15 Jahre, graue Haare


Ein kleines Manifest zum Geburtstag

Dieses merkwürdige Magazin für Musik und Umgebung wird an diesem Tag 15 Jahre alt. Das ist, an den anfänglichen Prognosen gemessen, einigermaßen erstaunlich und ein gehöriger Grund zum Feiern, solange man während des von Ärgernissen verursachten Wachstums grauer Haare gewisse gesellschaftliche Zustände nicht aus den Augen und aus dem Hirn verliert. Zwar haben wir uns bis zum Abflauen pandemischer Zustände auf ein von der Öffentlichkeit isoliertes Fest zu beschränken, werden uns aber, bis es so weit ist, mit einem Katastrophenmantel* zu schützen wissen.

"Es gibt kein anderes Medium, in dem solche Texte zu lesen sind", sagt Nicole Selmer, die stellvertretende Chefredakteurin des glänzenden Fußballmagazins ballesterer im Interview der vorliegenden, neunzigsten freiStil-Ausgabe. Gleiches gilt für diese Musikillustrierte. Themen und Texte darüber, die eine/n brennend interessierten, waren zur Gründungszeit nirgends sonst zu lesen und sind es auch gegenwärtig nicht - abgesehen von manchen im englischen The Wire, in grauer Vorzeit in der deutschen Jazzthetik und bis unmittelbar vor der freiStil-Gründung im österreichischen JazzLive, jetzt sind sie größtenteils tot*.

freiStil ist also seit 1. Mai 2005 eine selbstbestimmt gemachte Zeitschrift von Fans für Fans und solche, die es, auch wenn sie es noch nicht wissen, unbedingt werden wollen. Es hat sich aber auch sukzessive zu einem musicians magazine entwickelt. Fast ein Viertel der Abonnentinnen und Abonnenten besteht aus Musikerinnen und Musikern. An dieser Stelle werden zum wiederholten Mal alle Mitwirkenden, die schreibenden, fotografierenden, abonnierenden, lesenden und sympathisierenden, tausendfach bedankt! Wahre Liebe ist stärker als der Tod*.

Unerfreulicherweise befinden wir uns in Zeiten, da dieses Land, und nicht nur dieses, auf ein autoritäres Regime zusteuert, in dem der Zynismus zum guten Ton gehört, man erinnere sich nur an des Kanzlers so zynischen wie gebetsmühlenartig wiederholten Sager von der "illegalen Migration". Dazu passend, wünschen sich erhebliche Teile der Bevölkerung dieses und anderer Herrenmenschen Länder einerseits etwas mehr Nationalsozialismus und wettern dabei andererseits gern gegen Missstände in den Vereinigten Staaten von Amerika - zum einen ein verklausulierter Ausdruck von Antisemitismus, zum anderen tatkräftig unterfüttert von einem vertrottelten, gemeingefährlichen Präsidenten. Von Tiervergleichen ist abzuraten, selbst wenn uns Ratten von außergewöhnlicher Größe* zu umzingeln scheinen.

An den Klippen des Wahnsinns* äußern sich hingegen Künstlerinnen und Intellektuelle dies- und jenseits des Atlantiks klar und deutlich gegen die Gier und die grassierende Heimattümelei in Ländern, die bis heute nicht zuletzt vom Kolonialismus profitieren. Um nur jeweils fünf Schriftstellerinnen stellvertretend für viele zu nennen, lassen die Texte von Elfriede Jelinek, Karl Kraus, Josef Winkler, Thomas Bernhard und Gert Jonke auf der eine Seite des großen Teichs sowie James Ellroy, Toni Morrison, Thomas Pynchon, Philip Roth und David Foster Wallace auf der anderen keinen Zweifel daran, an welche Bedingungen ein humanistisch geprägtes Zusammenleben geknüpft ist.

Das gilt freilich auch für die Musik aus dem einen oder dem anderen Land und erst recht im Bewusstsein, dass deren Entstehung keiner Nennung von geografischer Herkunft bedarf. Man kann sich - auch angesichts der in dieser Gazette porträtierten und protegierten Künstler*innen - ein name dropping zur Gänze ersparen, um an ihnen zu illustrieren, dass sie, auf ihre jeweils individuelle Weise, den Weg aus der Höhle der Verzweiflung* weisen. Sie formulieren die unverzichtbaren Voraussetzungen für ein respektvolles Miteinander, wenigstens für eine friedliche Koexistenz. "This land is your land, this land is my land", sang einst der große Musikant Woody Guthrie - und auf seiner Gitarre stand geschrieben, worauf es in einer Gesellschaft unter anderem ankommt, die Solidarität als höchstes Gut pflegt: "This machine kills fascists". So hängt alles zusammen, wenn man sich nicht auseinanderdividieren lässt.

Wien, am 1. Mai 2020

P.S.: Bei allen mit einem * markierten Passagen handelt es sich um Zitate aus Rob Reiners Fantasyfilm "Die Braut des Prinzen" (The Princess Bride), 1987.