit dem legendären Klarinettisten Fatty George und seinem All-Star-Ensemble, ein zweitägiges Gastspiel. Im Frühjahr davor hatten wir ein Treffen mit ihm am Wiener Petersplatz, auf der Baustelle zu seinem wiederauferstehenden Saloon. Fatty war dann auch der Namensgeber der Jazzgalerie, der vom ursprünglich geplanten Namen Yasmina, nach einem Album von Archie Shepp aus 1969, abriet, ein Glücksfall. Im Sommer 1976 waren wir auch noch gemeinsam mit Freunden in Montreux, wo wir unter anderem das Sun Ra Arkestra und Cecil Taylor hörten und begeistert waren.
Der Hauna war ein Gastwirt, wie man ihn sich nur wünschen konnte, das Restaurant war gut besucht, die Küche war modern, Scampi, Pfeffersteak und der legendäre Indische Reistopf, die Gäste kamen von nah und fern, ein Hotspot. Nickelsdorf war damals, vor dem Bau der Autobahn, ein belebter Ort an der Hauptverkehrsstraße nach Osten, die letzte Station vor dem Eisernen Vorhang. Reisende machten lieber hier Station als in Ungarn, die Fernfahrer wussten, dass sie beim Hauna auch nach Mitternacht, heute undenkbar, noch Gastfreundschaft genießen konnten. Dafür brachten sie uns auch immer unseren geliebten Van Nelle-Tabak aus Holland mit.
Das Geschäft ging gut, und auch die Konzerttätigkeit der Jazzgalerie nahm Fahrt auf. Neben traditionellem Jazz waren es bald vermehrt Auftritte von Musikern der freien Szene und bald auch von internationalen Gästen. Im Detail nachzulesen in der 20 Jahre-Jubiläumsbroschüre, gestaltet von Angela Edlinger, und in der Dissertation von Philipp Schmickl, „Cosmopolitan Improvising at a Jazz Festival at the Borders“, die in Buchform erscheinen soll. Haunas und meine musikalische Entwicklung schritten rasch voran, für manche im unmittelbaren Umfeld vielleicht zu rasch. Dafür fand unser Programm immer breiteren Zuspruch, die Szene und das Angebot in Wien waren noch dünn. Mit viel Enthusiasmus machten wir auf uns aufmerksam. Ich machte die Bar, servierte, legte Platten auf, schrieb die Texte zum Programm, mit Helfern kopierten wir sie mit Wachsmatrizen und bündelten sie für den Postversand. Und auch Plakate mit künstlerischem Anspruch sollten nicht fehlen.
Bald stellte sich dann die Frage nach einem Festival. Das in Wiesen, das bereits 1976 erstmals stattfand, war uns ein Beispiel und ermutigte uns. Nachdem die Idee, den Kleylehof als Veranstaltungsort zu wählen, sich glücklicherweise als nicht realisierbar erwies, begannen wir dort, wo es heute noch ist, in einem überschaubaren Rahmen mit all seinen Vor- und Nachteilen. Es war ein Vorhaben, das nur Dank der Hilfe unzähliger Freunde und Mitstreiter verwirklicht werden konnte. Hauna konnte begeistern und mitreißen, sein Gasthaus war stets ein offener Ort, im metaphorischen wie im buchstäblichen Sinn. Ein Ort, in dem immer alle willkommen waren, ein Lebensraum und Wohnzimmer für viele von uns. Der Rest ist Jazzgeschichte.
Hauna war ein warmherziger Mensch, immer nach Neuem suchend und begeisterungsfähig; einer, der vieles ermöglicht hat. Natürlich war er auch ein Querkopf und stur, hat sich nicht gescheut anzuecken und hat dabei manchmal auch Grenzen überschritten. Leider hat er zuletzt zuwenig auf sich selbst und seine Gesundheit geachtet. Er hat Großes geleistet und wird unvergessen bleiben. Ich verdanke ihm vieles. Spätestens jetzt ist er in der ewigen Hall of Fame gelistet. Wir vermissen ihn sehr.
Reinhard „Grölli“ Stöger
