FreeJazzFestival Saarbrücken, 25. bis 29. März
Um das beim FreeJazzFestival Saarbrücken unvermeidliche Dauerthema hier gleich zu Beginn abzuhandeln: Keine Frage, eine einzige Frau (die großartige Tenorsaxofonistin Ada Rave) auf 32 Musiker (bei zehn Konzerten, ohne den Workshop und den Frühschoppen) ist im Jahr 2026 natürlich nicht nur unzeitgemäß, sondern ein Unding. Aber nicht wegen irgendwelcher (oft auch von Geldgebern auferlegten) Genderquoten und politischer Korrektheiten, sondern deshalb, weil es ja fast schon eine Kunst ist, angesichts der Vielzahl großartiger Musikerinnen, die längst auch im Bereich freier Jazz, Impro und sonstiger Avantgarde heutzutage eine erfreuliche Selbstverständlichkeit sind, so wenige Frauen auf der Bühne stehen zu haben!
Nun ist es freilich nicht so, dass Stefan Winkler, der künstlerische Leiter des Festivals, in irgendeiner Weise chauvinistisch oder antifeministisch veranlagt wäre, irgendein böser, intentionaler Wille ist ihm da keinesfalls zu attestieren. Es sind vielmehr die Philosophie und der konzeptionelle Ansatz dieses heuer zum elften Mal über die Bühnen gegangenen Festivals, die als Erklärung eignen: Wie der Titel schon nahelegt, geht es hier tatsächlich um Freejazz, also im besonderen um die Art von Musik, die sich in den 70ern und danach selbst so benannte, die Würdigung der Altmeister, also der im Sinn einer Kalendarik schon älteren, aber hinsichtlich sozialem und psychologischem Alter kreativ jung gebliebenen Garde ist deshalb ein zentrales Anliegen; FreeJazzFestival Saarbrücken ist, übertrieben gesagt, eine Art Refugium, quasi ein safe space der überwiegend Altvorderen. Im Mittelpunkt stehen nicht nur, aber in erster Linie alt gediente Fahrensmänner, die teils schon im letzten Quartal des letzten Jahrhunderts auf der Bühne röhrten und dröhnten, mithin zu einer Zeit also, als Frauen, sieht man von Ikonen wie Joëlle Léandre, Zeena Parkins oder Irène Schweizer einmal ab, tatsächlich noch die große Ausnahme waren. Long story short: Man kann das trotzdem als unzeitgemäß empfinden oder aber als Ausdruck einer kuratorischen Dickschädligkeit, die den Zeitumständen kaum Konzessionen gewährt, für die Winkler ja kein Unbekannter ist, aber nicht als absichtlich maskulinistisches Statement.

Jugendwahn hat in Saarbrücken (auch vor der Bühne) jedenfalls keine Chance! Da ist es schon ungewöhnlich, wenn mit Bioluminus (Ada Rave, ts, ss; Aaron Lumley, b; Onno Govaert, dr) ein in Amsterdam lebendes U50-Trio auf der Bühne abgeht. Die drei liefern zünftigen, gehaltvoll-treibenden Freejazz ohne die ganz großen Explosionen; auch das Christian Marien Quartett (Tobias Delius, ts, cl; Jasper Stadhouders, g; Antonio Borghini, b; Christian Marien, dr, g) kann als vergleichsweise juvenil gelten. Die Combo sticht zudem mit dem melodiösesten Set des ganzen Festivals heraus: Da stand sogar alles Ernstes ein Notenständer auf der Bühne, im solcherart vorstrukturierten Modern Jazz, der freilich viel Raum für Improvisiertes bot, mischten sich sogar Motive aus Jazzstandards und einige bekannte Rocktunes. Geballte Erfahrung on stage hingegen bei Frush (Luc Houtkamp, sax; Steve Beresford, p; Martin Blume, dr; Sebi Tramontana, tb). Konzentriertes, feinsinnig-freies Spiel ohne große Posen oder Freak-outs: einfach nur sehr gute Musik, in der sich Jahrzehnte Impro-Erfahrung verdichten! Gleiches ließe sich über LDL mit Urs Leimgruber (ss), Jacques Demierre (p), Thomas Lehn (synth) sagen. Außer zweier kurzer High-Energy-Phasen versandet der Gig aber leider über weite Strecken in sonoren und vor allem monotonen Sopran-Sax-Stößen: viel zu lang, fast schon einschläfernd; aber die Freude, Leimgruber trotz gesundheitlicher Probleme in jüngerer Vergangenheit wieder aktiv zu sehen, überstrahlte dergleichen Fadesse.
Heiter und beschwingt ging es natürlich bei JR3 (Olaf Rupp, g; Rudi Mahall, cl; Jan Roder, b) zur Sache, die Akustik unter Deck im ehemaligen Kohlentender, das heute als „Theaterschiff“ dient, war für Gäste, die nicht ganz vorner sitzen konnten, freilich suboptimal. Überhaupt die Location-Problematik, mit der das FreeJazzFestival Saarbrücken ja nicht alleine dasteht: Aus finanziellen Gründen fand das Festival heuer Zuflucht an neuem Ort, der Konzertvenue „Sektor Heimat“, durchaus urban und charismatisch in einem ehemaligen, riesig dimensionierten Werkstoffdepot direkt an der Saar gelegen und Saarbrückens meist zynisch gemeinten Nickname „Saarbrooklyn“ hier alle Ehre machend. Es fehlt hier freilich, wie überhaupt in vielen mittelgroßen Städten, zusehends an mittelgroßen Spielstätten. Für die diesjährige Ausgabe hieß das: drangvolles Haus, aber der Umsatz beim Getränkeverkauf geht nicht mehr an den Veranstalter, sondern an das Gastrounternehmen.

Dergleichen Umstände vermochten am letzten Abend der Begeisterung freilich keinen Dämpfer zu verpassen, zu grandios war das Gebotene: Wenn Lean Left (Ken Vandermark, sax, cl; Terrie Hessels, g; Andy Moor, g; Paal Nilssen-Love, dr) abgehen, ist das veritabler Punkrock, hard working men, die wirklich alles raushauen, was sie haben, und das dankbare Publikum mit Energie nur so vollpumpen, Ohrenstöpselgebrauch ist hier anzuraten! Zuvor indes das Highlight des Festivals, ein Konzert, das in Sachen individuelles Können, Hingabe und Intensität selbst von Lean Left nicht mehr zu toppen war: John Edwards (b) und Steve Noble (dr) haben haben ja früher oft mit Peter Börtzmann gehottet, an seiner Stelle gab hier Alan Wilkinson den Sax-Berserker: Eine Epiphanie des Freejazz, der quicklebendige Beweis, dass er lebt und kein bisschen seltsam riecht, sofern nur die richtigen Musiker – und Musikerinnen! – auf der Bühne stehen!