HUNDATA


Kein Ruhmesblatt

Als am 1. Mai 2005 die erste Ausgabe dieser avanciert gemeinten Musikillustrierten erschien, wusste kein Mensch, kein Schwein, kein Herausgeber, wie lange dieses Experiment gehen, geschweige denn gutgehen kann. Hätte sich nach kurzer Zeit herausgestellt, dass diese Ambitionen kaum jemanden interessieren, hätten wir den Schweif wieder eingezogen. Nach wenigen Jahren hat sich aber herauskristallisiert, dass eine tragfähige Fangemeinde existiert.

Auch in der 100. freiStil-Ausgabe müssen die Geschichte dieses Magazins und seine Etappen bis zum heutigen Tag nicht schöngeredet werden. Reichtum ist immer noch ein weit entlegenes Fremdwort, nicht einmal Honorare können für die großartige Mitarbeit der Kolleginnen und Kollegen gezahlt werden, alles an diesem Fahrzeug ist prekär und bewegt sich für +/- null Geld. Das ist kein Ruhmesblatt, lässt sich aber unter den gegebenen Umständen nicht vermeiden ? außer durch Aneignung von Korruption: Inserate oder Bargeld für Reviews und dergleichen Nonsens.

Freundlicherweise erinnerte uns eine Ö1-Redakteurin an die ursprüngliche Mitarbeitsmobilisierungs-Email inklusive eines Zitats von Antonio Gramsci: ?Eine Zeitschrift kann, ebenso wie eine Zeitung oder ein Buch oder jedes andere didaktische Ausdrucksmittel, das im Vorhinein auf eine bestimmte Zielgruppe von Lesern, Zuhörern usw. ausgerichtet ist, nicht alle im gleichen Maße befriedigen, nicht für alle im gleichen Maße nützlich sein usw.: Es kommt darauf an, dass sie auf alle anregend wirkt, denn keine Publikation kann das denkende Hirn ersetzen oder dort intellektuelle oder wissenschaftliche Interessen aus dem Boden stampfen, wo allein Interesse an Kaffeehausklatsch vorhanden ist.?

Wer da aller wichtig war und ist in diesen bald 17 Jahren, ist nur auszugsweise namentlich zu machen und trifft es doch bei weitem nicht. So viele Leute tragen das Gerüst dieser Musikmagazin-Konstruktion, ohne die alles längst in sich zusammengebrochen wäre: Mitarbeiterinnen, Abonnentinnen, Sympathisantinnen, Inserentinnen, ... Maßloser Dank an alle, die sich ideell, materiell, journalistisch, fotografisch, ideologisch, spirituell, sozial oder/und individuell dafür stark gemacht haben bzw. uns den mitunter schwächelnden Rücken gestärkt haben!!!

Auffällig ist, dass beinahe alle Printmagazine, die es gab, als wir die ersten freiStil-Schritte setzten, ins Internet oder gleich ganz von der Bildfläche verschwunden sind. Das ist zu bedauern und womöglich ein Indiz dafür, dass im Neoliberalismus ein von wirtschaftlichen und politischen Zudringlichkeiten unabhängiger Journalismus sukzessive auf der Strecke bleibt. Was aber in jedem Fall bleibt, ist die Sehnsucht nach einem freizügigen Umgang mit Solidarität, Liebe und Kritik. Schüttet also bitte auch weiterhin lieber zu viel als zu wenig Sound ins Getriebe!

Andreas Fellinger aka felix

Wien, am 1. März 2022