Weitermachen wie bisher?


Elf Jahre freiStil, viele Fragen, keine Antwort

Am heutigen Tag jährt sich die Existenz des freiStil-Magazins für Musik und Umgebung zum elften Mal. Das ist fesch und freut uns sehr. Herzlichen Dank an alle, in welcher Form auch immer Beteiligten! Wir konnten einiges bewegen, anderes weniger, ganz anderes gar nicht. Daraus und aus der aktuellen politischen Situation drängen sich gewisse Fragen auf:

Was kann Musikjournalismus in Zeiten der Cholera leisten und was nicht, wozu und für wen ist er nützlich, wem kann er schaden?

Überall um uns herum exisitiert seit vielen Jahren hervorragende Musik, der wir uns nach Kräften verschreiben. Parallel dazu sind gegenwärtig fast überall um uns herum Faschisten im Vormarsch. In Österreich, in Ungarn, in Polen, in Deutschland, in der Slowakei, in der Schweiz, sogar in Frankreich.

Was tun?, fragte Wladimir Iljitsch Lenin. So what, titelte Miles Davis. Beide Antworten darauf gelten längst als Klassiker, die bis in die Gegenwart hinein, die vor allem auch eine Gegenwarte ist, Wirkung zeigen.

Was bedeutet es für die von uns geliebten Musiken, ihre Protagonistinnen, ihre Veranstalterinnen, ihre Fans, wenn etwa die FPÖ an die Hebel der Macht gerät? Wie wirkt es sich auf den Verstand aus, wenn das sogenannte "gesunde Volksempfinden" das Sagen hat? Wenn eine Politik, die Menschen verhetzt und permanent Ängste schürt, die wir dann angeblich ernstzunehmen hätten, durchgreift?

Was bedeutet es, wenn den Menschen tagtäglich von einer aggressiven Revolverpresse ins Hirn geschissen wird? Was bedeutet es, wenn der Konzernriese Amazon die nationalstaatliche Versorgungsorganisation austro mechana, die sich um die Rechte und die Existenz von Musikerinnen aus Österreich schert, vernichten will - und damit den SKE-Fonds, der so gut wie alle avancierten Musikproduktionen in diesem Land maßgeblich fördert?

Was bedeutet es, wenn sowohl der Schmied als auch der Schmiedl dieses Land mit Stacheldraht umzäunen und es nach außen abschotten wollen? Wenn eine Zone gesellschaftlicher Inzucht als Hochsicherheitstrakt geschaffen werden soll? Wie soll unter diesen Zuständen eine offene, libertäre Gesellschaft ermöglicht werden?

Ist davon auszugehen, dass die Verhältnissse, gegenwärtig und vermehrt in Zukunft, Menschen ins Prekariat zwingt. Was macht das mit ihnen? Was bedeutet das für Leute in Ländern wie unserem, dessen Bevölkerung gern ein bissel mehr Nationalsozialismus an der Macht hätte? Was hat das für Menschen zu bedeuten, denen sukzessive ihre Existenzgrundlage entzogen werden soll? Wiederholt sich die Farce als Tragödie?

So what? Was tun? Weitermachen wie bisher?

Wien, am 1. Mai 2016