MIKE WESTBROOK
the piano in the room and the blues
AlAy

Gerade noch rechtzeitig zu Mike Westbrooks 90. Geburtstag erschienen unveröffentlichte Aufnahmen aus 2006. Drei Wochen nach seinem Geburtstag verstarb er im Krankenhaus von Exeter. Mike Westbrook spielte damals solo im Falmouth Arts Centre. Zwei Tage lang saß er an einem Steinway-Flügel mitten in einer Ausstellung seiner Frau Kate Westbrook, umgeben von ihren Bildern. Falmouth ist eine lebendige Hafenstadt in Cornwall, immer wieder hört man auf der Aufnahme Möwengeschrei, dann wieder eine Turmuhr, hin und wieder auch die Besuchergeräusche in der Galerie.
Erschienen ist die vorliegende CD in der Reference-Reihe bei AlAy. Unter diesem Namen verstecken sich die ehemaligen Hat Hut Records von Werner X. Uehlinger, der sie im vergangenen Jahr an den Schweizer Musiker Marco von Orelli und die Kommunikationsspezialistin Melanie Imhof verkaufte. Zusammen mit seinem langjährigen Honorary Producer Bernhard „Benne“ Vischer und dem eigentlichen Produzenten Martin Brändli betreibt der auch schon 90-jährige Uehlinger nun die AlAy AG, die sich allerdings verpflichten musste, bis 2028 keine Aufnahmen von lebenden Komponisten und Musikern zu veröffentlichen, ausgenommen solche aus den Archiven der früheren Hat Hut Records. Ziemlich schräg irgendwie. Bislang umfasst ihr Katalog drei Alben, Mitschnitte von Louis Armstrong, Albert Ayler und eben Mike Westbrook. Zynischerweise entspricht nun Westbrook den vertraglichen Vorgaben.
Westbrooks Aufnahmen fanden ohne eigentliches Publikum statt, letztlich in einem sehr intimen Setting. A man and his piano all alone, quasi. In seinem Spiel analysiert Westbrook den Blues in seinen vielen Facetten. Er beginnt mit vier Variationen eines achttaktigen Blues, Carillon Blues, die dem 1995 verstorbenen Kollegen Danilo Terenzi gewidmet sind, angelehnt bzw. inspiriert von Jimmy Yanceys Death Letter Blues. Im Prinzip erscheinen diese vier Variationen fast als klassische Sonate. Darauf folgen zwei Variationen eines zwölftaktigen Blues, Blues Changes. Die nächsten vier Nummern lehnen sich an Bessie Smiths Good Old Wagon (16-taktig) und Young Woman’s Blues (48-taktig) an. Den Abschluss bildet passenderweise Sunday Morning (no bar blues). Westbrook selbst meinte anlässlich der Veröffentlichung dieser Aufnahmen, sie würden einen Wendepunkt in seinem musikalischen Denken darstellen. Er hätte fast unendlich lange Zeit gehabt, sich mit dem Blues, seinen Wurzeln und seinen eigenen zu befassen, in einer Umgebung, die ihn in jeder Form inspirierte. Für Hörer:innen ist es spannend, die einzelnen Variationen zu vergleichen und Westbrooks unterschiedliche Herangehensweisen an ein Thema zu verfolgen. Letztlich ist dieser Mitschnitt das Dokument einer musikalischen Entdeckungsreise mit offenem Ausgang; nicht zu vergleichen mit den in sich geschlossenen Alben wie Starcross Bridge (2018), Paris (2016) oder Piano (1978). Nachträglich möchte man alles Gute wünschen, wäre es nicht zu spät dafür. Deshalb: R.I.P.
susch